Umverteilung in der EU Deutschland soll die meisten Flüchtlinge aufnehmen

160.000 Flüchtlinge will die EU-Kommission innerhalb des Kontinents umsiedeln. Damit sollen vor allem Ungarn und Griechenland entlastet werden - Deutschland wird einem Zeitungsbericht zufolge die meisten Menschen aufnehmen.

Migranten auf der italienischen Insel Sizilien: Wer aus Syrien, Eritrea oder Afghanistan kommt, hat hohe Chancen auf Asyl
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Migranten auf der italienischen Insel Sizilien: Wer aus Syrien, Eritrea oder Afghanistan kommt, hat hohe Chancen auf Asyl


Die schnelle Hilfe an diesem Wochenende seitens Deutschlands und Österreichs für Flüchtlinge, die in Ungarn festsaßen, ist offenbar erst ein Anfang. Wie der SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe berichtet, will EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker insgesamt 160.000 Flüchtlinge, die in Italien, Griechenland und Ungarn angekommen sind, auf andere europäische Mitgliedstaaten umverteilen.

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Heft 37/2015
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Bereits im Sommer hatten sich die EU-Länder darauf geeinigt, 40.000 Menschen anders zu verteilen, 120.000 weitere kommen nun hinzu. Junckers Vorschlag soll bereits kommende Woche von der EU-Kommission beschlossen werden. Demnach soll Ungarn um 54.000 schutzbedürftige Flüchtlinge entlastet werden. Weitere 50.400 Flüchtlinge sollen aus Griechenland umgesiedelt werden, aus Italien 15.600.

Der aktuelle Notfallplan zur Umverteilung betrifft Flüchtlinge aus Syrien, Eritrea und Afghanistan. Sie haben eine besonders hohe Aussicht auf Asyl, mindestens 75 Prozent der Anträge werden den Angaben zufolge genehmigt. Der Plan gilt demnach für einen Zeitraum von zwei Jahren. Die Kommission zahle jedem Aufnahmeland 6000 Euro pro Flüchtling.

Deutschland - das wirtschaftlich stärkste EU-Land - solle nach dem Verteilungsschlüssel der EU-Kommission weitere 31.443 Flüchtlinge aus Ungarn, Griechenland und Italien aufnehmen und damit mehr als jedes andere EU-Land; das berichtet die "Welt am Sonntag" ("WamS"). An zweiter Stelle bei der Aufnahme steht demnach Frankreich mit 24.031 Flüchtlingen, gefolgt von Spanien mit 14.921. Mit 133 Flüchtlingen soll Malta die wenigsten Flüchtlinge aufnehmen.

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Flüchtlinge aus Ungarn: Ein Foto von Angela Merkel im Gepäck

Nachdem Tausende Flüchtlinge tagelang unter menschenunwürdigen Verhältnissen unter anderem am Budapester Ostbahnhof ausgeharrt hatten, sind inzwischen viele von ihnen in Österreich und Deutschland angekommen. Ungarische Busse hatten die Menschen am Freitagabend an die österreichische Grenze gebracht, Österreich und Deutschland erklärten sich daraufhin bereit, die Flüchtlinge ohne bürokratische Hürden und Kontrollen einreisen zu lassen. Bahnen und Sonderzüge wurden eingesetzt.

So haben die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) seit Samstag bereits mehr als 13.000 aus Ungarn gekommene Flüchtlinge Richtung Deutschland befördert. Am Samstag seien es insgesamt 11.000 Menschen gewesen, während bis Sonntagvormittag bereits weitere 2200 Migranten in Zügen nach Deutschland unterwegs gewesen seien, erklärte eine ÖBB-Sprecherin in Wien.

Die Bundespolizei bestätigte, dass bereits am Samstag Tausende Menschen in Bussen und Bahnen die Grenze zu Deutschland überschritten hätten. Und es sehe nicht so aus, "als ob das abreiße". Derzeit geht es vor allem darum, die Menschen rasch unterzubringen. Innerhalb Bayerns sind Busse unterwegs, um die Menschen in verschiedene Erstaufnahmeeinrichtungen zu bringen; auch die Weiterverteilung auf die Bundesländer läuft.

Im Video: Flüchtlinge werden in München mit Applaus empfangen

Sowohl die ungarische Regierung als auch Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) hatten am Samstag mitgeteilt, die Vereinbarung zur Weiterreise Tausender Flüchtlinge von Ungarn Richtung Deutschland sei eine Ausnahme: "Die Hilfe in der gestrigen Notlage war verbunden mit der dringenden Mahnung dafür, daraus gerade keine Praxis für die nächsten Tage zu machen", so Steinmeier.

Schwer kranke Kinder werden in Österreich behandelt

Die österreichische Polizei bringt derzeit weiterhin aus Ungarn kommende Flüchtlinge vom ungarisch-österreichischen Grenzort Nickelsdorf bis Salzburg an der Grenze zu Deutschland. Von dort sollen sie nach München weiterreisen. Für den Transport seien 20 Busse im Einsatz, sagte der stellvertretende Polizeidirektor des Burgenlandes, Christian Stella. Am Vormittag seien zunächst keine Flüchtlinge mehr aus Ungarn gekommen, das könne sich aber rasch ändern. Der Sondereinsatz von Polizisten und Helfern in Nickelsdorf werde deshalb zunächst fortgesetzt.

Mehrere Flüchtlinge, die in der Nacht zum Sonntag Österreich erreichten, mussten nach Angaben des Roten Kreuzes in Krankenhäusern behandelt werden. Unter ihnen seien sieben schwer kranke Kinder. Sie hätten an Durchfall, Erbrechen und Dehydrierung gelitten. Unter den Ankommenden seien auch Diabetiker mit massiv hohen Zuckerwerken gewesen. Einige schwangere Frauen, die über Schmerzen im Unterleib klagten, wurden in die gynäkologische Abteilung eines österreichischen Krankenhauses gebracht.

Nach Angaben der Dortmunder Polizei wollten unbekannte Täter in der Nacht in einer ehemaligen Förderschule Feuer legen. Der Gebäudekomplex soll demnach als Flüchtlingsunterkunft genutzt werden, ist aber noch nicht umgebaut. Ein offenes Feuer habe sich nicht entwickelt. Es sei bei der Rauchentwicklung geblieben, hieß es.

Rund 30 Rechtsextreme hatten bereits am späten Samstagabend in Dortmund gegen die Ankunft von aus Ungarn kommenden Flüchtlingen demonstriert. Die Partei "Die Rechte" habe kurzfristig eine Demonstration im Hauptbahnhof angemeldet, die Polizei habe diese nach eigenen Angaben aber nur außerhalb des Bahnhofs erlaubt. Es sei darum gegangen, die Rechtsextremen "nicht in Sicht- und Rufweite zu den ankommenden Flüchtlingen" zu lassen. Mehrere hundert zum Teil gewaltbereite Linksextreme demonstrierten laut Polizei gegen die Rechtsextremen, es seien Flaschen und Feuerwerkskörper geworfen worden.

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lgr/dpa/Reuters

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