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"Atalanta"-Mission: EU-Truppen beschießen erstmals Piratenlager an Somalias Küste

Die EU weitet ihren Einsatz gegen Piraten in Somalia aus. Zum ersten Mal griff die "Atalanta"-Mission nun Lager der Seeräuber in Küstennähe aus der Luft an. Die Außenbeauftragte Catherine Ashton sprach von einer "erfolgreichen Operation".

Ein Hubschrauber vor Dschibuti: Angriff auf Seeräuber-Stellungen am Strand Zur Großansicht
AP

Ein Hubschrauber vor Dschibuti: Angriff auf Seeräuber-Stellungen am Strand

Brüssel - Die Anti-Piraten-Truppe der Europäischen Union hat erstmals Einrichtungen der Seeräuber an der Küste Somalias aus der Luft beschossen. "EU-Kräfte führten eine Operation aus, um Ausrüstung der Piraten an der somalischen Küste zu zerstören", teilte die Einsatzleitung der "Atalanta"-Mission am Dienstag mit.

"Die gezielte, präzise und angemessene Aktion wurde aus der Luft ausgeführt und alle Kräfte kehrten nach Einsatzende sicher zu den EU-Kriegsschiffen zurück." Nach bisherigen Erkenntnissen seien durch den Angriff auch keine Somalier zu Schaden gekommen.

Der Einsatz fand den Angaben zufolge am Dienstag "mit voller Unterstützung" der somalischen Übergangsregierung statt. "Zu keinem Zeitpunkt" hätten Soldaten des EU-Einsatzes somalischen Boden betreten, hob "Atalanta" in seiner Mitteilung hervor.

Die Außenbeauftragte Catherine Ashton sprach von einer "erfolgreichen Operation" gegen "logistische Lagerplätze" der Seeräuber. Die Piraterie beeinflusse weiterhin nachteilig den Schiffsverkehr in der Region, bedrohe den friedlichen Handel, schwäche und untergrabe die Wirtschaft der benachbarten Länder, sagte Ashton. Das verursache zusätzliche Kosten für die weltweite Schifffahrtsindustrie. Die EU-Außenbeauftragte erinnerte außerdem daran, dass noch immer rund 200 Seeleute in den Händen der Piraten sind.

Das Seegebiet vor Somalia gilt als das gefährlichste der Welt; allein im vergangenen Jahr gab es dort rund 230 Piratenangriffe. Angriffe aus der Luft auf Ziele wie Boote und Treibstofftanks an der somalischen Küste sind der "Atalanta"-Mission erst seit kurzem erlaubt. Am 23. März hatte die EU das Mandat ausgeweitet.

Bisher durften die Soldaten gegen Piraten nur vorgehen, solange diese auf See waren. Hatten sie festen Boden unter den Füßen, gab es keine Möglichkeit für einen militärischen Einsatz. Das sorgte bei den Beteiligten immer wieder für Frust. Nun ist die Piratenjagd auch an Land erlaubt. Mit zwei wichtigen Einschränkungen: Angegriffen werden nur Ziele in maximal 2000 Metern Entfernung von der Küste. Außerdem dürfen diese nur aus der Luft attackiert werden, Bodeneinsätze bleiben grundsätzlich verboten.

Deutschland beteiligt sich derzeit mit 340 Soldaten an der "Atalanta"-Mission. Die Bundeswehr war an dem Angriff am Dienstag nicht beteiligt. "Deutsche Kräfte nahmen nicht aktiv an der Operation teil", sagte ein Sprecher der Bundeswehr.

Die Mandatserweiterung ist in Deutschland höchst umstritten. In der vergangenen Woche hatte der Bundestag mit der schwarz-gelben Mehrheit die Erweiterung des Mandats für die EU-Antipiraten-Mission beschlossen. Die Opposition stimmte dagegen. Damit wurde erstmals ein Auslandseinsatz deutscher Soldaten im Bundestag nicht mit der breiten Unterstützung durch fast alle Parteien beschlossen.

"Der Einsatz gegen die Ausrüstung der Piraten" sei lediglich eine Ausweitung der bisherigen Aktionen gegen die Piraten auf See, sagte der Befehlshaber des "Atalanta"-Mission, Konteradmiral Duncan Potts, am Dienstag. Dadurch solle der Druck auf die Piraten erhöht werden.

Im Kampf gegen die Piraterie am Horn von Afrika ist die EU-Mission "Atalanta" seit Ende 2008 unter Beteiligung der Bundeswehr im Einsatz. Ziel ist der Schutz von Handelsschiffen und Hilfslieferungen des Uno-Welternährungsprogramms. Doch die Zahl von Piratenangriffen vor der somalischen Küste, im Indischen Ozean und im Arabischen Meer ist weiterhin hoch.

