Fakten zu Asylbewerbern Wohin die Flüchtlinge wollen - und wer sie nimmt

Hunderttausende Flüchtlinge kommen nach Europa - aber die Verteilung in der EU ist ungerecht. Wenige Länder nehmen viele Asylbewerber auf, manche reiche Staaten lächerlich wenige. Eine Übersicht.

Serbische Flüchtlinge in Essen: Deutschland nimmt die meisten Menschen auf
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Serbische Flüchtlinge in Essen: Deutschland nimmt die meisten Menschen auf

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191.000 - diese Zahl alarmiert. So viel mehr Flüchtlinge sind 2014 im Vergleich zum Vorjahr in die EU-Länder gekommen. Insgesamt stellten mehr als eine halbe Million Menschen erstmals einen Asylantrag. Und es dürften noch viele weitere folgen. In Syrien herrscht immer noch Krieg, in Eritrea knechtet die Militärdiktatur die Menschen. Viele andere Afrikaner fliehen, weil sie in ihrem Land keine Perspektive sehen.

Auf europäischer Ebene wird deshalb über ein Quotenmodell nachgedacht - Flüchtlinge würden dann nach Faktoren wie Wirtschaftskraft und Bevölkerungszahl auf die einzelnen europäischen Länder verteilt. Insbesondere Italien und Griechenland hoffen dabei auf Entlastung, denn nach den geltenden Dublin-Regeln müssen die Länder das Asylgesuch bearbeiten, in dem der Flüchtling erstmals die EU betreten hat.

Aber wie ist die Lage überhaupt? Welche europäischen Länder nehmen besonders viele Flüchtlinge auf? Ziehen Asylbewerber aus bestimmten Ländern bevorzugt in einen EU-Staat? Wie steht Deutschland wirklich da? Und würde es von einer Quotenregelung profitieren? Die wichtigsten Fakten aus ausgewählten EU- und anderen europäischen Ländern.

Zahl der Asylbewerber

Hier liegt Deutschland mit Abstand vorn. Im Jahr 2014 stellte laut der Statistikbehörde Eurostat einer von drei Asylbewerbern, der in die EU-Länder und nach Norwegen, Liechtenstein, Island und die Schweiz kam, seinen Antrag in Deutschland.

  • Insgesamt waren es in der Bundesrepublik 172.945 Erstanträge.
  • In der EU weit vorne liegt auch Schweden mit seinen rund 9,5 Millionen Einwohnern - hier baten 2014 insgesamt 74.980 Flüchtlinge erstmals um Asyl.
  • Italien verzeichnete im vergangenen Jahr mehr als 63.000 Asyl-Erstanträge.
  • In Frankreich waren es rund 57.000 Anträge.
  • Großbritannien registrierte 31.070 Anträge.
  • In Ungarn wurden 41.215 Erstanträge gestellt.
  • Und in Spanien nur 5460.
  • Nach Griechenland kamen zwar im Jahr 2014 laut Angaben des UNHCR 43.500 Flüchtlinge über das Mittelmeer, in dem Land wurden aber nur etwa 7500 Erstanträge gestellt. Diese Diskrepanz ist damit zu erklären, dass es in Griechenland oft nicht möglich ist, einen Asylantrag zu stellen.

Relativ zur Bevölkerungszahl

Deutschland nimmt in absoluten Zahlen die meisten Flüchtlinge auf, bezogen auf die Einwohnerzahl aber nicht. Hier liegen andere Länder für das Jahr 2014 deutlich vorne - zum Beispiel Schweden mit etwa 7,8 Asyl-Erstanträgen pro 1000 Einwohnern, Ungarn mit 4,2 pro 1000 oder das kleine Malta, wo drei neue Asylbewerber auf 1000 Einwohner kommen. Aber auch Dänemark (2,5 pro 1000), Schweiz (2,7 pro 1000), Norwegen (2,5 pro 1000) liegen vor Deutschland. Bei uns kommen rund 2,1 Asylbewerber auf 1000 Einwohner.

In Frankreich hingegen ist die Quote für 2014 deutlich niedriger und liegt bei nur rund 0,9 Asylbewerbern pro 1000, weniger noch verzeichneten Finnland (0,6 pro 1000), Großbritannien (etwa 0,5 pro 1000), Spanien (0,1 pro 1000) und Tschechien (0,09 pro 1000).

Was würde sich bei einer Quote ändern?

Wissenschaftler vom Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration haben für die Jahre 2009 bis 2013 ein Quotensystem mit den Faktoren Wirtschaftskraft, Einwohnerzahl, Fläche und Arbeitslosenquote ausgerechnet. Deutschland müsste demnach rund 15 Prozent der Flüchtlinge in Europa aufnehmen. Bezogen auf den Zeitraum der vier Jahre hätte Deutschland rund 18 Prozent mehr Asylbewerber aufgenommen, als es dem Modell zufolge gemusst hätte - für Griechenland liegt dieser Wert bei 75 Prozent und für Schweden sogar bei 275 Prozent. Spanien und Portugal und auch Italien hingegen hätten zwischen 2009 und 2013 deutlich mehr Asylbewerber aufnehmen müssen. Rechnet man dieses Modell nur für das Jahr 2014 um, hätte Deutschland nur rund 75.000 Asylbewerber zugeteilt bekommen. Großbritannien hätte jedoch zum Beispiel rund 20.000 Flüchtlinge mehr aufnehmen müssen, als es tatsächlich hat.

