Utopien für Europa Freude! Schöner! Götterfunken!

Europa ist eine Utopie aus den Fünfzigerjahren. Das Pathos der Gründerjahre zündet heute nicht mehr. Ist die Utopie aufgebraucht? Keineswegs. Fünf Vorschläge, die den europäischen Götterfunken wieder anfachen können.

Proeuropäischer Protest in Brüssel (Archivbild)
LECOCQ/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Proeuropäischer Protest in Brüssel (Archivbild)

Ein Gastbeitrag von André Wilkens


Zum Autor
  • Gerlind Klemens
    André Wilkens, Jahrgang 1963, arbeitete nach seinem Politikstudium viele Jahre im europäischen Ausland - u.a. für die Soros Stiftung und die Europäische Kommission. 2017 erschien sein Buch "Der diskrete Charme der Bürokratie. Gute Nachrichten aus Europa" im S. Fischer Verlag.

Wir leben im europäischen Imperfekt. Und während die Politiker und ihre Bürokraten sich mit der komplizierten Mechanik der Krisenbewältigung rumschlugen, haben sie das Feld für die großen Ansagen den Leuten mit den einfachen Sprüchen von vorgestern überlassen.

Es zeigt sich: Utopien sind nicht statisch. Wir brauchen ein Utopie-Upgrade für Europa, das begeistert, das uns die Richtung in die Zukunft weist, damit diese nicht ein lauwarmer Aufguss der Vergangenheit wird. Wir brauchen eine Utopie für das Europa des 21. Jahrhunderts.

Hier sind meine fünf Eurovisionen:

  • Erstens: Teilen macht Europa glücklich

Teilen macht uns stark, besser und glücklicher. Teilen ist in. Teilen ist das Geschäftsmodell, das uns bisher am meisten gebracht hat. Neben Kohle, Stahl, Landwirtschaft, Handel und Währung werden wir Vertrauen, Selbstbewusstsein, Wohlstand, Kreativität, aber auch Flüchtlinge, Krisen und Sicherheit teilen. Wir können nationale Armeen, Geheimdienste und Grenztruppen abschaffen und durch eine gemeinsame europäische Armee, einen europäischen Geheimdienst und gemeinsame europäische Grenztruppen ersetzen. Auch die zigtausend nationalen Botschaften überall in der Welt kann man durch europäische Botschaften ersetzen. Von den Deutschen kann man sich den Länderfinanzausgleich abgucken und in verbesserter Version für Europa übernehmen. Von Skandinavien kann man lernen, wie man Menschen durch das faire Teilen von Wohlstand glücklich macht. Glück und Wohlstand für alle Europäer ist ein Versprechen, das uns gegen die neonationalen Populisten wappnen sollte.

  • Zweitens: Fairer Wohlstand für alle

Es lebt sich gut in Europa. Aber das gilt längst nicht für alle. Auch in Europa wächst die Ungleichheit. Statt uns aber mit Lohn- und Steuerdumping gegenseitig das Leben schwer zu machen, sollten wir uns das Ziel setzen, Wohlstand für alle Europäer zu schaffen. Es gibt die Idee des europäischen Bürgereinkommens, das über die digitale Revolution und ihre Roboter und deren faire Besteuerung finanziert wird. Das Einkommen steigt in dem Maße, wie die Produktivität von Maschinen steigt. Das ist die digitale Dividende für alle. Gleichzeitig wird das Maximaleinkommen in der Gesellschaft auf das Zehnfache des Durchschnittseinkommens begrenzt. Alles, was darüber hinausgeht, wird zu 100 Prozent versteuert und kommt der Gemeinschaft zugute. Wollen Manager mehr verdienen, müssen sie ihre Mitarbeiter besser bezahlen. So wird Gerechtigkeit in Europa gemacht.

  • Drittens: Ein Airbus für europäische Öffentlichkeit

Für das Europa der Zukunft brauchen wir eine europäische Öffentlichkeit, die Menschen verbindet und nationale Filterblasen aufbricht. Um hier in Fahrt zu kommen, sollten wir im ganz großen Stil in europäische Medien mit utopischen Übersetzungstechnologien investieren. Es ist Zeit für eine europäische ARD, eine europäische "Le Monde" und ein europäisches Facebook. Wir haben vor fast 50 Jahren mit Airbus gezeigt, wie man Utopien mit Industriepolitik umsetzt. Let's do it again. Eine funktionierende europäische Öffentlichkeit ist in Zeiten von digitaler Wahlmanipulation und Fake-News-Industrie mindestens so wichtig wie es das europäische Fliegen damals war, wahrscheinlich sehr viel wichtiger.

