EU-Spitzenbeamte Die mächtigen Deutschen in Brüssel

Wachablösung bei der EU: Kommissionspräsident Juncker stellt am Mittwoch seine neuen Kommissare vor. Doch ein Großteil der Macht liegt bei den Top-Beamten. Vier der wichtigsten sind Deutsche.

Von und Christoph Schult, Brüssel

EC/Christian Lambiotte

CDU-Fraktionschef Volker Kauder gilt als unerschrockener Mann der klaren Ansagen. Doch einen Satz auf dem Höhepunkt der Euro-Krise dürfte er bis heute bereuen. "Jetzt auf einmal wird in Europa Deutsch gesprochen", verkündete der Christdemokrat forsch.

Kanzlerin Angela Merkel war nicht amüsiert - bemüht sie sich doch stets, den Eindruck deutscher Übermacht in Europa zu vermeiden.

Dabei hatte Kauder in gewisser Weise recht. Denn ganz gleich, welche Kommissarsriege Jean-Claude Juncker am Mittwoch vorstellt - ein Großteil der Macht in der EU liegt bei jenen Beamten, die häufig ihr gesamtes Berufsleben in Brüssel verbringen und mit viel Idealismus, aber bisweilen auch Überheblichkeit ausgestattet sind. Und die mächtigsten unter ihnen sind für die kommenden Jahre Deutsche, allen voran: Martin Selmayr, neuer Chef des Kabinetts von Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und zuvor Organisator von dessen Wahlkampf.

Der 43 Jahre alte Jurist diente lange als Sprecher und dann Kabinettschef der bisherigen EU-Justizkommissarin Viviane Reding. Er gilt als Workaholic, neben der Beamtentätigkeit ist er noch Direktor des Zentrums für Europarecht an der Universität Passau. Dass Reding als eine der stärksten Kommissarinnen der Barroso-Zeit gilt, hat sie maßgeblich Selmayr und dessen Team zu verdanken.

Selmayr hatte die Spitzenkandidaten-Idee

Selmayr ist genau wie sein Vorgänger Johannes Laitenberger Kabinettschef von José Manuel Barroso, Mitglied der CDU. Anders als Laitenberger jedoch sieht er die EU-Kommission mehr als europäische Regierung denn als reine Hüterin der Verträge. Kollegen loben seine Fachkenntnis und seinen Fleiß, auch seine Aufgeschlossenheit für moderne Themen wie den digitalen Wandel. Manche finden aber, er habe ein etwas zu gesundes Selbstbewusstsein. "Es ist Selmayr egal, wer unter ihm Kommissionspräsident ist", sagt ein hochrangiger EU-Beamter.

Die Idee, dass Spitzenkandidaten bei der Europawahl gegeneinander um das Amt des Kommissionspräsidenten kämpfen, geht ebenfalls auf Selmayr zurück. Er gehörte während des EU-Verfassungskonvents 2002/2003 zu den Autoren der entsprechenden Passage im Lissabon-Vertrag.

Entwickelt hat die Idee der Spitzenkandidaten ein anderer deutscher Beamter, der auf den ersten Blick gar nicht so mächtig wirkt: Klaus Welle, 50, ist Generalsekretär des Europaparlaments und hält sich, anders als Selmayr, gegenüber der Öffentlichkeit sehr bedeckt. CDU-Mitglied Welle war früher Büroleiter des damaligen Parlamentspräsidenten Hans-Gert Pöttering .

Was den Ehrgeiz angeht, das Parlament zu einer festen Größe im Brüsseler Betrieb zu machen, an der Kommission und vor allem der Europäische Rat nicht vorbeikommen, denkt er allerdings wie der ehemalige sozialdemokratische Spitzenkandidat Martin Schulz: Selmayr formulierte die Idee, Welle entwickelte sie, und Schulz verhalf ihr zum Durchbruch.

Corsepius war Merkels wichtigster Berater

Selmayr und Welle werden, ähnlich wie es Juncker und Schulz auf politischer Ebene verabredet haben, eng zusammenarbeiten, wenn es darum geht, die in der Eurokrise gewachsene Macht des Europäischen Rates zu stutzen. Dort, im Justus-Lipsius-Haus, sitzt der dritte mächtige deutsche Beamte. Uwe Corsepius ist Generalsekretär des Rates der Europäischen Union, somit gleichsam Organisator der Gipfeltreffen der EU-Staats- und Regierungschefs.

Der 54-Jährige war bis 2011 Chef der Europaabteilung im Berliner Kanzleramt und Merkels wichtigster Europaberater. Als solcher hat er sich mit seinem manchmal robusten Auftreten nicht überall Freunde gemacht. Doch in seiner neuen Brüsseler Tätigkeit erarbeitete er sich einen guten Ruf als überzeugter Europäer.

Aber nicht nur dort ziehen deutsche Spitzenbeamte die Fäden. Sie tun dies auch im nahen Luxemburg, wo etwa der rund 700 Milliarden Euro starke Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) residiert. Dessen Geschicke lenkt Klaus Regling, ehemals Top-Kraft im Berliner Finanzministerium. Er könnte eine Schlüsselrolle spielen, sollten bei einer Neuauflage der Eurokrise neue Rettungsmaßnahmen anstehen.

Regling wird zudem wachsam die Politik des in Berlin ungeliebten französischen Sozialisten Pierre Moscovici verfolgen, der in der Kommission Juncker das Amt des Währungskommissars bekleiden dürfte.

Verhindern konnten die Deutschen Moscovici nicht. Doch ist diesem in der neuen Kommissionstruktur ein Vizepräsident übergeordnet. Angeblich würden die Deutschen zudem gerne noch einen Top-Beamten aus der Bundesrepublik in Moscovicis Umfeld platzieren. "Wie heißt es auf Deutsch: Vertrauen ist gut, aber Kontrolle ist besser?", kommentiert ein Kommissionbeamter das Ansinnen grinsend.

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