Europa-Reise Bush lässt Schröder einsam frieren

US-Präsident George W. Bush plant eine Sonnenschein-Reise durch Europa. Polen darf sich auf dickes Lob freuen, Frankreichs Staatschef Chirac bekommt ein Vier-Augen-Gespräch, und auch Russlands Präsident Putin wird mit einem Besuch beehrt. Nur Bundeskanzler Schröder bleibt abseits: Bush werde ihm "nie mehr trauen", berichten US-Diplomaten.


Bush und Schröder: Zerrüttetes Verhältnis
AFP

Bush und Schröder: Zerrüttetes Verhältnis

Washington - Eine Reiseroute sagt manchmal mehr als tausend Worte. Ein klassisches Beispiel ist der Europa-Trip von US-Präsident George W. Bush, der am heutigen Freitag in Polen beginnt. Diplomaten betonten der "New York Times" zufolge, dass der US-Präsident bewusst nicht in Frankreich oder Deutschland, sondern in Polen seine Grundsatzrede zur Zukunft der transatlantischen Beziehungen halten wird. Die Regierung in Warschau dürfe das als Dank dafür werten, dass sie sich mit 200 Soldaten am Irak-Krieg beteiligt und die US-Politik rückhaltlos unterstützt hatte.

Welchen Stellenwert Europa in Bushs Weltbild einnimmt, lässt sich auch an der Tatsache ablesen, dass er seinen Aufenthalt beim G-8-Gipfel im französischen Evian von zwei Tagen auf einen Tag verkürzt, um früher zu Gesprächen mit den Regenten des Nahen Ostens aufzubrechen.

"Vive la France!"

Offiziell betont Bush unermüdlich, dass es in Evian "keinen Gipfel der Konfrontation" geben und man stattdessen in die Zukunft schauen werde. Er wolle die "Frustrationen und Enttäuschungen" über die Haltung Chiracs hinter sich lassen. "Hören Sie, lassen Sie mich realistisch sein. Es gibt eine gewisse Frustration und Enttäuschung im amerikanischen Volk über die französische Entscheidung. Das ist die Wirklichkeit", sagte Bush der französischen Zeitung "Le Figaro". Die Menschen hätten nicht verstanden, warum die französische Regierung gegen die Politik Amerikas für mehr Sicherheit und Frieden gearbeitet habe.

Chirac und Bush: Tauwetter zwischen Washington und Paris
AP

Chirac und Bush: Tauwetter zwischen Washington und Paris

Das werde seine Politik jetzt aber nicht beeinflussen, sagte Bush. "Es wird mir ein Vergnügen sein, mit Jacques Chirac zu sprechen." Bush wagte in dem Interview gar einen Ausritt ins Französische, um seinen guten Willen zu bekunden: "Vive la France!"

Dass Bush sich ein "Hoch lebe Deutschland" nur wegen der schwierigen Aussprache verkniff, glaubt in Washington und Berlin niemand. Stattdessen schloss der US-Präsident nicht nur Chirac, sondern auch den Kriegsgegner Wladimir Putin verbal in die Arme. Das Verhältnis zwischen den USA und Russland sei bestens, sagte Bush. Er unterstütze Russlands Eintritt in die Welthandelsorganisation (WTO) und die Aufhebung von amerikanischen Gesetzen aus dem Kalten Krieg, die einen normalen Handel zwischen den beiden Ländern behinderten. Nicht umsonst ist Russland eine Station von Bushs Europa-Reise: Nach seiner Visite in Polen nimmt er an der 300-Jahr-Feier von St. Petersburg teil.

Was von der Friedensachse übrig blieb

In Frankreich und Russland wurde Bushs Charme-Offensive freudig aufgenommen: Sowohl Paris als auch Moskau erwiderten Bushs Signale mit betont freundlichen Worten. Deutschland aber, noch vor wenigen Wochen mit Frankreich und Russland in einer "Achse des Friedens" vereint, steht plötzlich allein auf weiter Flur.

Putin, Bush, Schröder, Chretien: Einsamkeit umfängt den Kanzler
DPA

Putin, Bush, Schröder, Chretien: Einsamkeit umfängt den Kanzler

Um Deutschland macht Bush auf seiner Europa-Reise einen Bogen. Beim G-8-Gipfel in Evian wird er neben Putin und Chirac auch Kanadas Ministerpräsident Jean Chrétien zum Vier-Augen-Gespräch treffen, obwohl dieser sich ebenfalls vehement gegen den Irak-Krieg ausgesprochen hatte. Schröder wird von Bush dagegen nicht empfangen.

Hinter vorgehaltener Hand sagten Regierungsmitarbeiter der "New York Times", dass Bush noch immer sauer sei auf Chirac, weil der Franzose die völkerrechtliche Legitimation des Irak-Kriegs verhindert habe. Das Verhältnis zu Schröder aber scheint auf alle Zeit zerrüttet: Bush, sagten die US-Beamten, werde Schröder "nie wieder über den Weg trauen", weil der Kanzler einen Wahlkampf auf der Plattform des Anti-Amerikanismus geführt habe.

"Alle warten, ob wir uns prügeln"

Zuvor war Bushs Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice von Zeitungen mit der Aussage zitiert worden, dass die US-Regierung bemüht sei, auf allen Regierungsebenen das Verhältnis zu Deutschland wieder zu verbessern. Den Kanzler aber werde man dabei bewusst außen vor lassen.

Bush ist sich nach eigenem Bekunden vollkommen im Klaren darüber, dass jede Sekunde, die er in Evian öffentlich mit Schröder verbringe, unter genauester Beobachtung der Medien stehen werde. Das habe er laut "New York Times" gegenüber einer deutschen Delegation im Weißen Haus erklärt. "Ich weiß, dass alle Fernsehteams abwarten, ob wir uns prügeln", habe Bush nach Angaben eines deutschen Delegationsmitglieds gesagt. "Aber das wird nicht passieren." Dass die Delegation eine solche Bemerkung als Zeichen der Entspannung wertete, sage allerdings einiges aus über das Verhältnis zwischen dem Präsidenten und dem Kanzler.

Markus Becker



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