EU-Asylpolitik Barroso mit Buh-Rufen auf Lampedusa empfangen

Sie riefen "Schande" und "Mörder": Eine wütende Menge hat José Manuel Barroso bei seinem Besuch auf Lampedusa beschimpft. Der EU-Kommissionspräsident will dort mit Überlebenden des Flüchtlingsunglücks sprechen.


Lampedusa - Mit Buh-Rufen sind EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und Italiens Regierungschef Enrico Letta am Mittwoch auf der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa empfangen worden. Menschenrechtler und Einwohner riefen "Schande!" und "Mörder!" und schwenkten Fotos von Flüchtlingen, als die Politiker am Flughafen eintrafen. Auch auf dem Weg zum Hafen von Lampedusa wurde der Politiker-Konvoi von Beschimpfungen begleitet.

Barroso sprach nach der jüngsten Flüchtlingstragödie vor Lampedusa unter anderem mit einigen Überlebenden gedachte Hafen von Lampedusa der Todesopfer. Es sollte auch Treffen mit Mitarbeitern der Küstenwache, Vertretern von Hilfsorganisationen und Lokalpolitikern geben. Barroso war gemeinsam mit EU-Innenkommissarin Cecilia Malmström auf Einladung Lettas nach Lampedusa gekommen.

Barroso und Letta nutzen den Termin auf Lampedusa, um einen Aufruf an Europa zu lancieren. "Der Notstand von Lampedusa ist ein europäischer, Europa kann sich nicht abwenden", sagte Barroso. Es müsse denen Hoffnung gegeben werden, die vor Kriegen fliehen müssten, notwendig sei jedoch auch die Kooperation der Länder, aus denen sich die Migranten Richtung Europa aufmachten. Er werde nie das Bild von Hunderten Särge nach der Katastrophe der vergangenen Woche vergessen. Barroso sicherte Italien zusätzliche 30 Millionen Euro zur Verbesserung der Lage der Flüchtlinge zu.

Fotostrecke

6  Bilder
Barroso auf Lampedusa: Proteste gegen den Kommissionschef
Auch Letta nannte die Katastrophe von Lampedusa ein "europäisches Drama". Rom werde das Flüchtlingsproblem zu einem zentralen Anliegen machen und die EU um Hilfe bitten. Die Flüchtlingsfrage solle auf dem EU-Gipfel am 24./25. Oktober behandelt werden. Für die Opfer des Schiffbruchs werde es ein Staatsbegräbnis geben, so Letta. Italien entschuldige sich dafür, nur unzulänglich auf eine solche Tragödie vorbereitet gewesen zu sein.

Vor der Küste der Mittelmeerinsel war am vergangenen Donnerstag ein Schiff mit Hunderten Flüchtlingen gekentert, von denen bisher rund 290 tot geborgen wurden. Nur 155 Bootsinsassen konnten gerettet werden, die Zahl der Todesopfer wird auf zwischen 300 und 390 geschätzt.

Italien fühlt sich alleingelassen

Angesichts des starken Flüchtlingsstroms vor allem aus Afrika fühlt sich Italien von seinen europäischen Partnern alleingelassen. Die EU-Innenminister hatten sich bei einer Konferenz am Dienstag in Luxemburg zu keiner umfassenden Änderung ihrer Asylpolitik durchringen können. Als erste Reaktion beschloss die EU die Einsetzung einer Arbeitsgruppe, die Probleme in diesem Bereich untersuchen soll. Zunächst bleibt weiterhin dasjenige Land für die Aufnahme von Flüchtlingen und die Bearbeitung ihrer Asylanträge zuständig, in dem Ankömmlinge zuerst die Europäische Union erreichen.

