Griechenlandkrise Die Spirale des Irrsinns

Griechenlands lautes Nein zu den Sparplänen zeigt: Alle Seiten haben sich verrannt. Es gibt nur einen Ausweg.

Kontrahenten Tsipras, Merkel: Endlich einen Ausweg finden
DPA

Kontrahenten Tsipras, Merkel: Endlich einen Ausweg finden

Ein Kommentar von


Wenn noch jemand einen Beleg brauchte, wie gefährlich Volksentscheide für die Funktionsfähigkeit moderner Demokratien sind, hier ist er erbracht. In Griechenland zeigt sich einmal mehr, dass Referenden, also Momentaufnahmen des Volkswillens, nicht automatisch die besten Ergebnisse produzieren. Im Zweifel machen sie alles nur noch schlimmer. Sie sind ein Einfallstor für Fahnen schwenkende Demagogen, die dafür sorgen, dass Wähler nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Bauch entscheiden.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 28/2015
Scheitert der Euro, scheitert Merkels Kanzlerschaft

Das gilt nicht nur für Griechenland: Würde einer der hiesigen Anti-Griechen-Populisten aus der CSU heute auf die Idee kommen, am nächsten Wochenende einen Volksentscheid über den sofortigen Rausschmiss Griechenlands aus dem Euro abzuhalten, könnte er in der aufgeheizten politischen Atmosphäre wohl mit einer klaren Mehrheit rechnen. Die deutschen Wähler wären in dieser Lage nicht davor gefeit, auf schwierige Fragen allzu simple Antworten zu geben.

Zugegeben: Die Versuchung liegt sehr nahe, die Polemik aus Athen mit Polemik zu kontern. Es macht fassungslos, wie in Griechenland Politik gemacht wird. 230 Milliarden Euro hat das Land seit dem Beitritt zur EU aus Brüssel an Hilfen erhalten. Zusätzlich wurden den Griechen bereits 150 Milliarden Euro Schulden erlassen. Trotzdem tun viele Griechen (vor allem griechische Politiker) so, als sei die EU die schlimmste Erfindung seit Hitlers "Drittem Reich".

Und dennoch: Das Aufrechnen, Angiften, Besserwissen bringt Europa nicht weiter. Wenn es eine Lehre aus diesem Drama gibt, dann diese: Es sind hier keine einfachen Antworten erlaubt. Und es gibt auch keinen eindeutigen Schuldigen. Der Ausgang des Referendums zeigt, alle haben sich verrannt. Die Mehrheit der Griechen, der IWF, aber auch Angela Merkel und Wolfgang Schäuble. Die Härte und Unnachgiebigkeit, mit der sie jahrelang von Griechenland Reformen eingefordert haben, hat Alexis Tsipras' Erfolg erst möglich gemacht. Er ist ihr politisches Geschöpf.

Nun wäre es an der Zeit, die Spirale des Irrsinns zu stoppen, durch einen doppelten Akt der politischen Führung. Angela Merkel sollte den Deutschen und auch den anderen Sparfüchsen in Europa endlich ehrlich sagen, dass es Stabilität auf dem Kontinent ohne weitere Milliardenhilfen oder sogar einen Schuldenschnitt für Griechenland nicht geben kann. Denn Griechenland darf auch in unserem ureigenen Interesse nicht zum Chaos-Staat verkommen. Mit einem einfachen Rausschmiss Griechenlands aus dem Euro ist keines der Probleme Europas gelöst. Und auch Deutschland würde weiter zahlen müssen.

Premier Tsipras wiederum muss den Griechen endlich erklären, dass ihr Leben ohne weitere schmerzhafte Reformen nicht besser, sondern nur immer schlechter wird.

Hat Europa noch die Kraft zum Kompromiss? Das muss man hoffen, es sieht aber nicht gut aus. Die Verletzungen sind auf allen Seiten groß. Die Idee der Europäischen Union war es einmal, Demagogie und stumpfen Nationalismus zu besiegen. Diese Idee ist gescheitert - zumindest in der Momentaufnahme.

