Eskalation in Thailand Feuer frei in Bangkoks City

In Thailand scheint es kaum einen Ausweg aus der Krise zu geben - es droht ein Blutbad. Das liegt nicht nur am offensichtlichen Unvermögen der Regierung, mit der außerparlamentarischen Opposition zu verhandeln. Sondern auch an der Unfähigkeit von Polizei und Armee.

Aus Bangkok berichtet Thilo Thielke

Thilo Thielke

Eine schwarze Rauchwolke hängt über dem Stadtzentrum Bangkoks. Die Regierung in Thailand ist nervös. Zunächst kündigt sie eine Ausgangssperre für Teile der Sieben-Millionen-Stadt Bangkok an, wenige Stunden später verwirft die Armee diesen Plan. "Wir befürchten, dass die negativen Folgen für die Öffentlichkeit die Vorteile überwiegen", sagt ein Sprecher.

Dennoch herrscht Ausnahmezustand. Schulen bleiben am Montag geschlossen. Die deutsche Botschaft bleibt geschlossen - es sei zu gefährlich, jetzt dorthin vorzudringen, heißt es. Thailands Regierung hat erklärt, man werde das Rote Kreuz in das Sperrgebiet schicken, um Frauen und Kinder zu evakuieren. Aber was passiert danach?

Am Sonntag keimt Hoffnung auf eine friedliche Lösung auf. Ein Anführer der Protestbewegung bietet der Regierung neue Gespräche an. Doch nur unter Bedingungen: Wenn das Militär sich zurückziehe und aufhöre zu schießen, seien die Rothemden zu neuen Verhandlungen bereit, erklärt er. Zudem fordert er die Vereinten Nationen auf, die Rolle eines Vermittlers zu übernehmen.

Doch die Regierung zeigt sich hart und lehnt das Verhandlungsangebot ab. Es gebe keinen Grund für einen Rückzug der Armee, sagte Regierungssprecher Panitan Wattanayagorn.

Auf dem seit Wochen besetzten Rachaprasong-Platz campieren Tausende, viele Frauen, einige haben ihre Kinder dabei. Scheinbar gelassen warten sie auf den Sturm der Armee. Aber wie soll das gut gehen? Dass die Lage in Thailand eskaliert und immer mehr Beobachter von einem drohenden Bürgerkrieg sprechen, liegt nicht nur an der Unfähigkeit von Premierminister Abhisit Vejjajiva, der sich seit Wochen auf einem Kasernengelände versteckt hält, statt eine politische Lösung zu suchen. Sie hat auch mit dem Dilettantismus von Militär und Polizei zu tun.

Erst ließen die Ordnungskräfte die Regierungsgegner ungehindert einen weiten Teil der vornehmen Innenstadt besetzen und lahmlegen. Dann kamen die Soldaten, die Pumpguns, Scharfschützengewehre und M-16-Sturmgewehre mit sich herumschleppen. Was will man mit Kriegswaffen gegen Demonstranten bewirken? Man kann sie damit allenfalls totschießen. Vertreiben tut man sie mit Tränengas, mit Wasserwerfern und Gummigeschossen. Doch in Thailand haben Regierung und Armee mittlerweile nach eigenen Angaben mehr als fünfzig Rothemden erschossen (die Zahl steigt ständig), mehr als 1500 sind verletzt worden.

Fotostrecke

19  Bilder
Bangkok: Schüsse, Tränengas, brennende Barrikaden

Wie gefährlich die Situation ist, zeigt folgende Szene. Samstagnachmittag an der Rachparop Road in Bangkoks umkämpfter Innenstadt: Regierungsgegner halten seit Stunden die Din-Daeng-Kreuzung besetzt, wollen verhindern, dass Militärnachschub durch die Stadt rollt. Ein Demonstrant hockt auf einem ausgebrannten Militärlaster und schwenkt eine rote Fahne. Ein paar Dutzend andere Protestler sind emsig damit beschäftigt, Barrikaden aus Autoreifen zu bauen: sie über die Straße zu rollen und dann aufzuschichten.

Einer trägt eine Zwille, ein Dicker, das Gesicht halbvermummt. Vor den Fotografen spielt er den Mutigen, posiert mit seiner Waffe. Dann plötzlich eröffnet das Militär das Feuer. Die Soldaten kommen für die Barrikadenjungs aus dem Nichts. Sie schießen aus einigen Hundert Meter Entfernung, wohl auch mit Scharfschützengewehren von Häuserdächern. Angegriffen worden waren sie von den Regierungsgegnern nicht. Gewarnt haben sie sie auch nicht.

Die Schüsse peitschen durch die Straßen, minutenlang. Plötzlich bricht der Dicke zusammen. Eine Kugel hat ihm den Unterarm durchschlagen, direkt neben dem Ellenbogen. Er schreit wie am Spieß. Dann wird er im Bauch getroffen. Die Armee schießt weiter. Zwei Rothemden stürmen aus der Deckung, bringen sich neben Journalisten in Deckung. Doch noch immer kauern fünf Demonstranten hinter dem Reifenstapel. Bestimmt zwanzig Minuten lang. Danach sackt der nächste zusammen. Ein Schuss streift seine linke Schulter, eine blutende Wunde klafft. Dann wird der nächste getroffen, eine Kugel zerfetzt seinen Oberarm.

An einer anderen Stelle beobachtet der italienische Fotograf Fabio Polenghi, wie die Armee einen von Polizei eskortierten Ambulanzwagen beschießt. Nach einer Weile stürzen die Verwundeten hinter ihrer Reifenbarrikade hervor und bringen sich hinter einem Mauervorsprung in Sicherheit. Bestimmt eine halbe Stunde hatten sie hilflos hinter den Gummireifen gehockt, waren beschossen worden. Ein Wunder, dass sie alle überlebt haben. Die Armee erklärt später, sie habe in Notwehr gehandelt.

