EU-Politiker Jan Philipp Albrecht "Man muss krasse Ambitionen äußern"

Jan Philipp Albrecht war einer der wichtigsten Politiker im Europaparlament. Jetzt wird der 35-Jährige Landwirtschaftsminister in Schleswig-Holstein. In Kiel will er weiter EU-Politik machen - nur etwas anders.

Jan Philipp Albrecht
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Jan Philipp Albrecht

Von , Brüssel


Wer Jan Philipp Albrecht nicht kennt und ihn bei einem der Brüsseler Empfänge erlebt, zwischen Botschaftern, Kommissaren und Vorstandschefs, könnte meinen, ein hungriger Praktikant habe sich heimlich ans Büfett geschlichen. Zwischen dunklen Anzügen und Businesskostümen ist Albrecht - Hornbrille, Strubbelhaar und Dreitagebart - sofort an seinem Markenzeichen erkennbar: dem Ringelshirt unterm Knittersakko.

Allerdings gibt es nicht besonders viele, die länger als ein paar Wochen in Brüssel sind und den Geringelten nicht kennen. Albrecht, 35, avancierte in seinen neun Jahren im Europaparlament zu einem der bekanntesten und einflussreichsten Abgeordneten - und galt dementsprechend auch als Kandidat für machtvolle Posten in Brüssel. Doch der Grünen-Politiker hat sich einstweilen gegen die EU-Karriere entschieden - und für einen Schritt nach Kiel: Er wird Anfang September Schleswig-Holsteins neuer Minister für Umwelt, Landwirtschaft, Energiewende und Digitalisierung.

Es ist eine Entscheidung, die in Brüssel viele überrascht hat. Albrecht hat sich mit seiner Arbeit zum Datenschutz nicht nur einen Namen als eloquenter, fleißiger und sachkundiger Fachmann gemacht - sondern auch gezeigt, dass er ein Gespür für kommende Großthemen hat.

Globaler Datenschutzstandard aus Brüssel

Als der gelernte Europarechtler 2009 mit 26 Jahren ins EU-Parlament gewählt wird, gibt es das iPhone erst seit eineinhalb Jahren. Eine Twitter-App existiert nicht, und Facebook hat weltweit etwa 240 Millionen Nutzer - ein Zehntel des heutigen Werts. Das größte soziale Netzwerk in Deutschland heißt StudiVZ. Die Debatten über Edward Snowden und die NSA, über Fake News und Facebook-Nutzerdaten liegen in ferner Zukunft.

Dennoch geht Albrecht in den Innen- und Justizausschuss und den Rechtsausschuss des EU-Parlaments - wo wenig später die großen Fragen Europas verhandelt werden: Migration, Terrorismusbekämpfung, der Schutz der Außengrenzen und der Datenschutz, der zu Albrechts Spezialität wird. Damit hat er eines der seltenen Themen gefunden, die sowohl auf der politischen Weltbühne als auch im Alltag der Bürger eine wichtige Rolle spielen.

Albrecht wird im EU-Parlament Berichterstatter für die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO), die seit Mai in der gesamten EU umgesetzt werden muss und teils heftigen Wirbel verursacht. Zugleich entwickelt die DSGVO ungeahnte globale Wucht: Da weder die USA noch China eine vergleichbare Norm vorzuweisen haben, wird das EU-Gesetz gerade zum weltweiten De-facto-Standard. Selbst die US-Internetgiganten Facebook, Apple, Google oder Amazon setzen die DSGVO um.

"Wir sind eine Supermacht, wenn wir europäisch handeln"

"Damit hätte ich nie gerechnet", sagt Albrecht dem SPIEGEL. Die EU könne daraus etwas lernen: "Wir backen hier zu kleine Brötchen. Aber mit der DSGVO haben wir mal ein dickes Brot gebacken." Plötzlich sei der Anspruch, einen globalen Standard zu setzen, Realität geworden. "Das zeigt, dass an diesem kleinen Kontinent, der eine große Marktmacht hat, kein Weg vorbeiführt", so Albrecht. Deshalb müsse man auch keine Angst davor haben, dass Deutschland in einer globalisierten Welt untergeht. "Wir sind eine Supermacht, wenn wir europäisch handeln."

