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EU-Krise "Den Europäern fehlt es an Gemeinsamkeiten"

Europa-Flagge: "Der Nationalismus ist zurückgekehrt"Zur Großansicht
dpa

Europa-Flagge: "Der Nationalismus ist zurückgekehrt"

Dänemark führt wieder Grenzkontrollen ein, die EU streitet über Finanzhilfen für Griechenland, in vielen Mitgliedsländern sind Rechtspopulisten im Aufwind: Zerbricht die europäische Idee? Der Historiker Philipp Blom spricht im Interview über die Schwächen der Gemeinschaft - und über ihre Chancen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Blom, Dänemark will auf Druck der rechtspopulistischen Partei DF an seinen Grenzen wieder Kontrollen einführen. Gerät mit dem Ende der europäischen Reisefreiheit auch die europäische Idee in Gefahr?

Blom: Die europäische Idee ist schon in Gefahr, aber es gibt zu ihr keine Alternative. Helmut Schmidt hat vor kurzem in einem Aufsatz vorgerechnet, dass die Europäer Anfang des 20. Jahrhunderts 25 Prozent der Weltbevölkerung gestellt haben, Ende des 21. Jahrhunderts werden es demnach nur noch fünf Prozent sein. Wenn sich diese Länder dann auch noch zersplittert um ihre eigenen Interessen kümmern wollen, haben sie keine Stimme mehr in der Welt.

SPIEGEL ONLINE: Außer dem Schengen-Streit sorgen auch die Euro-Rettung und die Debatte über Finanzhilfen für Konflikte. Viele EU-Bürger sehen Europa eher als Schreckgebilde denn als Verheißung. Wie ist es dazu gekommen?

Blom: Dafür trägt leider auch die Politik die Verantwortung. Man muss nur schauen, was mit den Flüchtlingen der arabischen Revolutionen geschieht: Die EU hat Italien mit diesem Problem alleingelassen. Die Franzosen wollten ihre Grenzen dichtmachen, die Österreicher auch. Da zeigt sich einerseits ein Mangel an Solidarität. Andererseits schieben Politiker gern der EU all das in die Schuhe, was in ihrem eigenen Land schiefläuft.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich die EU auch durch die Erweiterung angreifbar gemacht?

Blom: Es scheint mir, dass sich die EU jenseits ihrer Handlungsfähigkeit vergrößert und sich damit noch nicht institutionell arrangiert hat. Dazu kommt ein gigantisches Demokratiedefizit: Für einfache Menschen ist es sehr schwer einsehbar, wie Entscheidungsprozesse in Brüssel zustande kommen. Oder nehmen wir das Debakel zur Europäischen Verfassung - ein Beispiel, das verdeutlicht, mit welcher Arroganz in Brüssel oftmals vorgegangen wird: Was wäre falsch daran gewesen, dass alle Europäer Mitglieder zu einer verfassunggebenden Versammlung wählen, die dann die Verfassung formulieren kann? Stattdessen wurde den Menschen einfach ein hochkomplexes Dokument vorgelegt und signalisiert: Jetzt sagt bitte schön ja dazu.

SPIEGEL ONLINE: Wie ließen sich denn Konstruktionsfehler im Gebilde EU beheben?

Blom: Auf der theoretischen Ebene funktioniert dies sicher. Aber in der praktischen Welt gibt es ein unendliches Geflecht von Nationalinteressen, Karrierefaktoren und Kuhhandelei. Neue Konstruktionsprinzipien bedeuten Machtverzicht für Individuen und Parteien, und dafür muss sich der Druck auf Europa enorm erhöhen.

SPIEGEL ONLINE: Nicht nur in Dänemark feiern Rechtspopulisten und Euro-Skeptiker Erfolge. Kehrt in Europa der Nationalismus zurück?

Blom: Er ist leider schon längst zurückgekehrt. Zum Teil ist das Ausdruck des Vakuums, das wir haben: Die großen Volksparteien haben über Jahrzehnte auch zum Teil legitime Sorgen von Wählern ignoriert, sie wollten sie nicht wahrnehmen - etwa das Thema Migration. Leider waren dann die Rechtsaußenparteien die Einzigen, die diese Fragen offensiv artikuliert haben. Europäische Länder haben wie jeder andere Staat auch das Recht, die Migration in das eigene Gebiet zu steuern - kein Mensch findet das bei Australien, Neuseeland oder Kanada bedenklich. Auch der soziale Friede innerhalb eines Landes ist wichtig, es geht aber um folgende Frage: Wollen wir eine offene, integrative Gesellschaft sein, in der sich Menschen unterschiedlicher Kulturen und unterschiedlicher Horizonte friedlich miteinander arrangieren oder wollen wir das nicht? Die Rechtsaußenparteien wollen die offene, integrative Gesellschaft nicht - aber einige der Ängste, die sie artikulieren, die sind einfach da. Das Schlimmste, was man als liberaldenkender Mensch oder liberaldenkende Partei tun könnte, wäre, davor die Augen zu verschließen und zu sagen, es handle sich um nationalistische Vorurteile.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich der Blick auf Europa in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt?