Zum Autor
Christian Thiel
Roland Nelles ist Ressortleiter Politik und Leiter des Berliner Büros sowie Mitglied der Chefredaktion von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Roland_Nelles@spiegel.de

Mehr Artikel von Roland Nelles



insgesamt 365 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
testthewest 06.07.2015
1. Erster Absatz grob falsch.
Volksbefragungen müssten eigentlich Pflicht sein. Wie wertvoll diese war, ist kaum abzusehen, doch es dürfte gigantisch sein. Nun können wir Griechenland aus dem Euro bekommen, ohne das eine Mitleidstour zieht und die Griechen können auch nicht mehr auf Politiker schimpfen - sie waren es höchstselber! Mal abgesehen davon hat die Volksbefragung ja nur den Willen von Tsipras bestätigt. Und Tsipras wollte wohl von vorne herein den GREXIT. Zuletzt noch etwas zum "schlimmer gemacht": Wirklich schlimmer gemacht hat es nicht das Referendum in Griechenland, sondern die fehlenden Referenden vor 5 Jahren in Deutschland und den anderen europäischen Gläubigernationen. Herr Nelles, versuchen Sie doch mal die Sache aus einem anderen Blickwinkel zu sehen, versuchen sie mal die Regierungslinie auch nur für einen Millimeter zu verlassen, dann werden Sie ein paar erstaunlich einfache Erkenntnisse gewinnen. Dieser Kaiser ist nackt.
iffelsine 06.07.2015
2. Was soll das denn ?
Die preiswerteste Variante ist der Rausschmiss der Griechen aus EURO und EU. Damit ist Schluß mit der Finanzierung des Fakelaki in Griechenland. Wir können zwar dann 350 Mrd. Kredite an die Griechen restlos abschreiben, aber dabei bleibt es denn auch. Hilfsgelder an Griechenland kommen dann nicht mehr aus Krediten (die die Griechen sowieso nie zurückzahlen würden, dafür haben sie ja ihre Referenden), sondern aus Entwicklungshilfefonds, wo wir EU-Steuerzahler von vornherein wissen, dass das Geld ist, was wir nie wieder sehen. Nein, jetzt muss Schluss sein mit Geldverbrennen !
Europäischer Realist 06.07.2015
3. Schwachsinn SPon
Gescheitert ist der EUR, nicht Europa oder die Idee der Kooperation. Aber das "One size fits all" von der ChampionsLeaque bis zur Verbandsliga geht eben nicht. Finanzpolitik ist eben nicht Kulturpolitik, es gibt Wirtschafts-Naturgesetze, die kann kein Politiker o. Journalist über Dauer ignorieren, da kann er /sie noch so viel daher phantasieren. Der EUR ist in seiner finalen Phase angekommen, das Kartenhaus wird von unten (Süden) nach oben (Norden) kollabieren. Und hier wird immer noch vom EUR-Endsieg fabuliert. Nichts gelernt aus der Vergangenheit, Dogma und Realitätsferne statt Einsicht und Umkehr!
freiheitimherzen 06.07.2015
4. Sehr geehrter Hr. Nelles,
wie kommen Sie auf die abstruse Idee, das "Nein" der Griechen würde auf Polemik basieren? 11 Mio. Griechen sollen hunderte Milliarden € Schulden stemmen? Es reicht eine kleine Rechnung um zu zeigen wie widersinnig das ist. Und genausowenig ist es Polemik zu behaupten, daß Griechenland im Euro nichts verloren hat. Selbst so radikale Parteien wie Syriza haben nichts an Vetternwirtschaft und Steuerhinterziehung geändert. Und genau das sind die langfristigen Gründe warum die Griechen außerhalb des Euroraumes besser aufgehoben sind. So, wie es aktuell aussieht, kommen wir langsam, aber sicher doch noch zu einer langfristig vernünftigen Lösung für beide Seiten. Teuer genug wäre sie erkauft. Viele Grüße
cococ1 06.07.2015
5. Roland Nelles
der nächste unwissende Journalist,der auch mal was schreiben darf.Dass von den 240 Mill. 170 direkt in die Deutsche Bank und französische Banken geflossen ist,ist ihm natürlich entgangen.Dass der Rest in Londoner Immobilien und Schweizer Konten geflossen ist weiss er natürlich auch nicht.Hauptsache der Dumm-Michel ist zufrieden mit der Berichterstattung.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.