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EU-Krise: Europa funktioniert auch ohne Liebe

Europa, eine Herzensangelegenheit? Von wegen! Für die Allermeisten ist die EU ein bürokratischer Koloss - und Brüssel bleibt vielen fremd, klagt der deutsche Schriftsteller Thomas Brussig. Doch Europa funktioniert auch so. Ohne große Zuneigung.

Ukrainer während der Orangen Revolution (2004): Herzenssache Europa Zur Großansicht
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Ukrainer während der Orangen Revolution (2004): Herzenssache Europa

Wenn ein Theaterautor mit einem Politiker zusammentrifft, ist es fast unvermeidlich, dass der Politiker erwähnt, was für ein Stück geschrieben werden müsste. Heutzutage sagt ein Politiker immer: "Ich wünsche mir ein Stück über die Finanzkrise."

Vor einigen Jahren jedoch sagte mir mal ein Politiker, er wünsche sich ein Stück über die europäische Integration. Und dann strahlte er mich an, als hätte er mir die Idee geliefert für einen europaweiten Kassenknüller.

Selbstverständlich habe ich dieses Stück nicht geschrieben. Nicht nur deshalb, weil ich von der europäischen Integration noch weniger verstehe als jener Politiker vom Theater. Es gibt ja auch sonst kein Stück über die europäische Integration, zumindest kein bemerkenswertes. Das ist insofern auch nicht verwunderlich, weil sich Kunst ja immer an den Zuständen reibt. Wo alles bestens ist, hat die Kunst nicht viel verloren. (Insofern ist der Ruf nach dem Finanzkrisen-Stück auch nachvollziehbar.)

Die europäische Integration hat Beachtliches vollbracht; die Superlative der Sonntagsredner sind berechtigt. Es gibt heute in Europa kaum noch nationalstaatliche Konflikte, bei denen eine Kriegsgefahr überhaupt nur denkbar ist. Es gibt keine Lager, keine Blöcke, keine europäische Teilung. Selbst die Grenzkontrollen sind vielerorts entfallen - vor wenigen Jahrzehnten noch schien das utopisch.

Es gibt eine Einheitswährung, die auch dann, wenn ihre Einführung in manchen Staaten wieder rückgängig gemacht würde, ihre Leuchtkraft behielte und alle verbleibenden Staaten anregen würde, ihr beizutreten. Schul- und Universitätsabschlüsse erlangen europaweite Gültigkeit, die Arbeitsmärkte öffnen sich, so dass jeder Europäer überall in Europa sein Glück versuchen kann. Und da es sowieso keine nationalstaatlichen Konflikte innerhalb Europas gibt, könnte man die nationalen Armeen auch gleich durch eine europäische Armee ersetzen. Die arbeitslosen Verteidigungsminister dürften dann gern auch Theaterintendanten werden.

Europa, ein Haus mit verschlossenen Türen

Aber ich bin mit Europa überhaupt nicht im Reinen. Den Begriff des "europäischen Hauses" hörte ich das erste Mal von Michail Gorbatschow, in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre. Gorbatschow opferte dieser Idee das Sowjet-Imperium. Er entließ den Ostblock aus dem sowjetischen Herrschaftsbereich, stimmte der deutschen Einheit ebenso zu wie der Osterweiterung der Nato. Die Sowjetunion zerfiel, und drei ehemalige Sowjetrepubliken traten der EU bei. Doch dem Rest der ehemaligen Sowjetunion wurde die Tür des europäischen Hauses vor der Nase zugeschlagen.

Noch krassere Erfahrungen machte die Ukraine, die in der Orangen Revolution 2004 eine autoritäre Regierung abschüttelte. Kiews Revolutionäre waren beseelt von europäischen Idealen und getragen von einer europäischen Perspektive. Mit friedlichen Mitteln für Demokratie, Freiheit und Recht einzutreten - wenn das nicht europäisch ist, was dann? Doch auch der Ukraine wurde die Mitgliedschaft in der EU verweigert. Diese Demütigung habe ich erlebt, als wäre ich selbst Ukrainer.

Es wird oft gesagt, dass Europa eine "Herzenssache" ist. Nun, für die orangen Revolutionäre und sicherlich auch für Michail Gorbatschow war es eine Herzenssache - und sie haben es trotzdem nicht in das institutionalisierte Europa geschafft. Während die Dänen, die Iren und wer da noch alles Nein zur europäischen Verfassung sagte, in der EU bleiben mussten - oder einfach so lange gefragt wurden, bis das erwünschte Ergebnis eintrat.

Sprachbarriere macht Brüssel zu einem Fremdkörper

Insofern kann ich Europa als "Herzenssache" nicht ernst nehmen. Eher als ein bürokratisches Gebilde, welches im täglichen Leben durchaus von Nutzen ist. Man denke nur an die Privilegien, die einem der Status als "europäischer Verbraucher" sichert.

Einer "europäischen Identität" steht vor allem die Sprache entgegen. Jeder weiß doch, dass die Verständigung in der Muttersprache eine ganz andere Basis herstellt. Und leider wird sich auf unabsehbare Zeit kein Europäer mit der Mehrheit der Europäer in einer gemeinsamen Muttersprache verständigen können. Jeder europäische Politiker, der in seiner Muttersprache redet, wird nur von einer Minderheit der europäischen Bürger verstanden.

