15. Dezember 2012, 10:48 Uhr

Anschlagsserie

Thailands Süden im Griff des Terrors

Von Freddy Surachai, Bangkok

Urlaubsparadies Thailand? Auf einer Liste der am meisten vom Terror gefährdeten Staaten rangiert das Land auf Platz acht, hinter Somalia und Nigeria. Bislang konzentrieren sich die Anschläge auf Provinzen fernab des Tourismus - die Regierung ist machtlos gegen die Gewalt.

Ephani Samoh starb an einem schönen Dezembertag um 7.13 Uhr morgens in einem Teegeschäft in Thailands tiefem Süden. Die Kugeln aus einer AK-47-Schnellfeuerwaffe hatten ihren kleinen Körper buchstäblich zersiebt. Ephani Samoh war nur elf Monate alt, ein Baby noch. Mit ihr fanden drei weitere unschuldige Menschen in dem Teegeschäft von Piyawat Mong in Narathiwat den Tod, vier wurden verwundet. Alle waren Muslime. Die Täter hatten mit einem Pick-up kurz vor dem kleinen Laden gestoppt. Sie waren in den Laden gestürmt und hatten mit der AK-47, die das kleine Mädchen tötete, und einem M-12-Schnellfeuergewehr wild um sich geschossen - um dann wieder zu verschwinden.

Der Gegenschlag ließ nicht lange auf sich warten: Um 12.50 Uhr drangen fünf Männer in Polizeiuniformen in die Baan-Bangor-Schule in der Gemeinde Panan ein, erschossen kaltblütig den von der Zentralregierung in Bangkok entsandten buddhistischen Schuldirektor Tatiyarat Chueykaew und seinen Lehrerkollegen Somsak Kwanma, die gerade beim Mittagessen zusammensaßen. Dann stahlen die Mörder den Kleintransporter eines der Schulangestellten und flohen.

Gewalt und Gegengewalt - die Spirale des Tötens und Getötetwerdens in den drei thailändischen Südprovinzen Yala, Pattani und Narathiwat dreht sich immer schneller. Dort kämpfen Separatisten für mehr Autonomie.

Das renommierte US-Institut für Wirtschaft und Frieden (IEP) setzte Thailand in seinem jüngsten "Global Terrorism Index" auf Platz acht der am meisten vom Terror gefährdeten Staaten. Dort rangiert das "Land des Lächelns" seit Jahren, mal einen Platz höher, mal einen niedriger, gleich hinter Irak, Pakistan, Afghanistan, Indien, Jemen, Somalia und Nigeria. 173 Anschläge mit terroristischem Hintergrund registrierte das IEP für 2011 in Thailand - fast alle fernab von den Touristenzentren in den muslimischen Provinzen an der Grenze zu Malaysia.

Keine Regierung hat bisher ein Rezept gefunden, den Süden zu befrieden. Thaksin Shinawatra, Bruder der Premierministerin, versuchte es in seiner Regierungszeit mit brutaler Härte. Er scheiterte ebenso wie Abhisit Vejjajiva und jetzt Yingluck Shinawatra, die auf Verhandlungen mit gemäßigten Aufständischen setzten. Gespräche auf inoffiziellen und offiziellen Kanälen brechen immer wieder ab, weil ein neues Attentat, ein neuer Mord jedes auch nur zaghaft aufkeimende Vertrauen in eine friedliche Lösung des Konflikts jäh zerstört.

"Ihr braucht die Körper der toten Lehrer nicht zu zählen - es geht weiter"

Der Überfall auf die Schule in Baan Bangor war wieder so ein Fanal des unerbittlichen Terrors: An dem Tag, an dem Tatyarat und Somsak beim Mittagessen in ihrer Schule ihr Leben verloren, waren Lehrer und Schüler zum ersten Mal wieder zum Unterricht gekommen. Zwei Wochen lang war an allen staatlichen Schulen in Thailands Südprovinzen gestreikt worden - aus Protest gegen die endlose Gewalt und zur Erinnerung an Nuntana Kaewchan. Die 51-jährige Direktorin war am 23. November nur hundert Meter vor ihrer Schule in der Gemeinde Nong Chik von zwei Männern niedergeschossen worden, die ihr im Gebüsch aufgelauert hatten. Seit dem Ausbruch der Unruhen 2004 wurden allein 158 Lehrer und Schulmitarbeiter brutal ermordet. Die Täter von Baan Bangor hinterließen eine unmissverständliche Warnung: "Ihr braucht die Körper der toten Lehrer gar nicht erst zu zählen. Es geht weiter."

Touristen bekommen von dieser düsteren Seite im "Land des Lächelns" kaum etwas mit. Die überwiegend muslimischen Südprovinzen sind "No-Go-Areas". Dort gilt das Notstandsrecht, und das Auswärtige Amt in Berlin rät seit Jahren von Reisen in diese Region dringend ab. Immer wieder wird Thailand von Schreckensnachrichten aus seinem Süden aufgeschreckt: Im März hat ein Anschlag auf ein Hotel in Hat Yai Schlagzeilen gemacht, bei dem vier Menschen starben und mehr als 300 zum Teil schwer verletzt worden sind. Im Juli wurde im Bezirk Mayo eine Gruppe von Soldaten vor laufenden Sicherheitskameras buchstäblich hingerichtet. Am 14. November wurde der einflussreiche Imam Abdullahteh Todir erschossen. Sein Tod war angeblich das Werk so genannter Todesschwadrone, die ihre Mörderbanden offensichtlich in Polizei und Militär rekrutieren.

Die Regierung rüstet im Kampf gegen den Terror auf

Sunai Phasuk von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch macht Regierung und Aufständische gleichermaßen für das Blutvergießen verantwortlich: "Die Regierung hat es versäumt, Akte von Selbstjustiz zu unterbinden, die offensichtlich von Mitgliedern der Sicherheitskräften verübt worden sind." Die Racheakte der Todesschwadrone würden postwendend von muslimischen Terrorgruppen mit neuer Gewalt beantwortet. Sunai warnt die Regierung in Bangkok: "Jeder Versuch, Übergriffe der Sicherheitskräfte zu verschleiern, wird nur zu immer neuen Vergeltungsschlägen führen."

Die Regierung hat wieder einmal aufgerüstet: Sieben Milliarden Baht (rund 175 Millionen Euro) will sie sich den Kampf gegen den Terror kosten. Für weitere 66 Millionen Baht soll die Polizei im Süden mit Schützenpanzerwagen ausgerüstet werden. Viele Schulen sind inzwischen in Hochsicherheitstrakte verwandelt worden: Stacheldraht, Detektoren, bewaffnete Wächter. Die Präsenz von Militär und Polizei in den Straßen wurde drastisch verstärkt. Doch am Nutzen der Aufrüstung zweifelt inzwischen offenbar selbst Armeechef Prayuth Chan-ocha. "Sicherheit gibt es in der derzeitigen Lage trotz des riesigen Budgets für den Anti-Terror-Kampf für niemanden," verkündete er nach der jüngsten Mordserie.

Seine düstere Prognose wurde umgehend von den Terroristen bestätigt: Als Ministerpräsidentin Shinawatra in den Süden eilte, um den Opfern, ihren Angehörigen, den Sicherheitskräften und den verschreckten Bürgern ihre Solidarität zu bekunden, verteilten islamistische Gruppen entlang ihrer Reiseroute Flugblätter, auf denen sie in großen Buchstaben verkündeten: "Der Krieg geht weiter."


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