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14. Mai 2010, 14:49 Uhr

Euro-Krise

Deutschland weist Bericht über Sarkozy-Ausraster zurück

Drohte Frankreichs Präsident der deutschen Kanzlerin mit einem Austritt aus der Euro-Zone? Die spanische Zeitung "El País" berichtet, Sarkozy sei beim europäischen Krisengipfel vor wenigen Tagen aus der Haut gefahren und habe Merkel extrem unter Druck gesetzt - doch die Bundesregierung dementiert.

Berlin - Nicolas Sarkozy soll beim Euro-Krisengipfel vor einer Woche in Brüssel wütend gewesen sein. Sehr wütend, berichtet die spanische Zeitung "El País": Demnach hat der Franzose in den Verhandlungen über die Griechenland-Hilfen "mit der Faust auf den Tisch geschlagen und gedroht, sich aus dem Euro zurückzuziehen". Die Drohung galt dem Bericht zufolge Kanzlerin Angela Merkel. Sarkozy habe die zögernde Regierungschefin unter Druck setzen wollen, damit sie dem Hilfspaket zustimme. Sollte die Euro-Gruppe Griechenland nicht jeden Beistand geben, werde "Frankreich seine Haltung zum Euro ändern".

Die Zeitung beruft sich auf Vertreter der spanischen Sozialisten, die mit ihrer Schilderung Regierungschef José Luis Rodriguez Zapatero wiedergegeben hätten. "Frankreich, Italien und Spanien haben gemeinsam Front gegen Deutschland gemacht", zitierte "El País" den Teilnehmer eines Parteitreffens mit Zapatero. "Sarkozy ist so weit gegangen, Merkel mit dem Bruch der traditionellen französisch-deutschen Achse zu drohen."

Die Bundesregierung allerdings weist zurück, dass das Treffen so ablief wie von "El País" geschildert. "Das entbehrt jeder Grundlage", sagte Merkels Vizeregierungssprecherin Sabine Heimbach der Nachrichtenagentur Reuters zu der angeblichen Euro-Austrittsdrohung. "Ein solcher Satz ist nicht gefallen."

Die Euro-Länder hatten sich bei dem Treffen vor einer Woche darauf verständigt, Griechenland zusammen mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) bis zu 110 Milliarden Euro an Notkrediten zur Verfügung zu stellen. Tatsächlich war schon in den vergangenen Tagen aus Delegationen der Euro-Länder zu erfahren, dass es bei dem Gipfel am Freitagabend vor einer Woche einen harten Schlagabtausch zwischen Sarkozy und Merkel gegeben haben soll.

"El País" berichtet, Regierungschef Zapatero benutze seit Tagen eine dramatische Rhetorik, wenn er vor der Partei über die Schuldenkrise seines eigenen Landes spricht - um sie zur Unterstützung für unpopuläre Sparaktionen zu bringen. Erst am Mittwoch hatte er unter dem Druck der Finanzmärkte neue Sanierungspläne angekündigt. Spanien gilt mit Griechenland, Portugal und Italien in der Euro-Zone als gefährlich überschuldet.

Die Rolle der deutschen Regierung in der Schuldenkrise ist seit Wochen umstritten; Kanzlerin Merkel wurde Zögerlichkeit und ihre anfängliche Ablehnung der Hilfen vorgeworfen. Sie selbst sagte am Donnerstag, Europa stehe vor der größten Bewährungsprobe seit dem Zusammenbruch des Kommunismus: Scheitere der Euro, "dann scheitert Europa, dann scheitert die Idee der europäischen Einigung".

Der aus Frankreich stammende Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, hat Deutschland an diesem Freitag aufgefordert, sich für eine stärkere Überwachung der Staatsfinanzen in Europa einzusetzen. "Deutschland ist die größte Volkswirtschaft im Euro-Raum und ein Land mit der Tradition gesunder Staatsfinanzen", sagte er dem "Handelsblatt". "Ich zähle auf die aktive Rolle aller Länder, inklusive Deutschlands, die Funktion der Überwachung einzuführen."

hen/Reuters/AFP

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