Bürgerinitiative für die EU Wir wollen die Freude zurück!

Ja, die EU ist bürokratisch, schwerfällig, bürgerfern. Trotzdem kämpfen die Demonstranten von "Pulse of Europe" mit Leidenschaft für Europa. Eine der Gründerinnen erklärt, warum.

Die Europaflagge im Gesicht
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Die Europaflagge im Gesicht

Ein Gastbeitrag von Stephanie Hartung


Es kommt mir so vor, als habe es dieses "Europa" für meine Generation immer schon gegeben. Also für die Generation der in den Sechziger- und Siebzigerjahren Geborenen, die die Erfolge des sogenannten "Deutschen Wirtschaftswunders" von Kindesbeinen an genießen durften und für die der Krieg bestenfalls durch die Erzählungen der eigenen Eltern und Großeltern ein Gesicht erhielt. Natürlich waren da auch das geteilte Deutschland und der Umstand, politisch und geografisch zwischen den Weltmächten USA und der damaligen Sowjetunion zu stehen und das Ringen um eine eigene, eine neue deutsche Identität. Aber für meine Altersgruppe gab es von Anfang an eben auch dieses Staatengebilde, das über die Grenzen von Deutschland hinausgeht, das Mitte der Achtzigerjahre mit dem Schengener Abkommen die Grenzkontrollen zu vielen Nachbarländern abschaffte und das zu Beginn der Neunzigerjahre schließlich in der formellen Gründung der Europäischen Union mündete. Irgendwie ganz selbstverständlich!

Zur Autorin
  • Stephanie Hartung aus Frankfurt am Main ist die Pressesprecherin von "Pulse of Europe". Sie ist Rechtsanwältin und Schiedsrichterin. Die Bürgerinitiative demonstriert jeden Sonntag um 14 Uhr in zahlreichen deutschen und europäischen Städten für den Erhalt der und ein positives Bekenntnis zur Europäischen Union.
  • Website der Initiative: "Pulse of Europe"

Ich verbinde mit Europa Begriffe wie "Friedensgemeinschaft", "Völkerverständigung" und "Zukunft". Das offizielle Motto der Europäischen Union, "In Vielfalt geeint", spricht mich persönlich sehr an. Denn ich bin stolz auf die kulturelle Vielfalt, die das Gesicht der europäischen Union prägt und die im internationalen Vergleich einmalig ist. Und es gibt mir ein Gefühl von Sicherheit, neben der deutschen auch eine europäische Identität zu haben, auf die ich ebenfalls stolz bin.

All das aber wird nun infrage gestellt. Großbritannien will die Europäische Union verlassen, obgleich viele junge Briten dies offenbar ablehnen und sich um ihre Zukunft betrogen fühlen. Der neue US-amerikanische Präsident hingegen begrüßt die britische Abspaltung von der EU. Dabei hatten die betroffenen Wählerinnen und Wähler doch weder ein positives Brexit-Votum noch die Wahl von Donald Trump so richtig auf dem Schirm - als sie aufwachten, da war's passiert! Und beachtliche Tendenzen zu Abspaltung und Nationalisierung prägen das Parteienspektrum etwa in den Niederlanden, Frankreich und auch bei uns selbst. All das bewegt mich schon sehr und stimmt mich nachdenklich. Aber was tun?

In diese Situation innerer Unruhe hinein kam im November 2016 der Aufruf des Ehepaars Daniel und Sabine Röder aus Frankfurt am Main, zweier Rechtsanwälte und Mediatoren, die ich aus dem beruflichen Umfeld kenne. Sie forderten, den Sprung vom Sofa auf die Straße zu wagen und sich dort sichtbar und hörbar für den Erhalt einer geeinten und rechtsstaatlichen Europäischen Union einzusetzen. Ich musste nicht lange überlegen und verpflichtete mich spontan dieser hoffnungsvollen Bewegung, die kurze Zeit später mit der Gründung eines Vereins "Pulse of Europe" durch acht Europafreunde im Januar 2017 in Frankfurt am Main ihren Anfang nahm.

"Niemand verliebt sich in einen Binnenmarkt"

Und darum geht es uns: Wir möchten die Menschen wachrütteln, ihnen vermitteln, dass die Zukunft der Europäischen Union auf dem Spiel steht, wenn wir diesen historischen Moment verpassen, uns jetzt aktiv einzubringen. Jean-Claude Juncker hat in seiner Eigenschaft als Gesicht der Europäischen Union kürzlich verkündet, er werde 2019 nicht zur Wiederwahl als Kommissionspräsident antreten. Es fehle ein Grundeinverständnis der Mitgliedstaaten über Europa. Auch sei es für ihn keine Zukunftsaufgabe, sich täglich mit dem Ausscheiden eines Mitgliedslandes beschäftigen zu müssen.