heb/mgb/Reuters/AFP/dapd

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insgesamt 171 Beiträge
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1. Wo ist das Problem?
Trivalent 15.05.2012
Zitat von sysopAPDie EU weitet ihren Einsatz gegen Piraten in Somalia aus. Zum ersten Mal griff die Atalanta-Mission nun Ziele in Küstennähe aus der Luft an. Die Einsatzleitung sprach von einer "gezielten, präzisen und angemessenen" Attacke gegen Seeräuber. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,833208,00.html
Die Oposition beginnt also grundlos der Regierung in den Rücken zu fallen, nachdem sie bisher feste mitgemacht hat. Einfach nur zu durchsichtig und schäbig. Die Dummen sind die teilnehmenden Soldaten, auf deren Rücken die Kehrtwende vollzogen wird.
2. Alibiveranstaltung
Arno Nühm 15.05.2012
Zitat von sysopAPDie EU weitet ihren Einsatz gegen Piraten in Somalia aus. Zum ersten Mal griff die Atalanta-Mission nun Ziele in Küstennähe aus der Luft an. Die Einsatzleitung sprach von einer "gezielten, präzisen und angemessenen" Attacke gegen Seeräuber. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,833208,00.html
Und vermutlich auch zum letzten Mal, da die Piraten nun ihre Geiseln in der Nähe ihrer Ausrüstung parken werden, und da könnte ja jemand verletzt werden. Sowas müsste man schon koordiniert auf breiter Front durchführen, aber gut, wir reden hier über die EU, von daher bleibt das wohl Wunschdenken.
3.
fabian03 15.05.2012
LOL, die nächste SPON-Meldung wird wohl sein: Claudia Roth ist betroffen. Wenn man den armen Piraten jetzt ihre Boote und Waffen zerstört, nimmt man ihnen doch ihre Existensgrundlage. Ich finde, Deutschland steht wegen seiner Vergangenheit in der Pflicht diesen armen, mißvertstanden Menschen mit ihrer scheren Kindheit ein Leben hier bei uns zu ermöglichen.
4. Handelswege sicher!
es-geht-auch-besser 15.05.2012
Richtig so. Handelswege sichern. Gott behüte der Handel mit Fernost,Indien und Anderswo würde verteuert, oder irgendwie eingeschränkt. Was dies bedeutet ist jedem klar. Die Wirtschaft würde leiten und damit eindeutig unser Wohlstand!!! Wer kann das wollen. Wir können nur durch Handel mit China wohlstand haben. Das klappt gut für millionen von Einkommenslosen, wegrationalisierten Menschen in Deutschland. Außerdem sollte noch überlegt werden wer diese Piraten eigentlich sind!.Es sind Afrikaner und wir sind nicht dafür verantwortlich wenn die Menschen in Afrika es nicht schaffen wirtschaftlichen Erfolg zu haben. Ich kann nur wiederholen.Handelswege sichern ist Wirtschaft fördern! Der Preis kann da garnicht zu groß sein. Es geht hier nicht um verzichtbare Menschenrechte oder Ideale, es geht um mehr, es geht um die Wirtschaft.
5. optional
ae1 15.05.2012
Das geht schnell. Meines Wissens hat man in der Antike mehrere Jahrzehnte und mehrere Anläufe gebraucht. Dann allerdings hat man die Plage mit Stumpf und Stiel beseitigt, d.h. man hat bis tief ins Landesinnere alles Menschliche massakriert. Bis allmählich immer schärfere Eskalationsstufen erreicht werden müssen Jahrzehnte vergehen. Wobei die Eskalation ja nicht zwingend voranschreitet. Sollte die internationale Plünderung der somalischen Ressourcen beendet werden und/oder dort eine von der Weltgemeinschaft akzeptierte Regierung entstehen, kann es ganz schnell friedlich zu Ende mit der Piraterie sein.
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Moderne Piraten - Gefahr am Horn von Afrika
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Maschinengewehre statt Enterhaken
Fernab aller Seeräuberromantik ist die moderne Piraterie eine Form der organisierten Kriminalität. Nach dem Seerechtsübereinkommen von 1982 gelten als Piraterie räuberische oder erpresserische Überfälle auf Schiffe auf hoher See. Angriffe innerhalb nationaler Hoheitsgewässer werden als Strandpiraterie bezeichnet.

Am gefährlichsten sind die Gewässer vor Afrika. Somalia, Nigeria und Tansania sind Schwerpunkte der Angriffe. Vor der Küste Somalias operieren Piraten oft von Mutterschiffen aus, von denen sie auf pfeilschnellen Booten mit Maschinenpistolen und Panzerfäusten bewaffnet zu Raubzügen aufbrechen. Die gekaperten Schiffe werden dann vor die Küste gebracht.
Piratennest Puntland
Puntland ist eine Region am Horn von Afrika, rund 212.000 Quadratkilometern groß, 2,4 Millionen Einwohner. Vor zehn Jahren erklärte sich der trockene Landstrich zum autonomen Teilstaat von Somalia. Tonangebend sind die Stammesstrukturen der Darod, die dort ihr Hauptsiedlungsgebiet haben. Zwei Drittel der Menschen hier sind Nomaden, nahezu alle sunnitische Muslime. Einst lebten sie vom Fischfang vor der 1300 Kilometer langen Küste am Indischen Ozean sowie der Zucht von Kamelen, Schafen und Ziegen.

