Europa vs. China Wettlauf um Afrika, nächste Runde

Zehn Millionen Arbeitsplätze in Afrika - das verspricht die EU-Kommission. China kündigt seinerseits ein 60-Milliarden-Dollar-Investment an. Wer wird sich durchsetzen?

Angela Merkel als Gast bei Ghanas Staatschef Akufo-Addo
FELIPE TRUEBA/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Angela Merkel als Gast bei Ghanas Staatschef Akufo-Addo

Von


Wenn es um Afrika geht, sind Europas Spitzenpolitiker getrieben. Während China den Weg für sein gewaltiges Infrastrukturprojekt der "neuen Seidenstraße" freimacht, fragen sich viele Verantwortliche in der EU: Wo bleiben wir?

Zugleich sehen sich die Spitzen der EU in der Migrationspolitik zum Handeln gezwungen: Denn in Deutschland, Schweden und anderswo feiern Rechtspopulisten mit dürftig kaschierter Ausländerfeindlichkeit Wahlerfolge. Kanzlerin Angela Merkel, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker versprechen auch darum, mit neuen Afrikastrategien ließe sich die Einwanderung bremsen.

Angela Merkel und Muhammadu Buhari, Ende August in Nigeria
FELIPE TRUEBA/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Angela Merkel und Muhammadu Buhari, Ende August in Nigeria

Afrika ist für Europa so wichtig wie seit vielen Jahren nicht.

Das zeigte auch Merkel im Spätsommer bei ihrer schon zweiten Reise durch afrikanische Länder innerhalb von nur zwei Jahren. Man wolle "Fluchtursachen bekämpfen", sagte sie. Und das zeigt jetzt auch die EU, wenn sie zu einer neuen Partnerschaft mit Afrika aufruft.

Fernziel: freier Handel

Juncker ging zuletzt in seiner Rede zur Lage der Union ausführlich auf Afrika ein und stellte einen Plan vor - für Investitionen, Annäherung und Austausch und gegen klassische Entwicklungshilfe. Keine "Almosen" mehr, stattdessen sollen künftig Handel und Wirtschaftswachstum den Menschen dort helfen. Beim Thema Handel sprach Juncker gar von "Augenhöhe", auf der man mit den Ländern des "erhabenen Kontinents" sprechen will. Das Fernziel: ein umfassendes Freihandelsabkommen zwischen Afrika und der Europäischen Union.

Aber Junckers "Augenhöhe" hat mit der Realität leider wenig zu tun: Die Pro-Kopf-Einkommen betragen in vielen afrikanischen Ländern nur einen Bruchteil der europäischen. In den wohlhabendsten Staaten sind es gerade zehn Prozent der meisten westeuropäischen Länder. Für selbst generiertes Wachstum, und damit für mehr Jobs, fehlt es oft an Grundsätzlichem: an Strom, Straßen und Bildung.

Juncker am 12. September bei der Rede zur Lage der Union
PATRICK SEEGER/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Juncker am 12. September bei der Rede zur Lage der Union

Auch im Handel existiert mit der EU bislang quasi keine gemeinsame Basis: Mit einigen wenigen Ländern hat die Union sogenannte Wirtschaftliche Partnerschaftsabkommen (WPAs). Aber die Vision von einem geeinten Afrika in Handelsfragen, wie sie Juncker sich wünscht, ist illusorisch. Zwar gibt es regionale Wirtschaftsgemeinschaften wie Ecowas im Westen oder Sadec im Süden, doch echte Freihandelszonen sind das nicht, erklärt Jann Lay, Leiter des Giga-Instituts. Die Hamburger Forscher untersuchen politische, ökonomische und soziale Entwicklungen unter anderem in Afrika.

Es existierten "weder innerhalb Afrikas funktionierende Freihandelszonen, noch panafrikanisch", sagt Lay. Bislang seien selbst die deutlich weniger ambitionierten WPAs, die eine Vorstufe zu wechselseitigem Freihandel sein könnten, nicht voll umgesetzt.

Hinzu käme, dass "eine Freihandelszone ja auch freien Zugang für europäische Waren in Richtung Afrika bedeuten" würde, und das hat Tücken. Welche, das zeigt beispielhaft die Deal der USA mit 39 afrikanischen Ländern: der Africa Growth and Opportunity Act, kurz Agoa.

Freien Handel gibt es bislang mit den USA - noch

Die USA rechnen zwar vor, dank Agoa seien seit der Jahrtausendwende rund 300.000 Jobs in Afrika und 120.000 zu Hause entstanden. Ruanda macht Agoa indes für den Niedergang der afrikanischen Textilindustrie mit verantwortlich, weil US-amerikanische Billig- und Altkleider zollfrei die Märkte der Partnerländern fluten konnten.

Chinesische Textilproduktion in Ruanda für den US-Markt
DPA

Chinesische Textilproduktion in Ruanda für den US-Markt

Uno-Handelsexperte Mesut Saygili sagt, solche Abkommen zwischen industrialisierten Staaten und am wenigsten entwickelten Ländern seien gefährlich für die sogenannten Partner in Afrika.

"Kleine Länder akzeptieren zu schnell, ohne gut zu verhandeln, sie haben dafür nicht die Kapazitäten", sagt Saygili. Besser sei es, wenn afrikanische Staaten als Gruppe agieren und ihre Erfahrungen teilen könnten. Das scheitere aber auch immer wieder an innerafrikanischen Konflikten.

