Von Carsten Volkery, Brüssel
Martin Schulz versuchte es zu später Stunde mit Schimpfen. "Hochgradig unverantwortlich" sei es, wenn die Mitgliedstaaten der EU die nötigen Finanzmittel verweigerten, wetterte der Präsident des Europaparlaments vor den versammelten 27 EU-Staats- und Regierungschefs. Die von der EU-Kommission vorgeschlagene Budgeterhöhung auf 1091 Milliarden Euro sei angemessen, weil sie das Wachstum in Europa fördere.
Es war bereits kurz vor Mitternacht, der EU-Haushaltsgipfel in Brüssel hatte mit dreistündiger Verspätung begonnen. Großen Eindruck hinterließ der gereizte SPD-Mann aber in der Runde nicht. Der britische Premier David Cameron, der Niederländer Mark Rutte und der Schwede Fredrik Reinfeldt forderten unbeirrt weitere Milliardenkürzungen. Auch Kanzlerin Angela Merkel waren die vorliegenden Zahlen immer noch zu hoch.
Alle sieben Jahre müssen die EU-Regierungschefs einen neuen Finanzrahmen für die EU-Kommission beschließen. Diesmal geht es um den Zeitraum von 2014 bis 2020. Der Kommissionsvorschlag von 1091 Milliarden Euro wird vom Europaparlament und den 17 Empfängerländern unterstützt. Die Nettozahler hingegen wollen insgesamt nur zwischen 890 Milliarden (Großbritannien) und 960 Milliarden Euro (Deutschland) ausgeben.
EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy hatte den Vorschlag der EU-Kommission bereits um 81 Milliarden auf 1010 Milliarden Euro gekürzt. Doch der Kompromiss reicht den Nettozahlern nicht. Es müsse weitere "moderate Kürzungen" geben, hieß es aus deutschen Regierungskreisen. Cameron legte gleich eine ganze Liste der Grausamkeiten vor: Rente mit 68 für alle Eurokraten, zehnprozentige Gehaltskürzung und Abstriche bei der Rente.
In einer endlosen Abfolge von bilateralen Gesprächen vor Gipfelbeginn waren sich die beiden Lager nicht nähergekommen. Am Ende der Nacht bilanzierte Merkel, dass die Positionen noch weit auseinander lägen. Sie habe daher Zweifel, dass man sich bei diesem Gipfel schon einigen werde, sagte sie. "Es wird mit großer Wahrscheinlichkeit eine Etappe zwei geben."
Auch Frankreichs Staatspräsident François Hollande zeigte sich skeptisch. Es sei am wahrscheinlichsten, dass es keine Einigung gebe. "Das ist, was alle denken", sagte er in einer nächtlichen Pressekonferenz.
Ratspräsident versucht es mit neuem Kompromissvorschlag
Van Rompuy hatte nach den 15-stündigen Vorgesprächen auf bilateraler Ebene einen leicht veränderten Vorschlag vorgelegt. Die Kürzungen bei der Agrarförderung hatte er von 25 auf 17 Milliarden Euro reduziert, die Einschnitte bei den Kohäsionsfonds von 29 auf 18 Milliarden Euro zurückgenommen. Beides war auf Drängen Frankreichs und Polens geschehen. Dafür hatte er an den Infrastruktur- und Forschungsausgaben stärker gekürzt. Insgesamt sah der überarbeitete Vorschlag aber immer noch Kürzungen von 81 Milliarden Euro gegenüber dem Kommissionsvorschlag vor. Daraufhin drangen die Nettozahler auf eine Unterbrechung der Sitzung, um die Nacht darüber zu schlafen.
Der Hauptkonflikt besteht zwischen Großbritannien und Frankreich. Hollande und Cameron hielten nicht einmal ein bilaterales Gespräch für nötig, so unüberbrückbar scheint die Kluft. "Wir kennen unsere Positionen", sagte Hollande. Zu Camerons Forderung nach Opfern der EU-Beamten sagte Hollande, dazu gebe es immer "extreme Vorschläge". Sehr schnell komme dann die Forderung, Straßburg als Sitz des Europaparlaments abzuschaffen. Das jedoch sei "inakzeptabel".
Mit Merkel hingegen traf der Sozialist sich zum Vier-Augen-Gespräch und schmiedete offensichtlich eine Agrar-Allianz. Deutschland und Frankreich hätten sich darauf verständigt, Van Rompuys ursprüngliche Kürzungen bei der Agrarförderung und den Kohäsionsfonds wieder zu verringern, sagte Hollande. "Das war ein erster positiver Schritt".
Einspruch des Europaparlaments? Egal
Merkel kommt eine Mittlerrolle zwischen Nettozahlern und Empfängerländern zu. Es ist jedoch fraglich, ob die Nettozahler den Van-Rompuy-Vorschlag noch weiter drücken können. Ein Kompromiss unterhalb der 1010 Milliarden Euro hätte im Europaparlament keine Chance, warnte Parlamentspräsident Schulz. Der Einwand ist nicht von der Hand zu weisen, denn die Abgeordneten haben ein Vetorecht.
Doch zeigten die Regierungschefs am ersten Abend bereits, wie ernst sie die Meinung des Europaparlaments im Zweifel nehmen. Schulz hatte sie noch einmal eindringlich gebeten, nicht den Luxemburger Yves Mersch in die EZB-Spitze zu berufen, sondern eine Frau, wie vom Europaparlament gewünscht. Die Regierungschefs ließ der Appell kalt - sie ernannten Mersch.
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