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EU-Weinmarkt-Reform: Seehofers Kampf für den Zuckerwein

Von Lisa Sonnabend

Zucker im Wein - ja, aber wieviel? Die EU-Agrarminister kommen bei der Reform des Weinmarktes zu einer Teileinigung. Vor allem Deutschlands Agrarminister Horst Seehofer hatte sich für die Massenproduzenten eingesetzt.

Berlin - Darauf hatten die Winzer lange warten müssen. Heute Morgen fiel das Thermometer endlich auf minus acht Grad Celsius. In aller Früh zogen Helfer aufs Feld, um Weintrauben für den Eiswein zu lesen. Nur in gefrorenem Zustand können die Trauben für die Spezialität gekeltert werden.

Geschmackssache Wein: "Wenn den Kunden der Wein zu dünn ist, werden sie bei der Konkurrenz kaufen."
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Geschmackssache Wein: "Wenn den Kunden der Wein zu dünn ist, werden sie bei der Konkurrenz kaufen."

Zu dieser Stunde schliefen die EU-Agrarminister noch in ihren Hotelbetten in Brüssel. Bis tief in die Nacht hatten sie gestern darüber diskutiert, ob und in welchen Mengen Wein künftig mit Zucker angereichert werden darf - ein Verfahren, das viele deutsche Winzer seit Jahrhunderten praktizieren. Eine Einigung blieb nach zehn Stunden Verhandlung aus, bis zum Mittwoch soll weiter diskutiert werden.

Bei der Weinmarktreform geht es nicht nur um Absatzmärkte. Es geht auch um verschiedene Weinkulturen. Vor allem die deutschen Großwinzer sind erbost, fürchten sie doch um ihre Marktanteile. Obwohl der deutsche Wein dank innovativer junger Winzer sein schlechtes Image mit weltweit gepriesenen Riesling und Weißburgunder aufpolieren konnte, setzen noch immer viele Produzenten auf Sorten wie Trollinger, Dornfelder oder Lemberger. Es sind Sorten, die sich vor allem in den Discountern wiederfinden. Und die könnten bei einer eingeschränkten Zuckerzufuhr nicht mehr angebaut werden - sie wären zu herb.

Deutschlands Agrarminister Horst Seehofer (CSU) protestierte - mit Erfolg. Gestern einigten sich die Agrarminister darauf, dass Länder auch künftig Wein mit Zucker anreichern dürfen. Darüber, ob der Zuckerzusatz künftig auf der Flasche angegeben werden soll und wie viel Prozent des Alkoholvolumens durch Zucker im Most erzeugt werden darf, wird aber weiter diskutiert. Bislang sei zwar eine "Bewegung in die richtige Richtung" zu erkennen, diese sei aber "noch nicht ausreichend", sagt Seehofer. Aber wenn der Zuckerzusatz gekennzeichnet werden solle, sei "die Etikettierung eine Diskriminierung." Schließlich könnten Winzer aus den USA ihren Wein auch ohne eine Kennzeichnung in Europa vertreiben.

Fraglicher Einsatz von Seehofer

Warum ist überhaupt Zucker nötig? Da in den kühleren Regionen weniger Sonne scheint, werden die Trauben oft nicht süß genug. Viele Winzer fügen deswegen dem Wein Zucker zu, um den Alkoholgehalt zu erhöhen. Im südlichen Italien, Portugal oder Spanien - so wie auch bei den deutschen Qualitätsweinen - verwendet man stattdessen Traubenmost, der deutlich teurer ist als Zucker und bislang von der EU gefördert wurde. Diese Subventionen sollen nun gestrichen werden. Um die südlichen Länder nicht zu benachteiligen, wollte die EU auch Zucker im Wein verbieten.

