EU-Bild der Diplomaten USA spotten über Zwergenmacht Europa

Die Politiker der EU wollen Weltmacht spielen - für die USA ein verzweifelter Versuch. Weil sich Merkel und Co. beim Buhlen um Obamas Gunst gegeneinander ausspielen lassen, werden sie nicht ernst genommen. Der Präsident wendet sich lieber anderen Weltregionen zu.

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Politiker Obama, Sarkozy, Merkel, Cameron: Alle wollen etwas von Washington
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Politiker Obama, Sarkozy, Merkel, Cameron: Alle wollen etwas von Washington


Die Kanzlerin war auf George W. Bushs Ranch in Crawford, Texas, geladen, nur wenige durften dorthin vordringen. Selbst ihr Ehemann Joachim, ein seltener Begleiter, war mitgekommen, sogar passend zur Umgebung leger in Jeans gekleidet. Die Merkels und die Bushs strahlten in die texanische Sonne.

Doch Amerikas Diplomaten hatten Kosten und Nutzen des Pärchenabends im November 2007 vorher kühl durchgerechnet: "Merkel konkurriert mit einem dynamischeren französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy um Aufmerksamkeit auf der internationalen Bühne", heißt es in einem Bericht der US-Botschaft in Berlin. Sarkozys Besuch in Washington und seine Ansprache vor dem Kongress ein paar Tage zuvor seien ihr bestimmt nicht entgangen. Also biete der Ranch-Besuch der Deutschen eine Gelegenheit, sich daheim als Europas wichtigste Politikerin darzustellen.

Aber dafür könne man einen Preis verlangen, so das Memo: Im Gegenzug könne Bush, damals noch US-amerikanischer Präsident, die Kanzlerin auf Fortschritte bei "Schlüsselthemen" verpflichten. Etwa beim Afghanistan-Engagement der Deutschen.

Drängen, verlangen, gegeneinander ausspielen - das Memo zur Merkel-Visite bietet einen kurzen Einblick in Amerikas Umgang mit Europa. Den Kontinent, der so gern noch immer Amerikas wichtigster Verbündeter wäre, nehmen US-Außenpolitiker nicht mehr recht ernst. Seine Führer gelten ihnen als politische Zwerge, auch weil sie sich so einfach gegeneinander ausspielen lassen.

Als besonders beeinflussbar gilt der geltungsbewusste Franzose. In einem Memo der Botschaft in Paris vor Sarkozys erstem offiziellen Washington-Besuch 2007 heißt es: "Ein Beiname von ihm lautet 'der Amerikaner', in seiner Siegesrede hat er die USA als einziges anderes Land erwähnt." Als Obama, damals noch Präsidentschaftskandidat, im Juli 2008 nach Paris gereist sei, habe Sarkozy Termine umgeschmissen, um nur ja eine Pressekonferenz mit ihm abhalten zu können. "Er hofft auf regelmäßigen ernsthaften Kontakt mit Präsident Obama."

Alle wollen etwas von den Amerikanern

Ähnlich liest sich ein Botschaftsdokument zu Großbritanniens ehemaligem Premier Gordon Brown, das Amerikas Diplomaten bald nach dessen Amtsantritt erstellten. Dieser wolle zwar nicht wie sein Vorgänger Tony Blair als Bushs "Pudel" gelten. Doch das Resümee lautete auch hier: "Er weiß, dass Großbritannien eine starke Beziehung mit der US-Regierung braucht."

Alle wollen also etwas von Washington - so schauen die Amerikaner auf die Europäer herab. Und dementsprechend sicher fühlt sich die aktuelle Regierung, Wünsche zu ignorieren oder Politiker gegeneinander auszuspielen. Der britische Historiker Timothy Garton Ash von der Universität Oxford sagt: "Beamte in Washington wissen besser als irgendjemand sonst, wie sehr europäische Staatenlenker untereinander um Audienzen mit dem US-Präsidenten oder der Außenministerin konkurrieren. Das alberne Spiel ist immer dasselbe."

Obama persönlich hält das Spiel für besonders albern. Der Präsident, auch in Indonesien aufgewachsen und ohne persönliche Bande zu Europa, schert sich kaum um transatlantische Empfindlichkeiten. Er schaut eher nach Asien und spricht vom "pazifischen Jahrhundert".

Auf einer Europa-Visite 2009 verbrachte der Präsident in Paris lieber einen gemütlichen Abend im Freundeskreis, statt mit Carla Bruni und Sarkozy öffentlich transatlantische Einheit zu zelebrieren. Der Franzose war darüber nicht glücklich. Für Gordon Brown hatte Obama als Gastgeschenk eine DVD-Sammlung alter Filme parat. Mit dem Begriff "special relationship" für die Freundschaft zwischen London und Washington, den Briten heilig, tat sich das Weiße Haus schwer.

Wie kühl aber auch Obamas Diplomaten mit Europas Eitelkeiten spielen, belegen die nun vorliegenden Botschaftskabel - gerade aus der Zeit, als viele Europäer in Obama-Manie verfielen. Ein Fototermin mit dem mächtigsten Mann der Welt war auf einmal für Europas Mächtige ein politischer Jackpot.

Die Spanier betteln um Zuneigung

Über Spaniens Regierungschef José Luis Rodríguez Zapatero und dessen Minister notieren amerikanische Diplomaten: "Aus innenpolitischen Gründen wollen sie unbedingt einen US-EU-Gipfel ausrichten. Kommt kein Besuch des Präsidenten zustande, würde das als großes Versagen von Zapatero angesehen." Dessen Begehren lasse sich für die eigenen Zwecke bestens einsetzen, analysiert das US-Memo weiter - man könne von dem Spanier für eine Gipfelzusage konkrete Hilfe etwa zu Afghanistan, Iran oder Guantanamo verlangen.