Blom: Er ist wesentlich ernüchterter geworden. Das Misstrauen gegenüber der weit entfernten Institution Europa ist gestiegen. Das liegt zum Teil auch daran, dass es die Politiker in Brüssel nicht geschafft haben, Kommunikationskanäle zu ihren Wählern in den Heimatländern zu schaffen. Europawahlen werden von nationalen Partien und anhand von nationalen Fragen bestritten, nicht von europäischen Parteien. Es existiert keine genuin europäische Öffentlichkeit. Es gibt zum Beispiel keine Fernsehsendung, die alle Europäer sehen können, es gibt keine Gemeinsamkeiten, die sich aus Europa ergeben - jenseits der gemeinsamen Währung.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie daran, dass es so etwas wie eine europäische Öffentlichkeit jemals geben wird?

Blom: In einer Demokratie ist Öffentlichkeit unabdingbar. Wenn Europa eine Demokratie sein will, die mehr ist als eine mittelgroße europäische Stadt, in der sich Parlamentarier treffen, die niemand kennt, dann wird es diese Öffentlichkeit entwickeln müssen. Dann wird es den Menschen effektiver als bisher zeigen müssen, wie es das Leben der EU-Bürger positiv beeinflusst. Dass es ihnen Wohlstand, Stabilität und Frieden gebracht hat und bringt - und dass es nicht nur die Krümmung von Bananen reguliert, worüber sich die Boulevardmedien freuen.

SPIEGEL ONLINE: "Der taumelnde Kontinent" lautet der Titel Ihres Buchs über Europa in der Zeit von 1900 bis 1914. Wie würde er lauten, wenn Sie ein Buch über das Europa unserer Tage schreiben würden?

Blom: Es wäre wohl so etwas wie "Der erstickende Kontinent", aber durchaus mit einem Fragezeichen versehen. Ich meine das auf das kulturelle Selbstverständnis bezogen. Die Berufung auf die Werte, die Europa möglich gemacht haben, ist immer hohler geworden. Wir müssen uns mit diesen Werten und Ideen wieder offensiv beschäftigen.

Das Interview führte Björn Hengst

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insgesamt 95 Beiträge
Clawog 16.05.2011
Es fehlen an Gemeinsamkeiten. Das ist eine reale Feststellung. Die Chancen sind pure Träumereien. Diese werden sich nicht verwirklichen lassen. Dafür sorgen schon Typen wie die Kaczinski Brüder.
Es fehlen an Gemeinsamkeiten. Das ist eine reale Feststellung. Die Chancen sind pure Träumereien. Diese werden sich nicht verwirklichen lassen. Dafür sorgen schon Typen wie die Kaczinski Brüder.
hilfloser 16.05.2011
der viele wichtige Punkte nachvollziehbar und "Richtig" anspricht. Bis auf eine Kleinigkeit: -Wollen wir eine offene, integrative Gesellschaft sein, in der sich Menschen unterschiedlicher Kulturen und [...]
der viele wichtige Punkte nachvollziehbar und "Richtig" anspricht. Bis auf eine Kleinigkeit: -Wollen wir eine offene, integrative Gesellschaft sein, in der sich Menschen unterschiedlicher Kulturen und unterschiedlicher Horizonte friedlich miteinander arrangieren oder wollen wir das nicht?- Ein unbedingtes JA von meiner Seite und ich denke von der Seite der allermeisten klar denkenden Europäer. Aber! es gibt da eine Religiöse Gruppe in Europa die genau diese offene, freie, liberale Kultur ablehnen. Und genau DAS ist das Problem das es anzupacken und zu lösen gilt. Allerdings schrecken alle bürgerlichen Politiker hier vor einer echten Problemlösung zurück.
gelldaschaust 16.05.2011
Wichtig wäre gewesen, sich dieser Weisheit schon vor der blinden Expansionswut der EU bewusst zu werden... denn 15 Nationen sind innernoch weit einfacher unter einen Hut zu bringen als 25 (sinds nicht mittlerweile noch mehr [...]
Zitat von ClawogEs fehlen an Gemeinsamkeiten. Das ist eine reale Feststellung. Die Chancen sind pure Träumereien. Diese werden sich nicht verwirklichen lassen. Dafür sorgen schon Typen wie die Kaczinski Brüder.
Wichtig wäre gewesen, sich dieser Weisheit schon vor der blinden Expansionswut der EU bewusst zu werden... denn 15 Nationen sind innernoch weit einfacher unter einen Hut zu bringen als 25 (sinds nicht mittlerweile noch mehr geworden, 28 oder so?)
brux 16.05.2011
Die Europäer haben viel mehr gemeinsam als sie trennt. Deshalb ist die Überschrift Quatsch. Wer die EU kaputt macht, sind die Politiker und die Journalisten. Beide bedienen kurzsichtig ein nationales Publikum und sind an echter [...]
Die Europäer haben viel mehr gemeinsam als sie trennt. Deshalb ist die Überschrift Quatsch. Wer die EU kaputt macht, sind die Politiker und die Journalisten. Beide bedienen kurzsichtig ein nationales Publikum und sind an echter Information nicht interessiert. Hinzu kommt noch, dass diese nationalen Eliten im EU-Massstab nur kleine Leuchten sind. Sie beherrschen weder Sprachen noch die Materie. Und wie kleine Geister mit grossen Aufgaben umgehen, weiss man ja. Auch der Herr Experte ist da leider keine Ausnahme. Die Krümmung von Bananen wurde nie geregelt, und die der Gurken war eine Forderung der nationalen Bauernverbände, die selbst der Abschaffung noch Widerstand entgegen gesetzt haben. Mein Rat: Sich selber informieren. Die Behauptung, dass EU-Prozesse völlig intransparent sind, ist nämlich auch nur eine Lüge.
Lustigmacher 16.05.2011
Welche Gemeinsamkeiten? Dass die EU diktiert: - Ihr müsst jetzt eine Volkszählung machen - Ihr müsst eine Vorratsdatenspeicherung einführen - Ihr braucht Websperren für unliebsame Inhalte - Ihr müsst jetzt hochgiftige [...]
Welche Gemeinsamkeiten? Dass die EU diktiert: - Ihr müsst jetzt eine Volkszählung machen - Ihr müsst eine Vorratsdatenspeicherung einführen - Ihr braucht Websperren für unliebsame Inhalte - Ihr müsst jetzt hochgiftige Quecksilberglühbirnen nutzen - usw. ?
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Zur Person
AP / Palgrave MacMillan

