Friedensnobelpreis für EU: Europa-Skeptiker lästern über "Aprilscherz"

Von , London

Es ist ein willkommener Motivationsschub in der Krise: Mit Genugtuung haben europäische Regierungschefs den Friedensnobelpreis für die EU begrüßt. Die Europa-Skeptiker im Staatenbund aber sind außer sich über die Entscheidung - sie verhöhnen die Jury in Oslo.

Keine Freude an Europa: Demonstranten in Griechenland im September Zur Großansicht
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Keine Freude an Europa: Demonstranten in Griechenland im September

Die Verleihung des Friedensnobelpreises an die EU spaltet den Kontinent (unseren Kommentar lesen Sie hier). Während die europäischen Anführer in Brüssel und die Regierungschefs in den Hauptstädten sich im Glanz der Ehrung sonnten, ließen die Europa-Skeptiker in der EU ihrer Verachtung für das norwegische Nobelpreis-Komitee freien Lauf.

Vor allem in Großbritannien sorgte die Preisverleihung am Freitag für aufgebrachte Kommentare. Die Entscheidung sei pure "Satire", schimpfte Kolumnist Iain Martin im konservativen "Daily Telegraph". Der Preis komme "verfrüht", da ja noch niemand wisse, wie das "Experiment eines antidemokratischen Bundesstaats" ausgehe. Außerdem sei es nicht die EU gewesen, die dem Kontinent Frieden gebracht habe, sondern Briten und Amerikaner.

Tory-Abgeordnete vom rechten Flügel nannten die Entscheidung "lächerlich" und einen "Aprilscherz". Die "Daily Mail" zeigte Bilder von brennenden Hakenkreuzflaggen während Angela Merkels jüngstem Athen-Besuch und zitierte den Tory-Chef im Europaparlament mit den Worten, der Nobelpreis werde offenbar für den Frieden und die Harmonie auf den Straßen von Athen und Madrid vergeben.

Selbst der EU-freundliche "Economist"-Kolumnist Charlemagne bescheinigte dem Nobel-Komitee ein "merkwürdiges Timing", da die EU doch gerade auseinanderzubrechen drohe.

"Das Gegenteil von Frieden"

In sozialen Netzwerken wurde gewitzelt, dass die EU angesichts der Euro-Krise sicher nicht den Wirtschaftsnobelpreis bekomme. Und es wurde spekuliert, welcher der zahlreichen Präsidenten der EU-Institutionen den Preis wohl entgegennehmen werde. Mehrere Zeitungen und Blogger machten sich sogleich daran zu berechnen, wie viel Pence von dem Millionen-Preisgeld auf jeden einzelnen Briten entfallen würden.

Die Häme zeigt, wie weit sich die EU-Debatte auf der Insel verselbständigt hat. Was auf dem Kontinent als historische Tatsache gilt, wird in Großbritannien als EU-Propaganda verunglimpft. Die Vorstellung, dass Deutschland und Frankreich dank der EU nicht mehr Krieg gegeneinander führten, sei ein "profundes Missverständnis", schrieb "Spectator"-Blogger James Forsythe. Die Entscheidung aus Oslo sei "bizarr".

Allerdings meldeten sich auch in anderen europäischen Ländern EU-Kritiker von links und rechts zu Wort: In Griechenland sagte ein Sprecher der linken Oppositionspartei Syriza, dank der EU befinde sich die griechische Bevölkerung in einem täglichen "Krieg". In Norwegen erklärte der Friedensrat, eine Menschenrechtsgruppe, die EU habe in den vergangenen Jahren für das "Gegenteil von Frieden" gestanden. In Deutschland kritisierte die "Welt" das "forcierte Gutmenschentum" der Jury, die über die unerfreuliche Realität der Euro-Krise hinwegsehe. Die linke Bundestagsabgeordnete Inge Höger warf der EU vor, mit ihrer Außenpolitik "Elend, Armut und Krieg" zu fördern.

