Europas Presse zum ESM-Urteil: "Die gesunden Länder haben verloren"

Von Carolin Lohrenz

Karlsruhe sagt ja zum Rettungsschirm - und Europas Korrespondenten schwanken zwischen Erleichterung und Skepsis. Das slowakische Blatt "Hospodáské noviny" beklagt eine "Oligarchie der Schuldenländer", "Le Monde" findet, deutsche Institutionen seien "dem Euro geopfert" worden.

Karlsruher Bundesverfassungsgericht: nicht mehr zeitgemäß?Zur Großansicht
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Karlsruher Bundesverfassungsgericht: nicht mehr zeitgemäß?

Die letzte Hürde ist genommen. Deutschland darf den ESM ratifizieren, als letztes Land der Euro-Zone, wie von seinen Partnern einen langen Sommer lang erwartet, wenn auch mit Auflagen. Doch das "Ja, aber" aus Karlsruhe verlor in den Kommentarspalten schnell von seiner Magie.

Die "Irish Times" in Dublin titelte zunächst in voller Zufriedenheit: "Ein guter Tag für Europa".

Das positive Urteil des Gerichts, vor allem seine zwei Schlüssel-Auflagen, sind eine wichtige und willkommene Bekräftigung, dass wir demokratische Verantwortlichkeit bis ins Herz der Wirtschaftsunion brauchen.
"Irish Times", Dublin, 13. September

Im immer skeptischeren Euro-Land Slowakei zürnte das Wirtschaftsblatt "Hospodářské noviny", dass Schuldenländer jetzt hinderungslos auf Kredit leben könnten, gar dass sie mit Banken und anonymen Investoren eine Oligarchie in Europa durchgesetzt hätten.

Der Kampf gegen das Stopfen des dauerhaften Rettungsschirms und gegen die Missachtung der Regeln ist vorbei. Die gesunden Länder, die sparen wollen, haben verloren. [...] Die Mitglieder der Euro-Zone haben ihre Entscheidungsfreiheit verloren, ihre Souveränität und einen Großteil ihre Geldes, das der Rettung des 'Systems' geopfert wurde.
"Hospodářské noviny", Bratislava, 13. September

In Spanien, mögliches erstes Empfängerland von Geldern aus dem ESM, fand die Presse Deutschland immer europafreundlicher: "Nach dieser Ohrfeige für die Euro-Skeptiker ist Deutschland Europa verpflichteter als vorher", wusste etwa "El País". Und "La Vanguardia" bestätigte:

Die 'Aber' werden kleiner und die 'Jas' größer, wie der Haushaltspolitiker Norbert Barthle es sagte. So gesehen ist es schwierig, die deutsche Kontroverse über die Schuldenkrise wirklich zu verstehen. Deshalb sollten wir die deutschen Auflagen als ein Zeichen dafür sehen, dass die europäische Integration immer noch in den Kinderschuhen steckt, und dass im [deutschen] Fall eine Art Risikoversicherung sicher die angebrachte Lösung ist.
"La Vanguardia", Barcelona, 13. September

Immerhin habe Karlsruhe ein Licht in der Dunkelheit um Europas Zukunft entzündet, so sah es die italienische Wirtschaftszeitung "Il Sole". Ohne Doppelmoral sei das allerdings nicht gegangen.

Niemanden wundert es, dass die Richter in ihrem Urteil die Haftung Deutschlands nach oben begrenzt haben, außer der Bundestag entscheidet kraft seines Haushaltsrechts anders. Das heißt, der Beitrag Deutschlands steht unter der Vormundschaft der deutschen politischen Dynamik. Aber wenn Deutschland im Namen einer nun nicht mehr zu umgehenden Europäisierung der Politik und der Wirtschaft seinen Partnern eine Fiskalunion vorschlägt, d.h. von ihnen verlangt, nicht mehr selbst über die Hebel des Staatshaushalts zu walten, wie können dann die Verfassungsrichter eine völlig gegensätzliche Logik anwenden? Das nennt sich Doppelmoral. Oder blinder Nationalismus. In Wahrheit bleibt Europa trotz des Euro provinziell.
"Il Sole 24 Ore", Mailand, 13. September

"Gazeta Wyborcza" in Warschau ging noch einen Schritt weiter und deklarierte das Verfassungsgericht sogar zum europäischen Bremsklotz und nach über 60 Jahren Existenz als nicht mehr zeitgemäß.