Philipp Blom, 41, ist Schriftsteller und Historiker. Er hat unter anderem die Bücher "Der taumelnde Kontinent: Europa 1900 - 1914" und "Böse Philosophen: Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung" verfasst. Blom schreibt regelmäßig für europäische und US-amerikanische Zeitungen. Der gebürtige Hamburger lebt in Wien.

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Grenzkontrollen im Schengen-Raum

Die Dänen wollen sich stärker abschotten. Soll auch Deutschland wieder Grenzkontrollen einführen?

  • Ja
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Das Schengen-Abkommen
Das Schengener Abkommen hat 1985 die Schlagbäume als Grenzkontrollen zwischen Deutschland, Frankreich und den drei Benelux-Ländern abgeschafft. Gleichzeitig verpflichteten sich die Länder, ihre Außengrenzen besser zu schützen.

Unterzeichnet wurde der Vertrag auf einem Mosel-Schiff bei Schengen in Luxemburg. Es dauerte aber bis 1995, bis die Schlagbäume tatsächlich abgebaut wurden.

Heute gehören bereits 25 Staaten zum Schengen-Raum. Bulgarien und Rumänien wollen dabei sein, erfüllen die Bedingungen aber noch nicht. Dafür sind die Nicht-EU-Staaten Norwegen, Island und die Schweiz dabei.

Die Schengen-Mitgliedschaft verbietet systematische Grenzkontrollen. Wer dabei den Stichproben mit korrekten Papieren unterwegs ist, wird durchgelassen.

Ausnahmen sind bislang nur möglich, wenn die Staaten ihre innere Sicherheit in Gefahr sehen. So führte Frankreich während des Nato-Gipfels 2009 wieder Passkontrollen an der deutschen Grenze ein, aus Angst vor gewaltbereiten Demonstranten. Auch bei Staatsbesuchen, großen Sportereignissen oder politischen Spitzentreffen führten einige Schengen-Mitglieder zeitweise wieder Grenzkontrollen ein.

Nicht nur EU-Bürger genießen seit Schengen eine nie gekannte Reisefreiheit. Auch Menschen aus Drittstaaten mit einem gültigen Schengen-Visum profitieren von dem Abkommen. Läuft das Visum ab, muss der Inhaber aus der Schengen-Zone ausreisen.

Im Schengen-Raum wohnen heute mehr als 400 Millionen Menschen. Die Landgrenzen sind insgesamt mehr als 7700 Kilometer lang, die Seegrenzen knapp 42.700 Kilometer.

Wie in der Praxis die Regeln umgesetzt werden, legt der Schengen-Grenzkodex fest. In diesem Text werden auch Voraussetzungen genannt, unter denen ein Staat vorübergehend wieder Grenzkontrollen einführen darf - wie es Italien und Frankreich derzeit wegen des Flüchtlingsstroms aus Nordafrika fordern.

Nach Artikel 23 kann ein Mitgliedsland „im Falle einer schwerwiegenden Bedrohung der öffentlichen Ordnung oder inneren Sicherheit“ ausnahmsweise für einen begrenzten Zeitraum an seinen Grenzen wieder Personen kontrollieren. Die Maßnahmen dürfen höchstens 30 Tage dauern oder so lange, wie die „schwerwiegende Bedrohung“ andauert. Die Kontrollen müssen laut Grenzkodex maßvoll sein. Artikel 24 verpflichtet den Staat dazu, die anderen Mitgliedstaaten und die EU-Kommission darüber zu informieren und die Gründe zu erläutern.




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