Dieser erschreckenden Resignation treten wir entgegen und ermutigen alle Bürgerinnen und Bürger, ein emotionales Bekenntnis zur Europäischen Union abzugeben. Wir wollen schlicht und ergreifend die Freude zurückholen: Die Europäische Union muss endlich wieder positiv besetzt und vom Ruf befreit werden, ein technokratisches Monster zu sein. Daneben verlangen wir von der Politik, dass sie das Thema "Europa" auf der Agenda endlich ganz oben ansiedelt. Der Reformstau in der EU ist zweifelsohne riesig, aber Reformieren lässt sich nun einmal nur, was nicht leichtfertig nationalistischen Bestrebungen zum Opfer fällt. Dem möglichen Vorwurf, wir seien "EU-Romantiker", setzen wir entgegen, dass es europäische Solidarität nur geben kann, wenn man den Menschen in den anderen EU-Mitgliedstaaten auch herzlich verbunden ist - und nicht nur wirtschaftlich. Von Jacques Delors stammt die Erkenntnis: "Niemand verliebt sich in einen Binnenmarkt."

Es ist doch offensichtlich, dass es viel leichter ist, sich gegen etwas zu stellen, etwa gegen die reformbedürftige EU mit all ihren ungelösten Problemen, als sich für etwas stark zu machen, etwa für den Erhalt der EU als dem erfolgreichsten Friedensbündnis der Nachkriegszeit. Und deshalb ist es nicht nur erlaubt, sondern unserer Auffassung nach allerhöchste Zeit, sich auch einem schwierigen Thema wie der Frage nach der Zukunft der Europäischen Union emotional zu nähern, die Menschen wieder für die europäische Idee zu begeistern und so zu vermitteln, dass ein friedensicherndes Staatenbündnis in Europa alternativlos ist. Ein Austritt aus der EU löst keine Probleme, sondern schafft viele neue - für alle Beteiligten!

Ich möchte mich als Teil von "Pulse of Europe" dafür einsetzen, dass die Menschen in der Europäischen Union einen gemeinsamen "europäischen Pulsschlag" fühlen, sich auf die eigentlichen Errungenschaften der Europäischen Union zurückbesinnen und ihr die Chance auf eine bessere Zukunft einräumen. Dazu braucht es proeuropäische Parteien, die von proeuropäischen Wählerinnen und Wählern mit der Reform der Europäischen Union beauftragt werden.

In nur zehn Wochen hat es "Pulse of Europe" geschafft, dass sich etwa 30.000 Menschen in über 60 Städten aus elf EU-Mitgliedstaaten für diesen Ansatz begeistern und dafür auch öffentlich einstehen. Hunderttausende begleiten "Pulse of Europe" überdies in den sozialen Medien. Und täglich werden es mehr. Irgendwie ganz selbstverständlich!



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insgesamt 55 Beiträge
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d.b.licht 25.03.2017
1. Freude! - mir aus dem Herzen gesprochen!
Dass da eine Verbindung ist von "Freude, schöner Götterfunken" und "Alle Menschen werden Brüder, wo dein (.... also der Freude....) sanfter Flügel weilt" - wie schön, wenn es viele so sehen. Und jeder kennt es aus der eigenen Familie: natürlich hat man (hoffentlich) Freude an ihr; trotzdem ist sie reich an Problemen. Konzentriert man sich auf die Probleme: schwindet die Freude. Konzentriert man sich auf die Freude: ist der Weg zur Lösung bald gefunden. Darum: Daumen hoch für diese Bewegung. Ich bin dabei.
nonick93 25.03.2017
2. Was hat die EU denn gebracht?
Ich sehe ausschließlich nur Nachteile. Der Frieden nach dem Krieg hat nichts mit der EU zu tun, das hat etwas damit zu tun, dass alle Europäischen Länder Demokratien wurden. In der Geschichte hat noch niemals eine Demokratie einer anderen den Krieg erklärt. Was die EU gebracht hat sind horrende Schulden aufgrund einer von unfähigen Politikern entgegen dem Rat aller Sachverständigen eingeführten Währung, die niemand haben wollte, Streit zwischen den Völkern, wie er vor der EU, nach dem Krieg, niemals da gewesen war. Zudem sind alle Politiker in der EU absolut unfähig. Nicht einmal die Grenzen können sie schützen, was die Grundaufgabe eines jeden Staates oder Staatenverbundes ist. Weill oihne Grenzschutz braucht niemand einen Staat, da kann man lieber sein Haus selbst bewachen. Die einzige Chance dieses absolut gescheiterte Projekt versuchen zu retten wäre, wenn alle verantwortlichen Politiker sofort zurück treten. Und die Journalisten am besten auch gleich. Man kann diese unfähigen Diletanten einfach nicht mehr ertragen.
brüggebrecht 25.03.2017
3.
Danke! Sehe ich alles genau so und werde mich in Zukunft für Pulse of Europe engagieren. Wir dürfen nicht leichtfertig aus der Hand geben, was unsere Eltern und Großeltern unter so großen Mühen aufgebaut haben und was unseren Kindern eines Tages schmerzlich fehlen könnte.
schnapporatz 25.03.2017
4. ...
Eine EU müßte komplett neu aufgestellt werden. Am wichtigsten sind dabei direktdemokratische Regelungen /Entscheidungen auf allen Ebenen und ein sofortiges Verbot der Großlobbys.
intyrannus 25.03.2017
5.
Ein sehr guter, wichtiger Kommentar und auch Initiative! Aber: um die Menschen dauerhaft fuer Europa zu aktivieren bedarf es eines Plans, wie wir Europa weiter gestalten und 'managen'; denn: 'a goal without a plan is just a wish' (A.d.St.Ex.)
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