Neue EU-Waffenrichtlinie Der Schießeisen-Irrsinn

Die EU bekommt ein strengeres Waffenrecht - doch Sportschützen dürfen auch weiterhin hochgefährliches Schießgerät kaufen. Ihre aggressive Lobbyarbeit war offensichtlich erfolgreich.

Sportschütze mit Revolver Kaliber .357 von Smith&Wesson
DPA

Sportschütze mit Revolver Kaliber .357 von Smith&Wesson

Ein Kommentar von , Brüssel


Jäger und Sportschützen dürfen aufatmen: Insbesondere in Deutschland müssen sie sich nun nicht darauf gefasst machen, sich im Umgang mit Waffen bedeutend einschränken zu müssen. Auch ihre gefährlichsten Schießeisen müssen sie nicht abgeben, so wie es Teile der Waffenlobby behauptet hatten, um gegen die neue Schusswaffen-Richtlinie der EU Stimmung zu machen.

Zwar ist die neue Richtlinie in vielerlei Hinsicht ein Fortschritt. In einem wichtigen Punkt aber verstößt sie gegen jede Vernunft: Sportschützen dürfen auch weiterhin halbautomatische Pistolen und Zivilmarkt-Versionen von Sturmgewehren legal kaufen - einzig und allein, weil sie Sportschützen sind. Auch eine strenge Begrenzung der Magazinkapazität fiel weg: Pistolen dürfen bis zu 21 Schuss ohne Nachladen abfeuern, Gewehre bis zu elf Schuss. Mit beiden ist es möglich, das Magazin binnen Sekunden leerzuschießen. Schon für Jäger dürfte eine solche Feuerkraft schwer zu rechtfertigen sein. Bei Sportschützen grenzt sie an Irrsinn.

Man müsse hier abwägen, sagen vor allem konservative Politiker, die sich offenbar von der teils aggressiven Lobbyarbeit der Waffenfreunde beeindrucken ließen: Sportschützen dürften nicht unverhältnismäßig belastet werden. Man reibt sich die Augen angesichts dessen, was hier gegeneinander abgewogen werden soll: Der Schutz von Menschenleben gegen die Ausübung eines Hobbys.

Fünf Tote durch legale Waffen - allein im Dezember, allein in Deutschland

"Waffen töten nicht, Menschen töten", lautet eines der Lieblingsargumente der Waffenlobby, und das sei auch mit Autos oder Küchenmessern möglich. Doch Autos und Küchenmesser wurden nicht zum Töten gebaut - anders als die Waffen, um die es hier geht. Sie dienen im Grunde nur einem Zweck: Leben zu nehmen, und zwar so effizient wie irgend möglich. Nur dafür wurden sie konstruiert.

Von legalen Waffenbesitzern gehe grundsätzlich keine kriminelle oder terroristische Gefahr aus, behaupten Vertreter von Sportschützenverbänden dann gern. Doch auch das ist schlicht falsch, wie allein im Dezember gleich mehrfach auf tragische Weise deutlich wurde. Am zweiten Advent tötete ein 43-Jähriger bei Mönchengladbach seine ehemalige Lebensgefährtin und ihren 17-jährigen Sohn, bevor er sich selbst richtete. Elf Tage später erschoss ein Arzt in Marburg erst einen Kollegen und dann sich selbst. Beide Täter waren Sportschützen, beide besaßen ihre Waffen legal. Auch die Amokläufe von Erfurt und Winnenden sowie das Massaker auf der norwegischen Insel Utøya sind mit legalen Waffen verübt worden.

Alles tragische Einzelfälle, lautet dann das letzte Argument der Waffenlobby. Das stimmt. Aber statistisch gesehen sind glücklicherweise alle schweren Verbrechen und Unglücke Einzelfälle. Doch in anderen Bereichen käme niemand auf die Idee, das als Argument gegen vernünftige Regeln zu nutzen.

Man solle sich lieber um Kriminelle und Terroristen kümmern als um legale Waffenbesitzer, meinen Jagd- und Schützenverbände - als ob das eine das andere ausschlösse und ein Staat nicht in der Lage wäre, Terror und Kriminalität zu bekämpfen und sich zugleich um sinnvolle Regelungen bei legalen Schusswaffen zu kümmern.

Mit der neuen EU-Richtlinie ist das aber leider nur teilweise gelungen.

insgesamt 276 Beiträge
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Seite 1
pauschaltourist 21.12.2016
1.
Kritik am angeblich zu freiheitlichen Waffenrecht wird in der Regel immer von sonstigen Kritikern der Sicherheitskameras in öffentlichen Orten sowie der Vorratsdatenspeicherung geäußert. Angeblich würde dies die persönliche Freiheit bedrohen...
spon_2783632 21.12.2016
2. Wenn man kommentiert....
... sollte man informiert sein. Die legalen deutschen Waffenbesitzer sind allein deshalb von der neuen EU-Regelung nicht betroffen, weil das deutsche Waffenrecht von Haus aus schon schärfer ist, als das neue EU-recht. Es ist übrigens sachlich falsch, dass ein deutscher Jäger eine halbautomatische Waffe mit bis zu 11 Schuss ohne Nachladen verwenden darf. Er ist beschränkt auf drei Schuss. Nur als kleines Beispiel. Der Kommentar erweckt nebenbei den Eindruck, jeder Sportschütze können sich mal eben mit einer größeren Anzahl von schweren Waffen eindecken, wenn er Bock darauf hat: Auch dem ist nicht so.
harryhorst 21.12.2016
3. Kleine Anmerkung
Waffen werden natürlich nicht nur zum Töten produziert. Bei Jägern trifft das zu, denn sie haben Waffen, um Tiere zu töten. Bei Sportwaffen (Biathlon z.B) ist das natürlich Unsinn. Sie wollen Zielscheiben o.ä. treffen und keine Menschen.
and_over 21.12.2016
4. und wieder mal
übt sich der Spiegel im Legalwaffenbesitzer-Bashing. Ist ja einfacher, als sich differenziert mit der Thematik auseinanderzusetzen. Dann wüsste der Autor nämlich, dass bei Beziehungstaten (Mönchengladbach) die Tatwaffe zweitrangig ist. Weiterhin werden wieder mal die angeblich legalen Waffen von Erfurt und Winnenden angeführt, vermutlich um dem Artikel eine dramatischere Aussage zu verleihen. Die Waffen des Mörders von Erfurt waren illegal, weil die Eintagungen in der WBK gesetzwidrig erlangt wurden. Die Waffe des Mörders von Winnenden war illegal, weil der Täter zum Tatzeitpunkt noch nicht volljährig war und er die Waffe seinem Vater gestohlen hat. Diebstahl ist gemeinhin kein legales Handeln. Weiterhin empfehle ich dem Autor mal einen Blick über den Zaun, nach Tschechien z. B. Dort ist der legale Erwerb von Schusswaffen (die dann auch geführt werden dürfen) deutlich einfacher als in Deutschland. Wie viele Massenschiessereien aus nichtigem Anlass hat es in diesem Jahr dort gegeben?
friesenheino 21.12.2016
5. Zuhause braucht man keine Waffe,
warum können Sportschützen ihre Waffen nicht im Verein hinterlegen und Munition nur in nachgewiesener Verbrauchsmenge vor Ort bekommen. Ein Schießen zuhause würde der Gesetzgeber ausschließen können.
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