Da jedoch die Sprache, die Rhetorik der Politiker ihr hervorstechendstes Erkennungsmerkmal ist, werden die europäischen Politiker der Mehrheit der europäischen Bürger immer irgendwie fremd und Brüssel immer ein gesichts- und sprachloses Raumschiff bleiben. Und eine Lösung dafür gibt es nicht.

Es gibt Menschen, die lieben ihr Auto. Andere beteuern, es sei "nur ein Gebrauchsgegenstand". Und so ist es auch mit Europa: Europa kann Herzenssache sein. Aber es funktioniert zum Glück auch so.

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insgesamt 56 Beiträge
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1. Provokation oder schlicht: Irrtum?
GinaBe 29.12.2010
Wie können Sie das behaupten, ohne rot zu werden? Im Humanismus sprachen unsere deutschen idealistischen helden zwar nicht von christlicher Nächstenliebe, aber sehr wohl von Werten, die Menschen zusammenführen und zusammenhalten lassen, sei es Das Gute und Schöne oder die Kunst und Kultur. Europäische Zustände sind Stände des Hochkapitals geworden und weniger Befindlichkeiten der Menschen, die sich von der zunehmenden Bürokratisierung und Prioritäten wirtschaflicher Interessen bedroht und verraten fühlen. Mit Ihrer Funktionsfähigkeit Europas treffen Sie allerdings auf den empfindsamen Punkt des Gedankennetzes, der die Europäer instrumentalisiert, ohne sie humanitär unter einem Schirm dieser Werte zu vereinigen, ihnen gerecht wird. Uneinigkeit und Neid blühen hier auf. Sprachliche Barrieren differenzieren nationale Qualitäten, nicht aber die gemeinsame und traditionsreiche geschichte, aus der einmal endlich ein Resumee gezogen werden müßte, um Europa in die Moderne zu ziehen, ohne sich lediglich auf importierte Freiheiten vom Tochterkontinent Amerika zu berufen.
2. Lapsus?
Wembley 29.12.2010
Brussig hat mit dem Beispiel Ukraine die emotionale Kraftquelle EU-Europas genannt: Für all diejenigen, die sich finanzielle Hilfen von der EU versprechen, ist Europa eine echte "Herzensangelegenheit"... Wie kann für ein Netto(drauf)zahlerland wie D die EU eine solche sein?
3. Mich hat keiner gefragt...
akrisios 29.12.2010
Zitat von sysopEuropa, eine Herzensangelegenheit? Von wegen!*Für die Allermeisten ist die EU ein bürokratischer Koloss*-*und Brüssel bleibt vielen fremd, klagt der*deutsche Schriftsteller Thomas Brussig. Doch Europa funktioniert auch so. Ohne große Zuneigung. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,736853,00.html
Für mich bedeutet "Europa" & der EURO nichts anderes als "Plutokraten aller Länder vereinigt euch". Das ist die Methode die uns als "Fortschritt" verkauft wird. Wer glaubt wir leben in einer Demokratie ist ein Romantiker. Wir befinden uns in einer Plutobürokratie (der unheiligen Allianz von Wirtschaft, Politik & Beamtenvassallen). Das Ziel der Beutegemeinschaft ist die Enteignung der wertschöpfenden Gemeinschaft. Dies geschieht unauffällig mit Aderlass-Methode. Diktatur, Despotismus? Das sind veraltete Mittel. Eine Fraktionendiktatur mit behaupteter Pseudobeteiligung ist sozusagen heute die Diktatur 2.0
4. Eu
forumgehts? 29.12.2010
Zitat von sysopEuropa, eine Herzensangelegenheit? Von wegen!*Für die Allermeisten ist die EU ein bürokratischer Koloss*-*und Brüssel bleibt vielen fremd, klagt der*deutsche Schriftsteller Thomas Brussig. Doch Europa funktioniert auch so. Ohne große Zuneigung. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,736853,00.html
Wieso Zuneigung? Um so ein Gebilde funktionsfähig zu machen braucht man überall und auf allen Ebenen sehr sehr viel Verstand. Also gilt: EU = hoffnungsloser Fall.
5. Raus aus der EU
iron mace 29.12.2010
---Zitat von Thomas Brussig--- werden die europäischen Politiker der Mehrheit der europäischen Bürger immer irgendwie fremd und Brüssel immer ein gesichts- und sprachloses Raumschiff bleiben. Und eine Lösung dafür gibt es nicht. ---Zitatende--- Selbstverständlich gibt es eine Lösung. Beenden wir diese Experiment, es ist gescheitert, Europa wird niemals funktionieren, es wird nur seine Bürger aussaugen, um die Bürokratie zu nähren.
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Zum Autor
dapd
Thomas Brussig, Jahrgang 1964, ist Schriftsteller und Drehbuchautor. Nach einer Vielzahl von Gelegenheitsjobs studierte er Soziologie und ging an die Filmhochschule "Konrad Wolf" in Babelsberg. Die Verfilmungen seiner Romane "Helden wie wir" und "Am kürzeren Ende der Sonnenallee" waren in Deutschland große Erfolge.

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