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18. Januar 2008, 09:43 Uhr

Eskalation in Nahost

Israel riegelt den Gaza-Streifen ab

"Keine Kompromisse, kein Nachgeben, kein Mitleid": Israels Ministerpräsident Olmert geht scharf gegen militante Palästinenser vor. Die Grenzen zum Gaza-Streifen sind geschlossen, neue Luftangriffe geplant. Palästinenserpräsident Abbas droht nun mit Rücktritt.

Gaza/Jerusalem - Als Antwort auf den Beschuss Israels mit palästinensischen Raketen hat der israelische Verteidigungsminister Ehud Barak gestern die erneute Abriegelung des Gaza-Streifens angeordnet. Die Maßnahme gelte für alle Grenzübergänge, berichtete der israelische Rundfunk. Betroffen seien auch die Übergänge, die für die Belieferung mit Treibstoff und Hilfsgütern genutzt werden.

Rauchwolke nach einem Raketenangriff bei Sderot: Israel will hart gegen Militante vorgehen
AFP

Rauchwolke nach einem Raketenangriff bei Sderot: Israel will hart gegen Militante vorgehen

Die Zeitung "Jerusalem Post" berichtet unter Berufung auf einen hohen Beamten der palästinensischen Autonomiebehörde, dass Palästinenserpräsident Mahmud Abbas für den Fall weiterer israelischer Militäroperationen im Gaza-Streifen und im Westjordanland über seinen Rücktritt nachdenke. "Der Präsident hat gesagt, dass er zurücktreten wird, wenn die militärische Eskalation und das tägliche Töten weitergehen", sagte der namentlich nicht genannte Beamte.

Als ersten Schritt in Richtung auf eine Aussetzung der Friedensgespräche mit Israel denke Abbas darüber nach, das palästinensische Verhandlungsteam aufzulösen, so der Beamte. Israels Aktionen untergraben die Autorität der Autonomiebehörde und trieben mehr und mehr Palästinenser in die offenen Arme radikaler Organisationen wie Hamas und Islamischer Dschihad. Abbas sei vor allem darüber erzürnt, dass Israel seine Militäroperationen so kurz nach dem Besuch von US-Präsident George W. Bush in der Region forciert habe. Abbas Sprecher Nabil Abu Rudeineh beschuldigte Israel, die Friedensgespräche zu sabotieren.

Barak wies die israelischen Streitkräfte unterdessen an, weiter eine größere Militäroperation im Gaza-Streifen vorzubereiten. Nach Angaben der Zeitung "Haaretz" versprach Barak bei einem Besuch im Negev, dass das Militär alles unternehmen werde, um den Beschuss mit selbst gebauten Kassam-Raketen endgültig zu stoppen.

"Den andauernden Beschuss nicht akzeptieren"

Bei einem neuen israelischen Luftangriffen im Gaza-Streifen ist heute im Flüchtlingslager Dschabalia ein Palästinenser getötet und zwei weitere zum Teil schwer verletzt. Nach Angaben einer israelischen Militärsprecherin sollen die Männer zuvor vom Gazastreifen aus selbst gebaute Kassam-Raketen auf Israel abgefeuert haben. Auch im Westjordanland ist nach palästinensischen Angaben am Morgen ein von Israel gesuchter Palästinenser getötet worden.

Bereits gestern waren insgesamt sieben Menschen ums Leben gekommen. Israel will mit den jüngsten Luftschlägen den Beschuss des Landes durch militante Palästinenser unterbinden. Der israelische Ministerpräsident Ehud Olmert sagte am Donnerstag in Tel Aviv, Israel werde Hamas und Islamischer Dschihad weiter "ohne Kompromisse, ohne Nachgeben und ohne Mitleid bekämpfen". Israel könne "den andauernden Beschuss seiner Bürger nicht akzeptieren". Man werde sich dabei bemühen, palästinensische Zivilisten zu verschonen.

Gestern Abend starben nach Angaben von Augenzeugen zwei Hamas-Aktivisten beim dritten israelischen Angriff des Tages im Gaza-Streifen. Vier weitere Menschen seien verletzt worden, hieß es. Das israelische Militär wollte sich dazu zunächst nicht äußern.

In der Stadt Beit Lahija starben drei Palästinenser, als eine israelische Rakete ein Pferdefuhrwerk traf. Nach Angaben von Augenzeugen und Rettungskräften waren auch eine Frau und ihr Kind unter den Opfern. Drei weitere Palästinenser wurden verletzt. Zuvor waren bei einem israelischen Angriff in der Nähe des Flüchtlingslagers Dschebalia zwei Palästinenser ums Leben gekommen.

Bei den Getöteten handelte es sich nach palästinensischen Angaben um ein Mitglied des militanten Volkswiderstandskomitees und dessen Frau. Drei weitere Palästinenser wurden nach Krankenhausangaben verletzt.

Tiefe Sorge bei der Uno

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon zeigte sich "tief besorgt" über die neue Eskalation der Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern. "Der Generalsekretär erinnert alle Seiten an ihre Verpflichtung, das internationale Menschenrecht einzuhalten und keine Zivilisten zu gefährden", sagte eine Uno-Sprecherin gestern in New York. Ban sei beunruhigt wegen des Blutvergießens auf beiden Seiten und wegen der Gefahr weiterer Zwischenfälle, sollte sich die Lage nicht entspannen. Er verlangte eine sofortige Einstellung der palästinensischen Raketenangriffe auf Israel und forderte die israelischen Verteidigungskräfte zu größter Zurückhaltung auf.

Militante Palästinenser hatten zuvor den heftigen Raketenbeschuss Israels fortgesetzt. Nach Angaben der Armee schlugen 13 Kassam-Raketen in israelischen Grenzgemeinden zum Gaza-Streifen ein. In der Grenzstadt Sderot sei eine Frau leicht verletzt worden. Die militanten Flügel der radikal-islamischen Palästinensergruppe Hamas sowie der Fatah-Bewegung von Abbas übernahmen die Verantwortung für die Raketenangriffe.

Seit Dienstag sind nach israelischen Armeeangaben mehr als 110 Kassam-Raketen aus dem Gaza-Streifen auf Israel abgefeuert worden. Nach einer längeren Feuerpause setzten militante Hamas-Kämpfer damit den Beschuss Israels wieder fort. Zuvor war bei einem israelischen Militäreinsatz der Sohn des radikalen Hamas-Führers Mahmud al-Sahar getötet worden. Bei israelischen Militäreinsätzen, die nach Angaben der Armee gegen den Raketenbeschuss gerichtet waren, sind seit Dienstag 25 Palästinenser, darunter auch mehrere Zivilisten, ums Leben gekommen.

ffr/dpa

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