Steigerung

Obwohl im Jahr 2014 44 Prozent mehr Asylsuchende nach Europa kamen als im Jahr davor, hat sich die Zahl nicht in allen Ländern erhöht. So ging in Frankreich die Zahl der Asylbewerber von Ende 2013 bis Ende 2014 sogar um einen Prozentpunkt zurück. In Deutschland hingegen gab es bei den Erstanträgen einen Zuwachs um 59 Prozent, in Italien um 154 Prozent. In Ungarn verzehnfachte sich die Zahl der Flüchtlinge, die einen Asylantrag in 2014 stellten, sogar beinahe.

Herkunftsländer

Die Eurostat-Behörde hat die 30 häufigsten Herkunftsländer erfasst, aus denen 2014 Flüchtlinge in die EU kamen. Bei 18 dieser Länder liegt Deutschland als Ziel vorn - das heißt, es nimmt zahlenmäßig unter allen EU-Ländern plus Norwegen, Island, Liechtenstein und Schweiz die meisten Flüchtlinge aus diesen Staaten auf. Das galt zum Beispiel für Flüchtlinge aus Serbien, Syrien, Somalia, Irak, Eritrea und Bosnien-Herzegowina. So stellten 33 Prozent der Syrer, die in der EU ankamen, ihren Asylantrag in Deutschland, 45 Prozent der irakischen Flüchtlinge und sogar 88 Prozent der serbischen Migranten.

Nach Italien kamen 2014 am meisten Flüchtlinge aus sechs Ländern: Gambia, Senegal, Mali, Nigeria, Pakistan und Bangladesch. Frankreich lag bei dieser Rechnung bei vier Herkunftsländern vorne, zum Beispiel bei Flüchtlingen aus der Demokratischen Republik Kongo (74 Prozent) und China (54 Prozent). Schweden nahm im Vergleich zu den anderen Ländern am meisten staatenlose Migranten auf, Ungarn am meisten Flüchtlinge aus dem Kosovo.

Anerkennung der Asylbewerber

Asylbewerber aus Syrien werden fast immer anerkannt - in der EU 2014 zu 95 Prozent. Migranten aus dem Westbalkan bekommen dagegen meist kein Asyl, weil sie aus rein wirtschaftlichen Gründen fliehen. Diese Tendenz lässt sich für die ganze EU feststellen. Insgesamt lag die Anerkennungsquote bei Asylanträgen in der EU im Durchschnitt für 2014 bei rund 45 Prozent. Allerdings variieren diese Werte in den einzelnen Ländern. Wie viele Asylanträge anerkannt werden, hängt maßgeblich von der Herkunft der Flüchtlinge ab. Stammen sie aus einem Kriegsgebiet? Treibt sie Armut oder Perspektivlosigkeit? Die Herkunft der Asylbewerber müsste daher bei einer Verteilung nach einem Schlüssel unbedingt bedacht werden.

Fazit: Deutschland ist Vorreiter bei der Aufnahme von Flüchtlingen - andere große europäische Industrienationen wie Frankreich und Großbritannien leisten deutlich weniger, kleine Staaten wie Schweden oder Ungarn dafür nehmen proportional viel mehr Asylbewerber auf als Deutschland. Bei dem Zustrom der Flüchtlinge spielen unterschiedlichste Faktoren eine Rolle - bestimmte Nationalitäten kommen vorwiegend in bestimmte Länder.

Wenn die europäische Flüchtlingspolitik neu geregelt würde und Flüchtlinge anhand von Faktoren wie Wirtschaftsleistung und Bevölkerungszahl nach Quoten auf die einzelnen Staaten verteilt würden, würde zwar auch Deutschland entlastet - andere Länder aber noch deutlich stärker. Spanien, Frankreich und Großbritannien hingegen müssten mehr Menschen aufnehmen.

Diese Grafik zeigt mögliche Verteilungen von Asylbewerbern nach verschiedenen Kriterien - auf Grundlage der Flüchtlingszahlen für das erste Halbjahr 2014.

  • Verteilung von Asylbewerbern auf die EU-Länder

    Die Grafik zeigt die Zahl aller Asylanträge (Erst- und Folgeanträge), die in den einzelnen Ländern im ersten Halbjahr 2014 gestellt wurden. Die Verteilung nach BIP und Einwohnern ist angelehnt an den Königsteiner Schlüssel, wobei hier das Bruttoinlandsprodukt statt dem Steueraufkommen herangezogen wird, um eine zwischeneuropäische Vergleichbarkeit zu gewährleisten. Das BIP ist mit zwei Dritteln gewichtet, die Einwohnerzahl mit einem Drittel.


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