Jugendarbeitslosigkeit in Europa: Gipfel der Hoffnungslosigkeit
Millionen europäische Jugendliche haben keinen Job, wertvolle Zeit ist verspielt. Jetzt hat Angela Merkel zum Gipfel geladen, Staats- und Regierungschefs kommen. Das Treffen darf nicht zur Show verkommen - denn die Arbeitslosigkeit hinterlässt tiefe Narben bei einer ganzen Generation.
Hamburg/Berlin - Die Sorge um die Jugend ist plötzlich groß. Zum Gipfel in Berlin strömen am Mittwoch die Mächtigen Europas. Keiner will fehlen, wenn Angela Merkel ins Kanzleramt lädt. Die Kanzlerin darf sich endlich mal als mitfühlende Europäerin zeigen, die EU-Staats- und Regierungschefs präsentieren sich als Handelnde statt als Getriebene.
Schon vor dem Treffen überbietet sich die Politik mit starken Appellen. "Unsere Jugendlichen brauchen Aktionen, Entscheidungen, Arbeit - also lasst es uns anpacken", sagte EU-Kommissionschef José Manuel Barroso am Dienstag. "Es darf keine verlorene Generation geben", warnte Merkel via Interview, die bereits beim EU-Gipfel vergangene Woche klarmachte: "Schön wäre, die Jugendlichen in Europa merken mal, dass wir was tun."
Das wäre tatsächlich wichtig. In Europa waren im Mai mehr als 5,6 Millionen junge Menschen unter 25 Jahren ohne Job, das entspricht einer Arbeitslosenquote von knapp 23,5 Prozent. Immerhin wird endlich über die arbeitslosen Jugendlichen gesprochen - das ist ein wichtiges Zeichen, reicht aber nicht. Der Gipfel kommt viel zu spät.
Schon vor der Krise hatten viele junge Menschen im Süden Europas keinen Job, das Problem verschärfte sich dramatisch mit der Rezession. Die Strukturen auf dem Arbeitsmarkt waren verkrustet, die Investitionen in die Bildung zu niedrig. In Spanien wollte schon die sozialistische Vorgängerregierung 2010 die Ausbildung reformieren: Geredet wurde viel, geschehen ist nichts. Statt Ideen zu entwickeln, bekämpften sich die Parteien.
Das soll sich nun ändern - aber auch auf dem Gipfel im Kanzleramt wird wohl nichts beschlossen. Die Gipfelteilnehmer sollen sich vor allem austauschen, im Herbst will man dann wieder zusammenkommen. Also alles reine Kosmetik?
Wertvolle Jahre verspielt
Eine feste Summe im Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit steht immerhin fest. Sechs Milliarden Euro sollen in den kommenden zwei Jahren investiert werden - sie sind für Regionen gedacht, wo mehr als 25 Prozent der jungen Menschen einen Job suchen. Wie genau das Geld verwendet werden soll, ist allerdings immer noch nicht klar.
Als eines der wichtigsten Projekte sehen Experten den Aufbau eines dualen Ausbildungssystems wie in Deutschland. Das aber dauert Jahre. Neben den dringend notwendigen Investitionen in Bildung sind auch Reformen bei der Struktur des Arbeitsmarktes wichtig. Im Süden Europas genießen Ältere oft unkündbare Verträge, während junge Menschen bestenfalls zeitweise arbeiten dürfen. Doch auch hier kommen die Krisenländer nicht voran.
Die Politiker etwa in Frankreich und Italien trauen sich nicht, die Strukturreformen in Angriff zu nehmen, sie fürchten die Macht der Gewerkschaften und der älteren Arbeitnehmer - alles wichtige Wähler. Und so geschieht: nichts.
Veränderungen kosten Zeit, wertvolle Jahre sind verspielt worden. Das ist zu einer großen Gefahr geworden. Europa droht eine Generation zu verlieren.
Wenn eine ganze Generation ihren Mut verliert
Denn viele Jugendliche finden seit Jahren keine feste Arbeit, sie hangeln sich von Job zu Job und finden irgendwann keinen mehr. Lebenslang haben diese jungen Menschen - einst mit großen Hoffnungen gestartet - schlechtere Berufsaussichten und wohl auch niedrigere Löhne, rechnet der Ökonom Wolfgang Franz vor.
Schon jetzt verliert eine ganze Generation den Mut. Auch in Deutschland ist der Einstieg ins Berufsleben anfangs oft schwierig, sagt Professor Heiner Keupp, aber bei vielen Jugendlichen in den Krisenländern schwindet die Hoffnung, dass sie es überhaupt schaffen können. "Es fehlt das Sprungbrett in eine wichtige Phase des Lebens", so der Sozialpsychologe; eine Phase, in der viele in eigenen Wohnungen wohnen, sich orientieren, irgendwann über Kinder nachdenken. In Spanien ist das Gegenteil zu beobachten: Aus Mangel an Geld bleiben junge Menschen bei ihren Eltern wohnen. Sie hängen fest.
Was ihnen kurzfristig hilft? Nicht wenige Experten sind der Meinung, dass die jungen Menschen ins Ausland gehen müssen, sich dort weiterbilden. Unterstützung finden sie zum Beispiel durch das neue Förderprogramm MobiPro-EU. Rund 5000 junge Spanier sollen in den kommen vier Jahren in Deutschland einen Ausbildungsplatz oder eine Arbeitsstelle erhalten.
Arbeitsministerin Ursula von der Leyen wirbt für dieses Programm gerne öffentlichkeitswirksam: "Wir müssen für diese jungen Menschen eine Antwort geben, dass Europa für sie Perspektiven hat, und zwar jetzt."
So bietet der Gipfel im Kanzleramt der Bundesregierung die schöne Gelegenheit, nicht ständig den bitteren Sparmeister zu geben, sondern den sanften Förderer. Doch auch am Mittwoch wird die Kritik an Berlin nicht zu überhören sein: Mit dem Sparkurs werde das Wachstum abgewürgt - und ohne Wachstum keine Jobs. Viele Euro-Länder leiden noch immer unter der schweren Rezession. Im gesamten Euro-Raum schrumpft die Wirtschaft nach Ansicht der EU-Kommission in diesem Jahr um 0,4 Prozent.
Mitarbeit: Theresa Breuer
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