Doch die Zentrale dieser Supermacht verlässt Albrecht nun in Richtung Kiel. Ein junger Datenschutzexperte aus Brüssel, der norddeutschen Landwirten die Milch- und Ackerpolitik der Landesregierung erklärt - eine merkwürdige Vorstellung.

Warum er das tut? "Ich stelle mir diese Frage auch häufig", sagt Albrecht. Sicher, sein Schritt sei ungewöhnlich. "Europaabgeordneter ist der wichtigste Wahljob, den es in Europa gibt." Allerdings habe sich die Politik zu weit von den Menschen entfernt. Zwar sei die EU strukturell demokratischer als viele Staaten in Europa. In der Praxis aber mangele es der EU an Legitimation. "Man muss die Leute, die hier Politik machen, ins Land schicken, um zu erklären was hier passiert", sagt Albrecht. "Um eine Revolution der Wahrnehmung Europas zu starten." Auch wenn das ein wenig hochtrabend klinge.

Eine Rückkehr Albrechts nach Brüssel scheint übrigens durchaus denkbar zu sein - womöglich als EU-Kommissar, wie der 35-Jährige bereits anderswo gesagt hat und dabei gelacht haben soll. Doch der Satz war zumindest halb ernst gemeint, sagt Albrecht. "In der Politik muss man auch mal krasse Ambitionen äußern", und das sei hier der Fall. "Ein EU-Kommissar wird in Zukunft für die Menschen wichtiger sein als die Bundeskanzlerin."

insgesamt 48 Beiträge
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gehringm 05.08.2018
1. Nun ja...
“Da weder die USA noch China eine vergleichbare Norm vorzuweisen haben, wird das EU-Gesetz gerade zum weltweiten De-facto-Standard.“ Bin ja gespannt wann die ersten Fotos der Staats- und Parteichefs dieser Welt mit geschwärzten Balken um die Augen in der Presse zu sehen sind. Bei deutschen Schulfotos gibt's das schon...
Profdoc1 05.08.2018
2. Herr Albrecht
Zeigt, dass es ihm offensichtlich nicht um Posten gehen, sondern um Inhalte. Karriere wäre in Brüssel einfacher. Nun geht er nach SH. Respekt!
stefan7777 05.08.2018
3. Keiner der üblichen Neuländer
Viel zu wenige sachkundige und engagierte wie ihn, haben wir. Aber leider regiert in Brüssel in vielen Bereichen die Übermacht der altbackenen abgeschobenen wie Günther Öttinger. Endlich Legitimation, Transparenz und Kompetenz alleine werden aber nicht reichen. Um die Menschen zu überzeugen braucht es auch authentische Menschen, die die politischen Ziele überzeugend nach außen tragen. Für die europäischen Menschen, nicht für Einzelinteressen von bestimmten Lobbys der Industrie. wirtschaftliche Einzelinteressen müssen grundsätzlich hinter dem Großen Ganzen anstehen und im Gegenteil zwingend die Strategien und Ziele die in der EU entwickelt werden unterstützen. Nicht umgekehrt, wie es aktuell leider viel zu oft der Fall ist.
Klausinspace 05.08.2018
4. in Kitas
Werden jetzt die Gesichter in den Abschluss-Fotobuchern geschwärzt. Selbstständige fluchen, außer es sind Anwälte. Soviel mal zur Datenschutzgrundverordnung, die sich die Sesselpfurzer ausgedacht haben. Und genau so einer kommt jetzt direkt von der Uni über das EU Parlament ines der ärmsten Bundesländer. Das kann ja heiter werden...
RamBo-ZamBo 05.08.2018
5. asdf
Die DSGVO ist nichts worauf man stolz sein kann. Sie ist ein Anschlag auf den Mittelstand, Vereine, Start-ups, usw. Eben kleinere Betriebe und Organisationen. Eine Waffe um den Konzernen weitere Macht zu sichern. Daher setzen Facebook und co. sie auch so akribisch um. Im zweiten Schritt werden damit kleinere Konkurrenten, die das aufgrund fehlenden Personals und Geldmitteln nicht umsetzen können mittels drakonischer Strafen vom Markt gefegt. Die Rechtsgrundlage ist schon da, jetzt müssen die Behörden nach kurzer Schonfrist nur noch ausführen. Bald wird es heißen: "Geht doch einfach zu Facebook mit eurem Angebot, dann seid ihr DSGVO-Konform und müsst keine Strafen fürchten".
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