Viele Soldaten sind noch Teenager

Am Samstag wurden zwei Reporter angeschossen, mindestens ein Sanitäter wurde getötet. Viele der uniformierten Schützen sind halbe Kinder, sie geraten leicht in Panik. Aber wer gibt ihnen diese Befehle? Wer schickt sie mit Gewehren zu Demonstranten?

Das Militär in Thailand ist permanent gegen Moslem-Separatisten im Süden im Einsatz. Wie man gegen Leute vorgehen soll, die hauptsächlich mit Flaschen werfen, mit Zwillen Murmeln verschießen oder Silvesterraketen in den Himmel knallen, um damit die über ihnen kreisenden Polizeihubschrauber zu verschrecken, haben sie vermutlich nie gelernt.

Wie überfordert das Militär ist, zeigt ein Ereignis vor zwei Wochen: Am 28. April bewegte sich ein Tross von Rothemden aus Bangkok heraus. Einige Hundert vielleicht, die meisten auf Mopeds, andere mit Lastern und Pick-ups. Sie wollten den Protest aus der Innenstadt heraustragen. Anderthalb Stunden waren sie unterwegs, dann wurden sie von einer Barrikade von Militär und Einsatzpolizei gestoppt. Die Ordnungshüter hatten einfach eine der monströsen Ausfallstraßen Bangkoks gesperrt, dabei aber nicht an den Verkehr gedacht.

Die eigenen Kameraden unter Feuer genommen

Mehrere hundert Autofahrer steckten plötzlich in der Klemme: Vor sich scharf schießende Soldaten, hinter sich wütende Rothemden mit Zwillen. Martialisch ausgestattete Uniformierte stürmten durch die Kolonne. Schreiende Kinder. Weitaufgerissene Augen. Der einsetzende Regen beendete schließlich die Groteske und zwang die Rothemden zum Rückzug.

Tragischer Höhepunkt war schließlich, dass rund zwei Dutzend verängstigte und schwerbewaffnete Nachschubsoldaten auf Motorrädern von ihren Vorgesetzten durch den abrückenden Mob dirigiert wurden. Zwei wurden dabei fast gelyncht, aber von gemäßigten Demonstranten in Sicherheit gebracht.

Per Funk nahmen die Soldaten mit ihren Kommandeuren Kontakt auf. Es half ihnen nicht. Nachdem die Nachschubsoldaten entkommen waren und auf die eigenen, etwa einen Kilometer entfernten, Leute zu fuhren, wurden sie von ihren Kameraden für Angreifer gehalten. Die schossen wieder einmal - und töteten diesmal versehentlich einen der ihren. Später erklärte das Militär, der Todesschütze sei ein unbekannter Sniper gewesen.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 83 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Poisen82, 16.05.2010
1. .
Warum tragen die Demonstranten Ausweiskarten um den Hals? Gehört soetwas zu einer Demonstration in Thailand dazu? Wie schaffen es Demonstranten die nur mit Zwillen und Feuerwerkskörper bewaffnet seien sollen einen Militärlaster zu zerstören?
Miguelito 16.05.2010
2. Der König ist verantwortlich
Zitat von sysopIn Thailand scheint es kaum einen Ausweg aus der Krise zu geben - es droht ein Blutbad. Das liegt nicht nur am offensichtlichen Unvermögen der Regierung mit der außerparlamentarischen Opposition zu verhandeln. Sondern auch an der Unfähigkeit von Polizei und Armee. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,694997,00.html
Es liegt auch an der Unfähigkeit des Königs. Er wird vom ganzen thailändischen Volk hoch angesehen, ein Machtwort von ihm würde reichen, aber er zieht es ja vor zu schweigen. Ich mache ihn daher für jeden einzelnen Toten höchstpersönlich verantwortlich.
cha cha 16.05.2010
3. wo bleibt die UNO?
Zitat von sysopIn Thailand scheint es kaum einen Ausweg aus der Krise zu geben - es droht ein Blutbad. Das liegt nicht nur am offensichtlichen Unvermögen der Regierung mit der außerparlamentarischen Opposition zu verhandeln. Sondern auch an der Unfähigkeit von Polizei und Armee. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,694997,00.html
Die durch korrupte Polizei und unfähiges Militär gestützte Plutokratie Thailands hat nun endgültig abgewirtschaftet. Die Monarchie als das einigende Band Thailands hat sich selbst ins Nirwana befördert. Es wird Zeit, dass die UNO eingreift.
hardy641 16.05.2010
4. Falsch
Zitat von sysopIn Thailand scheint es kaum einen Ausweg aus der Krise zu geben - es droht ein Blutbad. Das liegt nicht nur am offensichtlichen Unvermögen der Regierung mit der außerparlamentarischen Opposition zu verhandeln. Sondern auch an der Unfähigkeit von Polizei und Armee. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,694997,00.html
Nein, das liegt an der Fuehrung der Roten, die genau diese Eskalation suchte und nun hat. Thaksin feiert sich irgendwo in einem Luxushotel und lacht sich schlapp ueber solche naive Berichterstattung der westlichen Medien.
heiko1977 16.05.2010
5. Uno
Zitat von cha chaDie durch korrupte Polizei und unfähiges Militär gestützte Plutokratie Thailands hat nun endgültig abgewirtschaftet. Die Monarchie als das einigende Band Thailands hat sich selbst ins Nirwana befördert. Es wird Zeit, dass die UNO eingreift.
Die UNO greift in innerpolitischen Konflikte und dies ist in Thailand der Fall nicht ein.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.