  • Viertens: Europa für alle

Wenn es einfach geht, sollten wir den Mut zur Einfachheit haben. So wie beim Erasmus-Programm. Das Erasmus-Prinzip, also Menschen supranational zusammenzubringen, sollten wir so weit ausweiten wie möglich. Jeder europäische Student sollte mindestens ein Semester seines Studiums in einem anderen europäischen Land verbringen, sonst gibt es keinen ordentlichen Abschluss. Bei Schülern, Lehrlingen und Journalisten sollte es Ähnliches geben, auch für Menschen, die mal eine Auszeit in Europa brauchen. Das kostet Geld, aber dafür haben wir ja die Armeen und Geheimdienste aller Länder vereinigt und viel Geld gespart. Das wird jetzt hier bürgernah angelegt. Jeder soll es sich leisten können, andere Europäer zu treffen, Geschichten zu erleben, Freunde zu finden und Liebhaber. Nicht nur digital. Neben dem Europäisierungseffekt ist das ja auch ein kleines Konjunkturprogramm für die europäische Verkehrs- und Tourismusindustrie.

  • Fünftens: Ein echter Feiertag

Europa ist wunderbar. Das muss man öfter mal sagen. Europa ist schön, friedlich, sexy, unvollendet. Menschen leben hier gut und gerne. Viel mehr Leute wollen hier leben als weggehen. Das war nicht immer so. Wir sollten Europa und die Europäische Union mehr feiern. Denn wir haben viel geschafft. Deshalb sollten wir einen europäischen Feiertag einführen, an dem ordentlich zusammen gefeiert wird und an dem natürlich ganz Europa gleichzeitig frei hat.

Das ist alles nur ein Anfang. Manches davon wird vielleicht verrückt oder, anders formuliert, utopisch erscheinen. So wie die Ideen von Monet und Schumann in den Fünfzigerjahren. Gut so. Die nächste Bundesregierung sollte sich mehr Utopie zutrauen und damit den europäischen Götterfunken wieder ordentlich anfachen. Nur das Erbe der Fünfzigerjahre zu verwalten - dafür ist es zu spät.

