Vetternwirtschaft in Griechenland: Rette sich, wer kann - meine Familie zuerst

Von Julia Amalia Heyer, Athen

Wer es geschafft hat, versorgt seine Familie mit Posten und Pöstchen - so war es in Griechenland lange üblich. Doch in der Krise formiert sich Widerstand gegen den "politischen Inzest", das einstige Massenphänomen steht in der Kritik. Allein: Geändert hat sich bisher allzu wenig.

Ex-Parlamentspräsident Polydoras: "Nur" einen Posten vergeben statt sechs Zur Großansicht
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Ex-Parlamentspräsident Polydoras: "Nur" einen Posten vergeben statt sechs

Vyron Polydoras ist wohl selbst nach den strengen griechischen Maßstäben ein guter Vater. Nach der Wahl am 6. Mai war der Konservative genau einen Tag lang Parlamentspräsident - er hat ihn genutzt und seiner Tochter Margarita einen Job verschafft. Unbefristet und aller Voraussicht nach, man kennt keine Zahlen, nicht allzu schlecht bezahlt.

Polydoras hat seine Tochter zu seiner Mitarbeiterin gemacht, in seinem Büro am Syntagma-Platz, über das er als ehemaliger Präsident des Vouli, so heißt das griechische Parlament, jetzt verfügen darf.

Seither wird der sorgende Vater von seinen Landsleuten allerdings übel beschimpft, im Internet gibt es regelrechte Abhandlungen über "politischen Inzest". Meritokratie, heißt es da auch, sei vielleicht ein griechisches Wort, "die Bedeutung desselben hier aber leider unbekannt".

Das Wohl der Familie steht über dem der Allgemeinheit

Die Not ist groß in Griechenland, so groß, dass Nepotismus, eigentlich ein Pfeiler der griechischen Gesellschaft, nicht mehr zum Massenphänomen taugt. Zumindest nicht mehr in aller Öffentlichkeit. Was früher mehr oder minder überall wohlgelitten war, weil jeder davon irgendwie profitierte, bietet nur noch wenigen Sicherheit. Den großen Rest, der außen vor bleibt, verärgert die Klüngelei, vor allem die gehobene. Jeder vierte Grieche ist mittlerweile arbeitslos, bei den unter 30-Jährigen sieht es noch schlimmer aus, die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 55 Prozent.

Nicht nur in Griechenland steht das Wohl der Familie über dem der Allgemeinheit, aber anderswo sind die Möglichkeiten, die eigenen Präferenzen zur Priorität zu erklären und sie auf Teufel komm raus durchzudrücken, wohl begrenzter. Und wer meint, das Personal eines Landes, das nicht zuletzt wegen politischer Misswirtschaft am Pranger steht, besäße ein bisschen mehr Takt - oder zumindest Bauernschläue -, der irrt. Das Motto für manche (und meistens langjährige) Mitglieder der politischen Klasse Griechenlands lautet nach wie vor: Rette sich, wer kann - meine Frau und meine Kinder zuerst. Denn Vyron Polydoras war natürlich nicht der einzige.

  • Giannis Tragakis, Vizeparlamentspräsident und ebenfalls Abgeordneter der konservativen Nea Demokratia, der Partei von Premier Antonis Samaras, soll nicht nur seiner Tochter, sondern auch dem Sohn, dem Schwiegersohn und der Schwester des Schwiegersohns beamtenähnliche Posten im Parlament verschafft haben.
  • Panos Kammenos, früher ebenfalls ND-Mitglied, jetzt Chef einer eigenen rechtspopulistischen Partei, hat seinen Cousin eingestellt und gleich klargestellt, dass er das für eine "ganz und gar korrekte Entscheidung" hält. Schließlich sei der Cousin Professor und arbeite 20 Stunden am Tag.

Das Phänomen der Vetternwirtschaft ist parteiübergreifend. 300 Mitglieder sitzen im griechischen Parlament, und, schreibt eine Bloggerin, "es gibt wohl keinen einzigen Platz im Parlamentsgebäude, auf den man spucken könnte, ohne ein gut bezahltes Familienmitglied von diesem oder jenem zu treffen".

Das mag zwar derbe ausgedrückt sein, aber es trifft den Kern der Sache. Kathartische Wirkung scheint die Krise in Sachen Vetternwirtschaft bislang jedenfalls nicht zu entfalten, im Gegenteil: Seit 2009 gibt es keine aktuellen Erhebungen mehr darüber, wie viele Angestellte das Parlament beschäftigt. Sicher ist nur, dass Parlamentsmitarbeiter in Griechenland ein recht lukrativer Job ist, mit sicherem Auskommen. Und zwar einer, der sich auch mit ein oder zwei Nebenjobs noch gut ausführen lässt.

