Luxemburger Mersch im EZB-Direktorium EU-Regierungschefs brüskieren Europaparlament

Wochenlang wurde um seine Ernennung geschachert. Jetzt haben die EU-Regierungschefs gegen den Willen des Europaparlaments den luxemburgischen Notenbankchef Yves Mersch ins Direktorium der EZB berufen - ganz wie es sich Kanzlerin Merkel wünschte.

Finanzexperte Yves Mersch: Kann auf Unterstützung von Bundeskanzlerin Merkel zählen
AFP

Finanzexperte Yves Mersch: Kann auf Unterstützung von Bundeskanzlerin Merkel zählen


Brüssel/Straßburg - Die EU-Staats- und Regierungschefs widersetzen sich der Rebellion des Europaparlaments (EP): Bei ihrem Sondergipfel in Brüssel haben sie den Luxemburger Yves Mersch zum Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB) ernannt. Die Personalie hatte lange für Streit gesorgt, weil die Abgeordneten eine Frau für das männerdominierte Gremium gefordert hatten.

Nach der mehrheitlichen Ablehnung galt die Legitimität des 63 Jahre alten Finanzexperten als ramponiert. Bundeskanzlerin Angela Merkel(CDU) aber hatte sich demonstrativ hinter den Luxemburger gestellt. EP-Präsident Martin Schulz (SPD) hatte vor der Entscheidung den Regierungschefs noch einmal die Position des Parlaments erläutert. Das hatte diese offenbar wenig interessiert. Schulz zeigte sich empört über die Entscheidung.

Das Nein der Straßburger Parlamentarier war eine Ohrfeige für die Regierungschefs der EU gewesen: 325 Abgeordnete hatten Ende Oktober gegen die Berufung des Luxemburgers Yves Mersch in das Direktorium der Europäischen Zentralbank gestimmt, nur 300 dafür. 49 Parlamentarier enthielten sich.

Dennoch haben die Staats- und Regierungschefs der EU nun die Berufung Merschs an die Spitze der EZB durchgewunken. Als sechstes Mitglied des EZB-Direktoriums dürfte sich der Luxemburger für eine strenge Geldpolitik und den Kampf gegen die Inflation einsetzen. Diesen Kurs, der einigen südlichen EU-Staaten ein Dorn im Auge ist, verteidigte er bei seiner Anhörung im Europaparlament am 22. Oktober nachdrücklich. Stabile Preise seien der "beste Beitrag zu nachhaltigem Wachstum".

Der 1949 geborene Jurist ist seit 1998 Direktor der Luxemburger Zentralbank. In dieser Funktion ist er bereits Mitglied des Gouverneursrats der EZB, dem die Notenbankchefs der 17 Euro-Länder angehören. Der Vater zweier erwachsener Kinder kann eine beeindruckende internationale Karriere vorweisen: Unter anderem war er bei der Weltbank tätig, bei der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung, bei der Europäischen Investitionsbank und beim Internationalen Währungsfonds in Washington.

bos/dpa/AFP



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