"Das erfolgreichste Friedensprojekt der Geschichte"

Hat die EU deshalb den Friedenspreis nicht verdient? Tatsächlich lassen sich viele Fragen stellen: Wie oft hat die EU in den vergangenen Jahren internationalen Konflikten ohnmächtig zugeschaut, weil sie handlungsunfähig war? Und wie überlebensfähig ist die supranationale Idee angesichts der Rückkehr des Nationalismus in vielen Mitgliedsstaaten?

Doch wirken die Verweise auf aktuelle Entscheidungen und Euro-Streitigkeiten reichlich kleinlich neben dem historischen Erfolg von 60 Jahren Frieden. Daher überwog auf dem Kontinent der Stolz auf die Auszeichnung. Nicht nur Bundesaußenminister Guido Westerwelle hält die EU für "das erfolgreichste Friedensprojekt der Geschichte". Auch in Frankreich dominierte die Erleichterung darüber, dass die EU mal wieder in positivem Licht erscheint. Die Zeitung "Le Parisien" schrieb von einer "Revanche" für die EU, nachdem die Organisation zu lange stiefmütterlich behandelt worden sei. "Unerwartet, verdient, berührt, geehrt", beginnt ein Artikel im "Nouvel Observateur", der die Gefühle der Europäer beschreibt.

Jacques Delors, der frühere EU-Kommissionspräsident, der die europäische Einigung mit Macht vorangetrieben hat, nannte den Preis eine "Genugtuung für die verstorbenen Väter Europas". Und der Elysee-Palast teilte mit, "jeder Europäer darf Stolz empfinden, dass er Teil einer Union ist, die es geschafft hat, Frieden zwischen lange verfeindeten Völkern zu schaffen".

Die britische Regierung hingegen äußerte sich zunächst nicht zu dem Preis - offenbar konnte sich der konservative Premierminister David Cameron nicht einmal an diesem Tag zu einem Lob für die EU durchringen. Doch selbst in London kamen einige Kommentatoren unweigerlich zu dem Schluss, dass der Nobelpreis gerechtfertigt sei. Trotz aller Mängel bleibe die EU ein "Fanal der Hoffnung" für Millionen Menschen in der Peripherie Europas, kommentierte die sonst europaskeptische "Times".

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insgesamt 616 Beiträge
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1. Lieber Spiegel..
titanic75 12.10.2012
Das ist ja wieder mal Typisch. Das Foto steht in keinem Zusammenhang mit dem Friedensnobelpreis. Das erfährt man aber erst, wenn man auf den Artikel klickt. Auf eurer Titelseite kommt es so rüber, als ob der Preis spontanes Flaggenverbrennen nach sich gezogen hat. BILD lässt grüßen!
2.
moev 12.10.2012
Und diesmal spinnen sie mal nicht die Briten! Und der Kontinent ist voll von ihnen gleichgesinnten
3.
steinaug 12.10.2012
Es ist natürlich kein Aprilscherz. Es ist ein Oktoberwitz.
4. Wenck
istdaswahr 12.10.2012
Zitat von sysopEs ist ein willkommener Motivationsschub in der Krise: Mit Genugtuung haben europäische Regierungschefs den Friedensnobelpreis für die EU begrüßt. Die Europa-Skeptiker im Staatenbund aber sind außer sich über die Entscheidung - sie verhöhnen die Jury in Oslo. Euro-Skeptiker wettern gegen Friedensnobelpreis an EU - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/euro-skeptiker-wettern-gegen-friedensnobelpreis-an-eu-a-861032.html)
und wieder die Armee Wenck....
5. Alzheimer und Demenz lassen grüßen!
prince62 12.10.2012
Gut, daß man sich über das Nobelpreiskomitee in Oslo keine Gedanken machen sollte, hat ja bereits vor 4 Jahren die Verleihung an Barak Obama gezeigt, mit einer auch nur ansatzweise rationalen Begründung nicht zu rechtfertigen war, völlig umsonst, völlig planlos, völlig hirnlos. Genauin diesem Schema geht es weiter, die Damenudn Herren des Nobelpreiskomitees sind wohl der Alzheimeritis und der totalen Demenz anheim gefallen, anders lassen sich die Entscheidungen zum Friedensnobelpreis der letzten Jahre nicht erklären, oder gibt es die Dinger jetzt schon zum kaufen?
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