EU-Außenbeauftragte Bloß keine starke Stimme

Europa verliert außenpolitisch an Gewicht, also müsste die EU enger zusammenrücken. Doch Mitgliedstaaten verteidigen nationale Vorbehalte - wie die Auswahl der möglichen nächsten Außenbeauftragten zeigt.

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EU-Kommission in Brüssel: Schwierige Kür der Außenbeauftragten
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EU-Kommission in Brüssel: Schwierige Kür der Außenbeauftragten


Müssten Personalberater Europas wichtigsten Außenpolitikposten ausschreiben, könnte das so aussehen: Stelle als Chefdiplomat der Europäischen Union, Vorsteher von 3645 Mitarbeitern in 136 EU-Botschaften und Delegationen rund um den Globus. Faszinierende Aufgabe: Europas Außenpolitik ein Gesicht verleihen.

Weil aber die EU-Mitgliedstaaten bei der Besetzung das Sagen haben, müsste man anders formulieren. Erfahrung: nicht erforderlich. Charisma: von Nachteil. Und: Außenpolitische Schwergewichte müssen sich gar nicht erst bewerben, denn das Rampenlicht der Weltbühne wollen nationale Minister nicht teilen.

Diese Masche hat Methode. Vor fünf Jahren entmutigten die EU-Länder Kandidaten für den Diplomatie-Chefposten. Am Ende blieb Lady Catherine Ashton übrig. Die Britin fiel seither vor allem durch Unauffälligkeit auf. Selbst vornehme Brüsseler Diplomaten klagen, der Dienst für so eine entscheidungsschwache Chefin bereite körperliche Schmerzen.

Nun droht beim EU-Gipfel am Mittwoch eine Leidensverlängerung. Als Ashtons Nachfolgerin kursiert die Italienerin Federica Mogherini. Qualifikation: etwas mehr als vier Monate im Amt als Außenministerin. Ihre aussichtsreichste Konkurrentin, Kristalina Georgieva, wirkt seit Jahren als Kommissarin für humanitäre Hilfe in Brüssel.

Radoslaw Sikorski, weltweit vernetzter polnischer Außenminister, soll hingegen keine Chance haben. Nicht etwa, weil er daheim in eine Abhöraffäre verwickelt ist. Der Mann gilt in EU-Hauptstädten schlicht als zu durchsetzungsstark.

Ob Mogherini, Georgieva oder jemand ganz anderer den Posten bekommt, ist noch nicht klar. Klar ist jedoch bereits: Sie oder er dürfte zu schwach sein, um in Europas Außenpolitik für mehr Miteinander statt Nebeneinander zu sorgen.

Dabei wird in einer globalisierten Welt der Spielraum für Nationalstaaten kleiner statt größer - egal wie oft Paris in Afrika altem Kolonialruhm nachjagt oder sich Berlin als Russlandvermittler versucht. Im Jahr 2050 dürften rund 500 Millionen Europäer die Erde mit etwa neun Milliarden Nichteuropäern teilen. Alleine ist dann jeder EU-Mitgliedstaat ein Zwerg.

Europas Außenpolitik nicht auf mehr Kooperation einzuschwören, ist daher strategisch unklug.

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Dennis Drenner
Gregor Peter Schmitz ist Europa-Korrespondent bei SPIEGEL ONLINE mit Sitz in Brüssel.

E-Mail: Gregor_Peter_Schmitz@spiegel.de

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insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
kuschl 16.07.2014
1. So ist das mit allen EU Pöstchen
Man will Frühstücksdirektoren haben. Nach außen beschwört man die große EU Einheit, besetzen tut man allerdings nur mit zweiter oder dritter Wahl. Kein Wunder, daß die EU Bürger ihren Politikern dieses Verwaltungsmonstrum nicht abnehmen und es als das sehen, was es ist: Ein Versorgungspool für entsorgte Nationalpolitiker. Juncker : QED.
rekorder 16.07.2014
2. Das wäre...
...als gäbe es einen Berliner Außenminister, einen hessischen, einen niederbayerischen, einen unterfränkischen,... Alles gut bezahlte Pöstchen. Warum sollen.die sich selbst abschaffen?...
humptata 16.07.2014
3. Wenn ich den Namen Sikorski
Zitat von sysopDPAEuropa verliert außenpolitisch an Gewicht, also müsste die EU enger zusammen rücken. Doch Mitgliedstaaten verteidigen nationale Vorbehalte - wie die Auswahl der möglichen nächsten Außenbeauftragten zeigt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/eu-aussenbeauftragte-europa-waehlt-ashton-nachfolger-a-981208.html
im Zusammenhang mit der Position des EU-Außen"ministers" höre, wird mir ganz anders....
pjotr_perwi 16.07.2014
4. Tja das ist das Schicksal der EU...
... wo man sich eher auf eine einheitliche Währung und einen einheitlichen Standard für Gurken und Geldtransfers (SEPA) als auf eine einheitliche Aussenpolitik, geschweige denn Wirtschafts-, Sozial- oder Flüchtlingspolitik einigen kann. Aber das ist letztendlich auch ein Hinweis, auf das was die EU eigentlich nur noch zusammen hält: Keine "ethischen oder moralischen" Werte, wie es uns manche Kanon Sänger immer wieder vermitteln wollen, sondern wie es der damalige CIA-Chef nach dem Bombenkrieg gegen Restjugoslawien in einem unbedacht öffentlich gewordenen Gespräch zu gegeben hat: Es geht nur noch um den freien Kapitalverkehr...
klotsack 16.07.2014
5. Es geht weiter...
...und genau so wie ich es mir vorgestellt habe. Aber Kritik am System EU ist nicht erwünscht in unserer schönen neuen Welt. Die EU ist alternativlos.
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