Euphorie bei Palästinensern Türkei-Devotionalien sind der Renner in Gaza

Rot-weiße Flaggen, Anstecker und Erdogan-Becher: Nach dem türkischen Einsatz für die propalästinensische Hilfsflotte florieren die Geschäfte mit Fan-Artikeln in Gaza-Stadt. Viele Palästinenser glauben, nach dem desaströsen Angriff auf den Konvoi sei das Ende der Blockade nahe.

SPIEGEL ONLINE

Aus Gaza-Stadt berichtet


Der Flaggenhandel ist ein Saisongeschäft: Er lebt von Konflikten, von Jubelfeiern, von Sportereignissen. Doch potentiellen Fahnenkäufern im Gaza-Streifen war bis Wochenbeginn nicht nach feiern zumute. Für Sport ist es zu heiß. Doch dann kam der Montag und mit ihm Leben in den "PLO Flaggen Shop", den ältesten Andenkenladen im Gaza-Streifen.

"Seit dem israelischen Überfall auf die Hilfsflotte können wir uns kaum retten vor der Nachfrage nach Türkei-Fahnen", sagt Mohammed Abu-Daja, der im Laden Dienst schiebt. Sein Großvater stieg vor 40 Jahren in den Souvenirhandel ein. Die vier Schneider, die die Familie beschäftigt, nähen rund um die Uhr, berichtet Abu-Daja: roter Stoff, weißer Stoff, ein Sichelmond, ein Stern. "Derzeit sind wir fast ausverkauft, warten aber jeden Moment auf die nächste Lieferung."

Im Gaza-Streifen herrscht Hochstimmung, seit Israel mit dem Angriff auf sechs Schiffe mit Hilfsgütern und propalästinensischen Aktivisten an Bord die Weltgemeinschaft gegen sich aufgebracht hat. Bei den gewalttätigen Auseinandersetzungen an Deck starben neun Zivilisten, mehr als 30 Passagiere sowie sieben israelische Soldaten wurden verletzt.

Der tödliche Zwischenfall hat ein Schlaglicht auf die Blockade des Küstenstreifens geworfen, die Israel seit drei Jahren in verschärfter Form praktiziert. Diese Aufmerksamkeit freut die Einheimischen. "Endlich schaut die Welt auf uns, auf das, was hier passiert", sagt Abu-Daja.

Tatsächlich tummeln sich in diesen Tagen Dutzende Reporter aus aller Welt in Gaza-Stadt. Sie berichten über das, was vor diesem Montag kaum noch jemand hören mochte: wie schlecht es den von der radikal-islamischen Hamas regierten Palästinensern geht. Wie ein Großteil der 1,5 Millionen Bewohner nur mit Hilfsgeldern und mit Lebensmittelpaketen über die Runden kommt, die die Vereinten Nationen verteilen. Wie es die Blockade trotzdem nicht vermocht hat, die Bevölkerung en masse gegen die Hamas aufzubringen, was die Israelis erreichen wollten.

"Wir freuen uns, dass der Vorfall den Israelis Schaden zugefügt hat"

Fünf Schekel für einen Autowimpel, 40 Schekel das Erdogan-Poster. Schon ab knapp zwei Euro bekommen die Türkei-Fans bei den Abu-Dajas die Devotionalien, mit denen sie ihre politische Gesinnung kundtun können. "Einige sparen sich das Geld vom Munde ab" , sagt der Souvenirhändler. Als Fachverkäufer legt Abu-Dajas Wert auf ein ausführliches Beratungsgespräch. Er weiß, wie seine Kunden ticken. "Wir alle freuen uns, dass der Vorfall auf der 'Marmara' den Israelis so viel Schaden zugefügt hat", sagt der 23-Jährige, der damit die Meinung vieler Palästinenser vertritt.

"Ihr Ausländer dachtet doch immer, dass wir Palästinenser alles Terroristen sind." Nun habe die Welt erkannt, dass Israel ein "Staat des Terrors" sei. Die Türken hätten den Israelis ein Dilemma beschert: "Egal ob die Schiffe durchgekommen wären oder ob sie aufgehalten würden - die Sieger wären in jedem Fall wir Palästinenser gewesen."

Abu-Daja hofft darauf, dass nun viele Schiffe versuchen werden, die Blockade zu brechen. "Dann müssen wir gar nichts mehr machen. Wir könnten uns zurücklehnen und zuschauen, wie die Israelis sich selbst demontieren." Ein Nachzügler aus der ersten Flotte sei ja noch auf dem Weg in Richtung Gaza-Streifen. "Wenn 'Rachel Corrie' es bis in den Hafen schafft, gibt es hier eine Riesen-Party", sagt Abu-Daja.

Was das für sein Geschäft hieße, ist auch klar: "Ach, das wäre wunderbar", freut sich der Flaggenverkäufer. Dass sich ausgerechnet die Türkei an die Spitze der Gaza-Unterstützer gesetzt hat, hält Abu-Daja für ganz natürlich. "Die Araber sind abhängig von der Militärhilfe der USA, die können es sich nicht leisten, uns zu helfen."

Für den Souvenirhändler steht fest, dass der Vorfall mit der Hilfsflotte den Anfang vom Ende der Blockade eingeläutet hat. "Die ganze Welt ist jetzt auf unserer Seite."

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