Welche Chancen hat ein EU-Arbeitsmarktprogramm für Afrika?

Neben freiem Handel versprach Juncker zudem, es sollten durch ein Bündnis für nachhaltige Investitionen zehn Millionen Arbeitsplätzen in Afrika in fünf Jahren entstehen. Es werde mehr Erasmus-Stipendien für Afrikaner geben, dazu sollten die Heimatorte von 24 Millionen Menschen an das Straßennetz angebunden werden. Ein ambitionierter Plan - besonders weil Juncker für all die Segnungen die Hilfe von Einwanderungsgegnern wie Ungarns Viktor Orbán oder Italiens Giuseppe Conte mit seiner Rechts-Rechtsaußen-Koalition brauchen wird.

Vor dem Hintergrund bleibt den Afrikanern wieder einmal China.

Im Handel mit Afrika hat die Volksrepublik die USA und die EU schon lange abgehängt. Noch entscheidender für den Hamburger Afrika-Experten Lay ist jedoch "die Beseitigung struktureller Hemmnisse, etwa hoher Logistikkosten" - sprich Straßen, Eisenbahnen, Flughäfen.

Autobahnbrücke über den Nil, Jinja, Uganda
Nabusayi L. Wamboka

Autobahnbrücke über den Nil, Jinja, Uganda

In Jinja, Uganda, etwa überspannt demnächst einen mehrspurige Autobahn mit Hängebrücke den Nil, wo sich seit der Kolonialzeit der gesamte Verkehr über eine 1954 fertiggestellte Staumauer quälte. Geplant wird das Megabauwerk vom japanischen Unternehmen Zenitaka.

Um den Anschluss der Brücke bewerben sich acht Bieter, ganz vorn dürfte das chinesische Bauunternehmen CCCC liegen. Die Chinesen haben kürzlich auf 50 Kilometern Ugandas erste Autobahn fertiggebaut, die den Flughafen in Entebbe mit der Hauptstadt Kampala verbindet. Gekostet hat die Straße rund 500 Millionen Dollar.

Tunnel des 2,2-Milliarden-Dollar teuren Karuma Falls Kraftwerk, Uganda, finanziert und gebaut durch China
REUTERS

Tunnel des 2,2-Milliarden-Dollar teuren Karuma Falls Kraftwerk, Uganda, finanziert und gebaut durch China

Solche Großinvestitionen sind es, die für Afrikas Boom der vergangenen Jahre mit verantwortlich sind. China baut und baut: neue Bahnstrecken in Dschibuti, Äthiopien und Kenia, Flughäfen in Mauretanien und im Senegal.

China spricht über den Ausbau seiner globalen Handelsdominanz heute als "Belt and Roads Initiative", natürlich zugunsten einer chinesischen Weltwirtschaftsordnung. Auch dafür sollen bald weitere 60 Milliarden Dollar Investment nach Afrika fließen.

insgesamt 26 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Susi Sorglos 03.10.2018
1. Guten Morgen ?
Die Chinesen investieren seit fast 20 Jahren massiv in Afrika, sichern sich Rohstoffe wie seltene Erden. Nun werden langsam die - man verzeihe mir die Polemik - Trauergestalten, die wir hier nach Brüssel kalgestellt haben, wach und lärmen herum ??? Ich kann mir ein Kopfschütteln leider nicht verkneifen.
florian29 03.10.2018
2. Kann Afrika denn gar nichts alleine?
Ausländer bauen Brücken und Autobahnen, das einzige Funktionierende sind die Kolonialbauten der Europäer. Ich frage mich was Afrika uns jemals Sinnvolles liefern kann außer Rohstoffen?
palla-manfred 03.10.2018
3. Wie steht es mit der Bevölkerungs-Explosion in Afrika ?!?
- in letzten fünf Jahrzehnten von 600 verdoppelt auf 1,2 Milliarden, die nächste Verdoppelung braucht nicht mehr so lange - in kommenden 12 Jahren kommt weltweit (insbes. auch Asien) eine weitere Menschheits-Milliarde dazu - Fazit: die Einen werden zunehmend ökonomisch reicher, der Rest halt nur "biologisch" - ELEND AHOI ;-)
artep 03.10.2018
4. Wer
wird sich durchsetzten ? China ! Warum ? China bindet seine Investitionen an keinerlei Verträge, es agiert einfach, aufgrund seines monopolististischen Staatssystems, das regierungsgesteuert in Länder investiert, die lohnend scheinen. China hat Kapitalismus und Imperialismus verinnerlicht und weiß, dass Kapital die Welt beherrscht. China weiß, dass es ohne Krieg die Weltherrschaft erringen kann und unsere Handelsverträge sind vorsintflutlich.
palla-manfred 03.10.2018
5. Wie steht es mit der Bevölkerungs-Explosion in Afrika ?!?
- in letzten fünf Jahrzehnten von 600 Mio. verdoppelt auf 1,2 Milliarden, die nächste Verdoppelung braucht nicht mehr so lange - in kommenden 12 Jahren kommt weltweit (insbes. auch Asien) eine weitere Menschheits-Milliarde dazu - Fazit: die Einen werden zunehmend ökonomisch reicher, der Rest halt nur "biologisch" - ELEND AHOI ;-)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.