Ob Seehofers Einsatz am Ende allen deutschen Winzern nutzt, darf bezweifelt werden. Denn der Kampf für die Anreicherung mit Zucker belebt das alte Vorurteil, deutsche Weine seien etwas für Geschmacksverirrte. Jürgen Zichnowitz, Redakteur beim Magazin "Wein Gourmet", gibt sich gegenüber SPIEGEL ONLINE diplomatisch: "Sinkt der Zucker- und damit der Alkoholgehalt, schließt das einen bestimmten Typ von Weintrinkern aus." Denn dies würde zu einem anderen Geschmacksbild führen, da die Aromen bei einem hohen Alkoholgehalt besser getragen werden. "Teile der deutschen Weinproduktion würden darunter sicherlich leiden", sagt er. Dabei käme manchen in der Branche eine schärfere EU-Regelung durchaus zupass. So den Herstellern hochwertiger Riesling-Weine. Der Grund, so der Experte: "Er hat einen hohen Säuregehalt und nur wenig Zuckerzusatz."

Doch in der Branche wird Seehofers Einsatz für den Zucker vehement verteidigt. Norbert Weber, Präsident des Deutschen Weinverbandes, sagt zu SPIEGEL ONLINE: "Die Anreicherung mit Zucker ist eine legale und bewährte Methode, deswegen kämpfen wir dafür."

Seehofers Teilerfolg in Sachen Zucker wird hier begrüßt. Doch fürchtet Weber noch andere EU-Regelungen, die den Deutschen künftig den Weinanbau erschweren könnten - so Änderungen beim Alkoholgehalt. Nach einem Kompromissvorschlag der portugiesischen Ratspräsidentschaft sollen künftig nur noch maximal drei Prozent des Alkoholvolumens durch Zucker im Most erzeugt werden dürfen, von 2009 an sogar nur noch 2,5 Prozent. Bislang lag die Grenze bei drei Prozent. Nur wenn das Wetter lange schlecht war, soll diese Obergrenze nicht gelten. Weber fürchtet Nachteile für deutsche Anbauer: "Wenn den Kunden der Wein zu dünn ist, werden sie bei der Konkurrenz kaufen."

Teure Trockenlegung des Weinsees

Vieles steht bei dem Treffen der EU-Agrarminister auf der Tagesordnung. So die Frage, ob Subventionen für Winzer gekürzt werden sollen. Jährlich gibt die EU 1,3 Milliarden Euro für Europas Weinbauern aus. Die rund 1,5 Millionen Weinbaubetriebe produzieren bis zu 200 Millionen Hektoliter Wein pro Jahr. So viel kann niemand trinken. Der Weinverbrauch in Europa geht zurück, die Importe aus aller Welt steigen. Die EU zahlt jährlich fast 500 Millionen Euro, um den "Weinsee" trocken zu legen und den überschüssigen Wein zu Industriealkohol zu destillieren. Die EU-Subventionen sollen nun sinnvoller eingesetzt werden. Gefördert werden soll beispielsweise die Vermarktung europäischer Weine oder der Anbau ökologischer Weine. Dagegen wollen vor allem Frankreich, Italien und Spanien an der bisherigen Praxis der Destillierung festhalten.

Immerhin: In einer Streitfrage um ein alkoholisches Getränk hat man sich in Brüssel bereits geeinigt - beim Thema Jägertee. Österreich setzte eine geschützte Bezeichnung durch. In Deutschland darf Jägertee künftig nur noch Hüttentee heißen. Lediglich in Österreich können Skifahrer künftig Jägertee oder Jagatee bestellen.

Beim Wein, deren Wettbewerbsregeln seit einem Jahr Thema in der EU sind, ist ein Kompromiss noch nicht absehbar. Der portugiesische Landwirtschaftsminister und amtierende Ratsvorsitzende Jaime Silva bat deshalb schon vorab seine Kollegen, sich auf eine lange Woche in Brüssel einzurichten. Gut möglich, dass dabei auch das ein oder andere Glas Wein getrunken wird - vielleicht sogar ein deutscher.

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