Gemessen an somalischen Verhältnissen galt die Region bisher als stabil, nach Selbstmordanschlägen auf Regierungsgebäude im Oktober wird aber befürchtet, islamistische Terroristen könnten auch im Puntland Fuß fassen. Inzwischen herrscht auch hier weitgehende Gesetzlosigkeit. Kriminelle Banden verdienten viel Geld mit dem Schmuggel von Flüchtlingen aus Somalia und Äthiopien auf die arabische Halbinsel. Dazu kommen Piratenüberfälle. Die Machthaber von Puntland wurden wiederholt beschuldigt, die Piraten zu unterstützen und einen Teil des Lösegeldes für Schiffe und Besatzungsmitglieder selbst zu kassieren.
Stützpunkte
Das berüchtigtste Piratennest ist Eyl. Gegenwärtig haben Piraten laut Amnesty International nahe der Küstenstadt mehr als 130 Menschen als Geiseln genommen. Insgesamt befinden sich in der Region noch knapp 250 Seeleute und Dutzende Schiffe in der Gewalt der Piraten. Verhandlungen über Lösegeld laufen vielfach.
Lukratives Geschäft
Piraterie in somalischen Gewässern hat sich in den vergangenen Jahren zu einem lukrativen Geschäftszweig ausgeweitet: Erfolgreiche Entführungen bringen nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Lösegelder in Höhe von einer bis fünf Millionen US-Dollar. Der fast 20 Jahren tobende Bürgerkrieg und die damit einhergehende Verarmung und Militarisierung Somalias haben den Angriffen den Nährboden bereitet.
Zunehmende Entführungen
Somalischen Piraten gelingt es immer häufiger, Schiffe in ihre Gewalt zu bringen. Einem Anfang November veröffentlichten Uno-Bericht zufolge wurden trotz des Einsatzes der internationalen Flotte vor der Küste Somalias in den ersten neun Monaten 2011 37 Schiffe gekapert - im Vorjahreszeitraum waren es noch 33.

Es sei "erschreckend", dass die Piraten mittlerweile 438 Besatzungsmitglieder und Passagiere sowie 20 Schiffe in ihrer Gewalt hätten, sagte der Uno-Untergeneralsekretär B. Lynn Pascoe. Es müsse mehr getan werden, um die Ursachen von Raubüberfälle und Entführungen zu beseitigen.

Doch noch ist von einer Lösung keine Spur, im Gegenteil: Die Angriffe werden brutaler. Am 7. November 2011 erschossen somalische Piraten einen Mann, der die von ihnen gekaperte Yacht nicht verlassen wollte. Die anderen Geiseln - darunter eine Frau und ein Junge - wurden Augenzeugen zufolge an Land gebracht. Bislang kam die Tötung von Geiseln selten vor.
Folgen für Reedereien
Die zunehmenden Angriffe haben die Einfahrt ins Rote Meer bereits so unsicher gemacht, dass erste Reedereien Schiffe nicht mehr von dort durch den Suez-Kanal, sondern auf die weit längere Route um das Kap der Guten Hoffnung schicken. So sollen extrem hohe Versicherungsprämien wegen des Piraten-Risikos oder Kosten für eigene Sicherheitsmannschaften an Bord vermieden werden.

Britische Reedereien und Versicherer haben die Idee einer Privatarmee erneut in die öffentliche Diskussion gebracht.
Anti-Piraten-Missionen
Internationale Streitkräfte versuchen im Rahmen der NATO-Mission "Ocean Shield" und der EU-Mission "Atalanta", die Piraterie zu bekämpfen. Doch während die Kriegsschiffe im besonders gefährdeten Golf von Aden zwischen Somalia und Jemen patrouillieren, haben die Seeräuber ihren Aktionsradius zunehmend auf den Indischen Ozean verlagert. Manchmal gelingen allerdings auch Erfolge: Im April 2010 konnte die niederländische Fregatte "Tromp" den deutschen Frachter "Taipan" aus der Hand von Piraten befreien.

"Atalanta" und Eufor
Die EU-Mission "Atalanta"
An dem Anti-Piraten-Einsatz der Europäischen Union am Horn von Afrika nehmen bis zu 1400 Bundeswehrsoldaten teil. Derzeit sind es rund 240 deutsche Soldaten und die Fregatte "Bremen". Sie sollen gemeinsam mit Soldaten aus anderen europäischen Ländern die Schiffe des Welternährungsprogramms, bei Bedarf auch zivile Schiffe, vor Übergriffen schützen sowie die Seewege überwachen. Der Einsatzbereich umfasst bis zu 500 Seemeilen.

Laut EU-Beschluss lautet das Ziel der Mission: "die Abschreckung, Verhütung und Bekämpfung von seeräuberischen Handlungen und bewaffneten Raubüberfällen". Dazu gehört explizit auch der "Einsatz von Gewalt". Der bislang geltende Einsatz war bis zum 15. Dezember 2009 befristet.
Der Bosnien-Einsatz
Unter den Kürzeln Ifor und Sfor lief bis Ende 2004 der Nato-geführte Bosnien-Einsatz. An der von der Europäischen Union weitergeführten Eufor-Mission "Althea" beteiligt sich die Bundeswehr aktuell mit 120 Soldaten.


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