Dabei hatten die Spanier schon um Liebe gebettelt: Zapatero hatte in seiner ersten Amtszeit weitere Soldaten nach Afghanistan geschickt, sein Land erklärte sich zudem bereit, fünf Guantanamo-Gefangene aufzunehmen.

Doch es reichte nicht. Kurz vor dem Gipfel, als die Europäer um die Sitzordnung beim Abendessen mit Obama stritten, sagte der seine Teilnahme kurzerhand ab. Daran sei der "sehr volle Terminkalender" des Präsidenten schuld, so ein US-Memo. Mit den Europäern kann man es ja machen. "Das unglaublich schrumpfende Europa" titelte das US-Nachrichtenmagazin "Time".

Keine klare Führungsfigur in Europa?

Die Finanzkrise und die zeitweilige Euro-Schwäche haben die Haltung bestärkt. Die wenig koordinierte europäische Antwort auf die Schuldenkrise bewies aus Sicht der Amerikaner, dass Europa führungslos ist. Das Lamento des ehemaligen US-Außenministers Henry Kissinger, Europa habe keine Telefonnummer, gilt nach den Botschaftsdepeschen mehr denn je.

So versucht ein US-Diplomatenkabel im Dezember 2009 die "EU-Troika" zu ergründen: "Derzeit heißt dies, dass die EU vier verschiedene Parteien im Raum versammelt: das Land, das die Präsidentschaft innehat (Schweden), das Land, das die Präsidentschaft als nächstes übernimmt (Spanien), die EU-Kommission und das Generalsekretariat des Rates. Laut dem Lissabon-Vertrag soll die Troika-Vertretung unter den Vorsitz der Hohen Vertreterin für Außenpolitik, Catherine Ashton, gestellt werden."

Noch Fragen?

In Bezug auf Ashton, die eigentlich auf Augenhöhe mit den Amerikanern agieren soll, gibt man sich im US-Außenpolitikapparat ohnehin keinen Illusionen hin. "Die Absprache zu ihrer Ernennung scheint erreicht worden zu sein, nachdem Großbritanniens Premier Gordon Brown begriffen hatte, dass er die Kandidatur von Tony Blair für den Job des EU-Präsidenten nicht halten konnte." Eine Kungelkandidatin also als oberste EU-Diplomatin. Auch sonst drängt sich den Amerikanern keine klare Führungsperson in Europa auf:

  • Merkel? Sie sei stark, heißt es in den Notizen der US-Diplomaten - doch vor allem, weil ihre Gegner so schwach seien.
  • Sarkozy? "Sein Hyperaktivismus droht übers Ziel hinauszuschießen." Außerdem habe er seine engsten Mitarbeiter so eingeschüchtert, dass kaum jemand ihm sage, wenn "der Kaiser ohne Kleider dasteht". Laut einem Kabel vom Dezember 2009 erzählten Elysée-Kontakte US-Vertretern sogar, man habe eigens das Präsidenten-Flugzeug umgeleitet, um Sarkozy den Anblick des in türkischen Nationalfarben angeleuchteten Eiffelturms zu ersparen - mit der Licht-Show wollte der Pariser Bürgermeister seinen türkischen Gast, Premier Recep Tayyip Erdogan, erfreuen.
  • Und David Cameron, als Nachfolger von Brown neuer Gralshüter der britisch-amerikanischen Beziehungen? Großbritanniens Premier sei, so berichten Amerikas Diplomaten von einer Unterredung mit einem hochrangigen britischen Bankier, ohne Substanz, er denke bloß ans politische Klein-Klein.

Da hilft wohl nur Demut auf europäischer Seite. Camerons Außenminister William Hague sagt: "Die Welt hat sich verändert, und wenn wir uns nicht mit ihr verändern, wird Britanniens Rolle weiter schwächer werden." Den Begriff "special relationship" meidet die neue Koalition in London.



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Seite 1
MarkH, 09.12.2010
1. ooo
Zitat von sysopEuropa will Weltmacht spielen - für die USA ein verzweifelter Versuch. Weil sich Merkel & Co beim Buhlen um Obamas Gunst gegeneinander ausspielen lassen, werden sie nicht ernstgenommen. Der Präsident wendet sich lieber anderen Weltregionen zu. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,728613,00.html
#die erkenntnis, das obama recht hat, kommt für die Eu zu spät
benito099 09.12.2010
2. Mutti
hier in D nimmt man Mutti schon nicht mehr Ernst. Erwartet jemand, dass andere Staaten das noch machen?
maxmehr2008 09.12.2010
3. Hochmut ...
... kommt vor dem Fall. Eine alte aber sehr wahre Weisheit :)
Roueca 09.12.2010
4. Man kann...
..gar nicht soviel essen wie man speien möchte, wenn man diese Politkasper und ihr Dumpfbackiges Bodenpersonal, welches den Namen Diplomat zum Schimpfwort verkommen läßt betrachtet. Pfui Teufel und wer glaubt das die Welt in Frieden leben wird, der wird richtig enttäuscht werden, denn mit diesen Führungskräften steht der nächste Krieg vor der Tür. Und Obama, wer immer auch geglaubt hat er taugt was hat sich sowas von getäuscht!
MisterJingles 09.12.2010
5. Wer sich...
Wer sich selbst erhöht wird erniedrigt werden, wer sich selbst erniedrigt wird erhöht werden.
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