Der Zeitung "Kathimerini" war das jüngst die Frage wert, ob nicht eigentlich transparentere Verhältnisse herrschen müssten. Ob der griechische Steuerzahler nicht eigentlich ein Recht darauf habe, zu wissen, was er für wie viele Parlamentsangestellte bezahlt. Aus den letzten verfügbaren Daten schließt die Zeitung, dass die Zahl der Angestellten in den Krisenjahren sukzessive zugenommen hat, wenn sie auch insgesamt niedriger sei als noch vor der Krise.

Gesetzentwurf sieht Verschärfung der Regeln vor

Besonders die Zahl der "privaten Individuen" sei gestiegen - in dieser Mitarbeiter-Kategorie bleibt der Einstellungsgrund noch obskurer als sowieso schon. Ein Indikator für den Anstieg sind die Abrechnungen für alle Parlamentsposten, einschließlich Polizisten und Soldaten. 2005 wurden für diese Posten rund 72 Millionen Euro berechnet. Fünf Jahre später, Krise hin oder her, beliefen sich die Kosten auf satte 102 Millionen Euro, was einen Anstieg von 43 Prozent bedeutet. Es ist nicht böswillig zu vermuten, dass die Kosten in den vergangenen zwei Jahren nicht zwangsläufig gesenkt wurden.

Antonis Samaras, derzeit ohnehin schwer damit beschäftigt, Boden gutzumachen bei den europäischen Partnern, widmet sich jetzt auch dieser Baustelle. Anscheinend liegt schon ein entsprechender Gesetzentwurf vor, der Ministern verbietet, Familienangehörige als Berater und Mitarbeiter einzustellen. Dasselbe soll auch noch für gewöhnliche Abgeordnete festgeschrieben werden.

Die Kommentare dazu fallen bisher allerdings nicht allzu enthusiastisch aus: "Dann stellen die Politiker jetzt eben nur noch ihre Freunde ein", schreibt eine Bloggerin. Diese könnten dann wiederum, über Bande sozusagen, den Politiker-Kindern zu Jobs verhelfen. "Wir kennen das alles schon", schreibt sie.

Vyron Polydoras übrigens wurde von Parteifreunden in Schutz genommen: Er hätte das Recht gehabt, sechs Leute einzustellen, sagte einer. Stattdessen habe er ausschließlich seiner Tochter einen Job vermittelt. Es klang, als müsste man anerkennen, dass Polydoras nicht gleich seine ganze Familie mit Posten versorgt hat.

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insgesamt 130 Beiträge
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1. Nicht 'nur' Griechenland
carlovitch 11.09.2012
Nepotismus wird sehr aktiv in allen Mittelmeerstaaten praktiziert. Neben den Griechen, hoch oben die Spanier! Und dafür sollen wir blechen....
2. Gibt es da...
Ingsoc 11.09.2012
wirklich einen signifikanten Unterschied zu Deutschland...
3. Ich dachte Vetternwirtschaft gibt es nur in Deutschland
mischpot 11.09.2012
da sollte man von Griechenland lernen und den Gesetzentwurf gleich übernehmen. Da scheint ja ein Grundproblem der Krise zu sein. Banken Politiker Industrie und deren Familien alle miteinander verwandt.
4. Nachtrag
mischpot 11.09.2012
wollte sagen Politiker Bankster Industrie alle miteinander verwandt wenns ums Geld auf Staatskosten / Allgemeinheit geht.
5. Ich lache mich tot
durrikan 11.09.2012
Zitat von sysopGetty ImagesWer es geschafft hat, versorgt seine Familie mit Posten und Pöstchen - so war es in Griechenland lange üblich. Doch in der Krise formiert sich Widerstand gegen den "politischen Inzest", das einstige Massenphänomen steht in der Kritik. Allein: Geändert hat sich bisher allzu wenig. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,854965,00.html
Wer es geschafft hat, versorgt seine Familie mit Posten und Pöstchen - so war es in Griechenland lange üblich. Fragen Sie doch bitte einmal in den Familien Schäuble oder Kauder nach, wie das so funktioniert. Von denen können selbst die Griechen noch lernen!
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Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 11,305 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Karolos Papoulias

Regierungschef: Antonis Samaras

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