Karlsruhe muss der Albtraum der europäischen Politiker sein. [...] Was passiert, wenn es einmal Nein zu Europa sagt? Das Bundesverfassungsgericht ist nach EU-Parlament, Kommission und Rat zur vierten wichtigen Behörde des Kontinents geworden. Und es entscheidet über die Zukunft [Europas]. Wenn die Richter die Ratifizierung des Rettungsfonds untersagt hätten, dann stünden der Eurozone - im besten Fall - ernsthaften Turbulenzen bevor.

Schon das angsterfüllte Warten auf die Entscheidung des Gerichts hilft Europa nicht weiter. Auch weil sich die deutsche Aufmerksamkeit auf eine kleine Gruppe hartgesottener Euroskeptiker richtet, die seit Jahrzehnten versuchen, die Integration zu sabotieren. Die Deutschen - die doch dank dem umstrittenen vereinten Europa eine wirtschaftliche Supermacht sind - machen [die Richter] zu Berühmtheiten.
"Gazeta Wyborcza", Warschau, 13. September

Dass das Schicksal des Euro diese Woche in den Händen von Richtern und Bankern lag, ist für "Le Monde" ein starkes Stück und zeigt für das Pariser Blatt ein Paradox im germanischen und lateinischen (sprich: französischen) Geist: In Frankreich, Land des 'Primats der Politik' und der Volkssouveränität, würden heute die Entscheidungen von ebenso unpolitischen wie ungewählten Institutionen wie Verfassungsgericht oder Zentralbank wohlwollend begrüßt; gleichzeitig aber in Deutschland, das seit Kriegsende die richterliche Kontrolle der Politik kultiviert, im selben Maße kritisiert.

Für die Franzosen haben die beiden als undemokratisch verpönten Institutionen eine höchst politische Entscheidung getroffen: um jeden Preis den Euro retten. Damit sind sie zufrieden. Aus dem umgekehrten Grund sind die Deutschen empört: die EZB hat ihre Unabhängigkeit aufgegeben. […] So hat sich statt des scheinbaren dreifachen Vetorechts Deutschlands (Frankfurt, Karlsruhe und Berlin) ein dreifacher Verzicht aufgedrängt. Die ehrwürdigen Institutionen der Bundesrepublik sind auf dem Altar des Euros geopfert worden.
"Le Monde", Paris, 13. September

Gilt unter diesen Umständen also "ESM gut, alles gut?", fragte der "Standard" aus Wien.

Mitnichten. Der Richterspruch wirkt zwar zunächst wie ein Rettungsring auf hoher See. Doch es ist immer noch unklar, ob Griechenland in der Eurozone gehalten werden kann, ob die Sorgenkinder Spanien und Italien wieder auf die Beine kommen. Und eigentlich ist die Frage, ob die Beteiligung Deutschlands am ESM auch verfassungskonform ist, schon wieder überholt - was einmal mehr das aberwitzige Tempo der Eurokrise zeigt.
"Der Standard", Wien, 13. September