Schwere Kritik an der europäischen Flüchtlingspolitik haben unterdessen Hilfsorganisationen geübt. Pro Asyl warf in einem Interview des Bayerischen Rundfunks Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) und seinen EU-Amtskollegen "völliges Versagen" vor: "Das Sterben auf dem Meer wird weitergehen", sagte Geschäftsführer Günter Burkhardt. Die Flüchtlingsorganisation Gemeinsam für Afrika kritisierte eine europäische Abschottungsstrategie und sprach von einer "menschenverachtenden Praxis unterlassener Seenothilfe".

ler/dpa/AFP



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 194 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
spon-facebook-1425926487 09.10.2013
1. optional
Ich verstehe nicht, wieso die Menschenrechtler die EU Reprässentanten als Mörder beschimpfen. Was ist das nur für ein unerträgliches Stammtischniveau? Weder Barroso noch Letta haben die Leute aufgefordert, ein Holzboot zu steigen und sie haben ihne auch nicht das Boot unter dem eigenen Hintern abgefackelt, sondern sie selbst. Warum haben sie Decke nicht vorher am Rand nass gemacht? Oder die brennende Decke einfach ins Wasser geworfen, als das Feuer zu groß wurde? Nein, man lässt natürlich alles schön brennen und am Besten gleich noch neben den Treibstofftanks, alles klar. Mir kommt das alles sehr dubios vor, kein normaler Mensch auf offenem Wasser würde sich so verhalten. Aber so haben die ganzen Gutmenschen und Träumer aus ihren schnieken, wohlhabenden Vororten wenigstens wieder was zu schimpfen, wär ja wirklich schlimm, wenns anders wär.
nochsoeiner2nochsoeiner2 09.10.2013
2. Er kanns nur falsch machen
Barroso sitzt zwischen zwei Stühlen: Den Betroffenen und den Wütbürgern. Aus den europäischen Werten und der Geschichte ergibt sich die Selbstverständlichkeit Flüchtlingen zu helfen. Leider ist in vielen Ländern die Integration nicht wirklich gelungen und menschenverachtende, fast schon rassistische Meinungen und Vorurteile dominieren momentan die Kommentare bei jedem Artikel zu diesem Thema! Anstatt uns Angst zu machen sollten Politiker uns lieber Visionen und Vorschläge für Lösungen liefern. Sonst laufen wir Gefahr das zu bekommen was wir eigentlich mit dem Projekt Europäische Union verhindern wollten.
nikolaus1962 09.10.2013
3. José Manuel Barroso
Barroso als Mörder zu beschimpfen finde ich zu extrem weil, das eine Verkettung von Unglücken sind die kein Politiker voher sehen konnte. Man wird sich überlegen müssen die Asylpolitik zu verändern, so das grundsätzlich gestrandete Menschen aus Afrika bei uns Zuflucht finden können und Jeder Fischer der mit seinem Boot drausen ist und versucht Flüchtlinge zu retten, darf nicht mehr bestraft werden.
Exzentriker 09.10.2013
4. Fakten auf dem Tisch!
Deutschland hat dreimal soviele Flüchtlinge aufgenommen, wie Italien. Deutschland steht an dritter Stelle weltweit in Anzahl der aufgenommenen Flüchtlinge, vor USA, China und Russland. Deutschland hat den drittgrößten Ausländeranteil weltweit und den höchsten in der EU. So, und diskutiert mal ohne mitleidstriffende Polemik: Wieso ist Italien überfordert?
schatten80 09.10.2013
5. optional
Mörder sind diese Leute, die diese Flüchtlinge erst nach Europa locken. Das ist mittlerweile eine riesen Lobby, die mit solchen Menschen nicht nur Geld verdient, sondern sie unter fadenscheinigen Gründen hierher lockt. Ich hab beispielsweise schon gelesen, dass in manchen Ländern den Leuten die Reise nach Deutschland schmackhaft gemacht wird, in dem sie behaupten, dass jeder der hier her kommt gleich 4000 Euro in die Hand gedrückt bekommt. Das ist natürlich gelogen, aber manche glauben es.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.