insgesamt 111 Beiträge
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alterknacker54 04.02.2018
1. Eine echte Wohltat!
Das sind Visionen, wie man sie bei allen unseren PolitikerInnen vermisst! Alle Fünfe - sehr toll, wobei mir Vision zwei insofern am meisten zusagt, da man sie natürlich unabhängig von Europa in jedem einzelnen Land umsetzen könnte - auch bei uns! Und was auch auffällt: Unter dem visonären Beitrag kommt der Artikel mit dem kleinkariertem Ereignis des Tages (Mazedonien...) - das relativiert das Ganze dann leider doch wieder arg und holt einen auf den Boden der banalen Realitäten zurück - trotzdem: Ihr ganzen Gro-Ko-SchwätzerInnen: Arbeitet Euch mal an solchen Visionen ab und nicht an dem unsäglichen Klein-Klein, mit dem Ihr uns seit Monaten langweilt!
Zaunsfeld 04.02.2018
2.
Ich finde Punkt 3 am allerwichtigsten. Ohne mediale Gesamtöffentlichkeit wird es immer wieder möglich sein, ein europäisches Land gegen ein anderes aufzuhetzen, einfach indem man per nationaler Medien nur übereinander redet statt miteinander. Dafür sehe ich nur 2 Möglichkeiten: Entweder man erschafft die ultimative Übersetzungstechnologie, die es jedem Europäer erlaubt, mit jedem anderen in seiner Sprache zu reden ... ähnlich wie die in den Körper eingepflanzten Universalübersetzer bei Star Trek. Dieses Projekt wäre dann auch gleich auf die ganze Menschheit ausdehnbar, sofern es denn technisch umsetzbar ist. Eine andere Möglichkeit wäre, dass alle Europäer eine allen gemeinsame "Fremdsprache" schon in der Schule lernen. Das könnte wohl aus "Neid"-Gründen keine Sprache sein, die jetzt schon in einem Land gesprochen wird, z.B. Deutsch, Englisch oder Französisch, sondern es müsste eine künstliche Sprache sein, die aber gleichzeitig viele Elemente aller möglichen europäischen Sprachen beinhaltet. Anbieten würde sich dafür Esperanto. Ich stelle mir das so vor, dass natürlich jedes Kind in jedem Land seine eigene Muttersprache lernt. Und spätestens ab der 1. Klasse kommt dann für ALLE europäischen Kinder Esperanto als erste Fremdsprache dazu. Dazu muss es dann Gesetz werden, dass es Medien geben muss, die europaweit in dieser Sprache veröffentlichen und senden. Jedes Gesetz und jede Verordnung jedes Landes und der EU als Ganzes muss neben der jeweiligen Muttersprache auch in dieser gemeinsamen Sprache veröffentlicht werden. Es käme dann von ganz automatisch, dass Filme für den gesamten europäischen Markt in diese Sprache synchronisiert oder gleich gedreht werden. Das gleiche für Bücher, Zeitschriften usw. Es gäbe dann eine Sprache, in der sich jeder Europäer mit jedem anderen unterhalten könnte. Im Prinzip kann diese Funktion derzeit das Englisch erfüllen. Aber die Briten sind raus aus der EU und von allen anderen Ländern würde es sowieso als unfair angesehen werden, wenn ein Land allen anderen seine Sprache aufdrückt. Eine Sprache wie Esperanto, die für alle erst mal neu wäre, wäre da viel, viel leichter zu akzeptieren.
torstenschäfer 04.02.2018
3. Gute Idee, aber ausbaubar
Dass Europa neue Utopien benötigt (um den üblichen Ausdruck Narrativ mal zu vermeiden) - d´accord. Allerdings fürchte ich, dass man mit "Wir wollen teilen" keinen Hund hinterm Ofen hervorlockt. Auch "Gerechtigkeit" wird nicht viele begeistern. Denn beide Themen implizieren zunächst nur, dass etwas weggenommen wird. "Teilen" heißt im europäischen Kontext - gerade bei den öffentlichen Haushalten: abgeben. Und "Gerechtigkeit" mag vielleicht Reiche anders besteuern - aber davon hat Normalo ja erst einmal nichts Greifbares für sich. Abgesehen davon, dass die Beschränkung von Maximal-Einkommen praktisch nicht durchsetzbar sein wird - selbst wenn (was kaum zu erwarten sein wird) alle EU-Staaten mitmachten, so dürften Konzerne vermutlich notfalls ihren Stammsitz aus der EU heraus verlagern. Das Europa von morgen muss GEMEINSAM die Themen anpacken, die den Menschen wirklich auf den Nägeln brennen. NICHT einen gemeinsamen Feiertag einführen oder ein europäisches Facebook, das sind doch Kopfgeburten, Alibi-Themen. Das Europa von morgen muss sich VEREINT engagieren z.B. gegen: Jugendarbeitslosigkeit Steuerschlupflöcher für Großkonzerne (da ist wirklich etwas zu holen) und für: bessere Betreuung im Alter Stärkung der Infrastruktur (Verkehr, Bildung) Modernisierung des Individualverkehrs (neue Kfz-Antriebe)
udo l 04.02.2018
4. Ja ohne Zweifel
gibt es vieles was verbesserungswürdig ist und oder geändert werden müsste. Aber es ist in meinen Augen das Beste was wir haben, jetzt und vor allem für die Zukunft. Ich fühle mich eher als Europäer denn als Deutscher, und ich wünsche mir dass es immer mehr Menschen so ergeht.
syracusa 04.02.2018
5. wo kann man unterschreiben?
Wo kann man unterschreiben? Besonders den Vorschlag mit einem EU-weiten öffentlich-rechtlichen Rundfunk finde ich überaus wichtig. ARTE und 3SAT sind gute Vorbilder. Daran koppeln sollte man ein Verbot staatlichen Einflusses auf die nationalen Rundfunkanstalten, wie er leider noch in vielen EU-Staaten konstitutionell verankert ist. Sowas ist undemokratisch.
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