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insgesamt 8 Beiträge
Nonvaio01 14.09.2012
wir sollten dann nur noch Auslandspresse lesen, denn die haben mehr Ahung und sich nicht auf Merkel geeicht. Naja der naechste Krieg ist damit vorprogramiert.
Zitat von sysopKarlsruhe sagt Ja zum Rettungsschirm - und Europas Korrespondenten schwanken zwischen Erleichterung und Skepsis. Das slowakische Blatt "Hospodáské noviny" beklagt eine "Oligarchie der Schuldenländer", "Le Monde" findet, deutsche Institutionen seien "dem Euro geopfert" worden. ESM: Wie die europäische Presse auf die Entscheidung reagiert - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,855830,00.html)
wir sollten dann nur noch Auslandspresse lesen, denn die haben mehr Ahung und sich nicht auf Merkel geeicht. Naja der naechste Krieg ist damit vorprogramiert.
Die Billigung der ESM Teufelei durch das Verfassungsgericht verwundet nicht sonderlich, denn dessen Richter sind ja bekanntlich handverlesene Parteiengeschöpfe und werden als solche stets das Recht im Sinne ihrer Meister zu beugen [...]
Die Billigung der ESM Teufelei durch das Verfassungsgericht verwundet nicht sonderlich, denn dessen Richter sind ja bekanntlich handverlesene Parteiengeschöpfe und werden als solche stets das Recht im Sinne ihrer Meister zu beugen wissen; allenfalls die Doppelnatur der Richter, da diese nämlich auch waschechte Rechtsverdreher sind, führen zu recht ungewöhnlichen Kunstgriffen; und so verbinden sie jede Billigung eines Parteienbubenstücks mit diesen und jenen Auflagen und Einschränken, womit sie es vermeiden ein klares Ja oder Nein zu sprechen und sich so nach Rechtsverdrehersitte aus der Verantwortung ziehen. Das liebste Steckenpferd ist dem Verfassungsgericht der Bundestag, welchem es stets alle Verantwortung und Entscheidungsgewalt verleiht, denn sollte das liebe Volk einmal von jenem Gericht Rechenschaft verlangen, so kann es darauf verweisen, daß das Volk ja den Bundestag frei gewählt habe; wobei allerdings zweifelhaft ist, ob dies beim Spielgeldeuro die Kleinsparer gelten lassen.
Netcube 14.09.2012
Während unsere Medien zum großen Teil in Jubel ausbrechen, scheint die Situation im Ausland deutlich nüchterner und klarer gesehen zu werden.
Während unsere Medien zum großen Teil in Jubel ausbrechen, scheint die Situation im Ausland deutlich nüchterner und klarer gesehen zu werden.
wanneeickel 14.09.2012
Die Titanic ist auch mit Musik und voller Beleuchtung untergegangen, insofern sind die Jubelarien der Kleptokraten nichts anderes als Tanz auf dem Vulkan. Was hat sich denn geändert? Ist Spanien seit dem 12. konkurrenzfähiger? [...]
Die Titanic ist auch mit Musik und voller Beleuchtung untergegangen, insofern sind die Jubelarien der Kleptokraten nichts anderes als Tanz auf dem Vulkan. Was hat sich denn geändert? Ist Spanien seit dem 12. konkurrenzfähiger? Hat es weniger Schulden abzutragen? Macht es weniger Schulden? Sind die Arbeitslosen verschwunden? Oder Siechenland: gibt es dort jetzt Steuerehrlichkeit? Sind plötzlich Industrien aufgeblüht, die niemand vorher auf dem Schirm hatte? Können sie sich plötzlich selbst versorgen? ESM, ESFS, EZB: alles Luftnummern ohne notwendigen Unterbau. Bin gestern über vierspruige Straßen nach Bochum gefahren- mir hat es fast die Achse abgerissen, so groß sind die Straßenschäden mittlerweile und das flächendeckend. Irgendwann wird selbst der Schlichteste im Geiste aus dem Heer des Zahlviehs merken, wohin die Kohle abgepumpt wird und sich fragen: was machen die hier eigentlich mit mir? Die Veröffentlichung der ESM-Papiere durch die Piraten ist drollig, mehr nicht. Richtig gefährlich für unsere "Volksvertreter" wird es erst dann, wenn tatsächlich mal an Zahlen auf den Tisch kommen, was hier den Leuten über Jahrzehnte aus den Taschen, man muß es sagen, wie es sich mittlerweile darstellt, geklaut wurde zum Wohle anderer, die dafür nicht gearbeitet haben mit Unterstützung einiger, die sich auch nicht gerade ein Bein dafür ausreissen, ihrem Amtseid Genüge zu tun. Dieses ganze, künstlich aufgepumpte Ding genannt Euro ist derart fragil, daß kleinste Erschütterungen diese lustigen Schirmchen zur Makulatur werden lassen. Oder anders ausgedrückt: abgerechnet wird am Schluß. Momentan sind wir wohl eher im Auge des Hurricans und im Hurrican hilft kein Schirm.
hansjoki 14.09.2012
scheinen vom Karlsruher Urtel den "Schlag Donars Donnerkeil" erwartet zu haben (wie naiv !) - die EURO- Freunde sehen sich bestätigt (ha..ha). Dass das Urteil letztlich nichts anderes, als der zu erwartende Kompromiss [...]
scheinen vom Karlsruher Urtel den "Schlag Donars Donnerkeil" erwartet zu haben (wie naiv !) - die EURO- Freunde sehen sich bestätigt (ha..ha). Dass das Urteil letztlich nichts anderes, als der zu erwartende Kompromiss ist, muss offenbar noch eine Weile als Erkenntnis reifen (dies gilt sowohl für die deutschen, wie ausländischen Stimmen)...
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  • Freitag, 14.09.2012 – 14:48 Uhr
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