Von Carolin Lohrenz
Ein Reformer zieht sich zurück, ein Egomane dröhnt sich auf die Titelseiten. Nach der Rücktrittsankündigung Mario Montis und den ersten Verbalattacken des wieder auferstandenen Silvio Berlusconi standen weite Teile der italienischen Presse diese Woche sichtlich unter Schock. Mit Ausnahme von Tageszeitung "Il Giornale" aus dem Hause Berlusconi.
Ehrlich, ich gehöre nicht zu jenen, die in tiefe Trauer verfallen, Professor Monti anflehen, nicht zurückzutreten, und sich bei ihm für die getane Arbeit bedanken", schrieb Direktor Alessandro Sallusti. Er wolle sich "... auf die Seite der Tausenden Arbeiter und Unternehmen stellen, die unter der strahlenden Regierung Monti ihren Arbeitsplatz verloren haben oder ihre Firma schließen mussten. [ ]
Niemand kann von der sogenannten internationalen Glaubwürdigkeit leben. Lasst uns die Demokratie wieder herstellen, die vor etwas mehr als einem Jahr durch den Staatspräsidenten auf Eis gelegt wurde. Lasst uns wieder die nationale Souveränität in die Hand nehmen, die sinnlos an die Banken und das deutsche Europa übergeben wurde. Lasst uns wieder frei entscheiden, handeln und auch leiden, wenn es sein muss. [ ] Wir sollten stolz auf unseren Mut sein, die Regierung von Technokraten zu Fall gebracht zu haben.
"Il Giornale", Mailand, 9. Dezember
Anders war die Stimmung bei den Kollegen von "La Stampa", wo sich Mario Calabresi frustriert anhörte.
Nachdem wir zwölf Monate versucht haben, ein Problem nach dem anderen zu behandeln, stehen wir wieder vor dem Chaos und laufen Gefahr, übereilte politische Entscheidungen zu treffen. Nach all den Anstrengungen und Opfern haben wir das wirklich nicht verdient. Es wäre Zeit, dass auch Italien ein normales Land wird, berechenbar und vielleicht sogar langweilig. Ein Land, dessen man sich nicht zu schämen braucht, das zu Europa gehört und auf dessen Stimme gehört wird. Ein Jahr lang waren wir fast so weit.
"La Stampa", Turin, 10. Dezember
In "La Stampa" berichtete der ehemalige "Economist"-Chef, Bill Emmott, wie pessimistisch ihn seine Arbeit am eben abgeschlossenen Dokumentarfilm "Ein Land im Koma" gemacht hat.
Mir wurde immer bewusster, wie riesig der Widerstand aller möglicher Interessengemeinschaften gegen den Wandel und die Reformen in Italien ist. Dieser Widerstand war im letzten Jahr das größte Problem von Regierungschef Mario Monti. Er dachte, er könne solche Interessengemeinschaften - Gewerkschaften oder große Unternehmen, Fachverbände oder Rentner - davon überzeugen, dass alle ein paar Zugeständnisse machen und ein paar Privilegien zugunsten des Allgemeinwohls aufgeben würden, und dass sie das dann auch tun würden. Etwa so wie sich Länder bei Abrüstungsverhandlungen darauf einigen, ihre Panzer und Raketen aufzugeben. Doch bis jetzt hat das nicht funktioniert.
"La Stampa", Turin, 11. Dezember
Denn nun ist er wieder da, Silvio Berlusconi, "Wie Unkraut, das nicht vergehen will", schrieb in Rotterdam das "NRC Handelsblad": "Selbst einer wie er hat in einer Demokratie das passive Wahlrecht." Aber der Cavaliere will Mario Monti mittels vorwurfsvoller Wortwerke wie "Germanozentrische Politik" und "Was kümmern uns Risikoaufschläge" zeigen, wo es lang geht.
Realitätsverlust attestierte ihm dabei "ABC" aus Spanien. "Die Feier geht weiter. Merkel bezahlt!", schrieb Gabriel Albiac. Er sieht Berlusconi gar Scherbenhaufen einsammeln wie Mussolini 1922 und unter dröhnendem Party-Lärm bis nach Rom tanzen.
Als die EU beschloss, ihn sanft Richtung Ausgang zu schieben, war es schon zu spät. Monti hatte ein Jahr, um die Bilanzen ein bisschen in Ordnung zu bringen. Und jetzt ist Bunga-Bunga wieder da. Risikoprämie? Was ein Unsinn! Noch eine Runde für alle! Sie geht auf Merkel.
"ABC", Madrid, 12. Dezember
Abgesehen von der Zerstörung des "wohlverdienten Finales der Monti-Regierung" könne dabei viel Porzellan zerschlagen werden, schrieb in London der "Guardian".
Darunter leiden wird vor allem Italiens Ruf als einem stabilen Land. Dabei war es Monti in relativ kurzer Zeit gelungen, den Rest der EU und vor allem Deutschland von dem positiven Image seines Landes zu überzeugen. Und letzten Endes wird dies dazu führen, dass ein stark vereinfachendes Bild der Euro-Krise den Wahlkampf in Italien prägen wird. Das könnte dann schnell ausarten und in eine Reihe anti-deutscher Tiraden umschlagen.
"The Guardian", London, 10. Dezember
Die Deutschen müssten sich in der Tat damit abfinden, jetzt in den italienischen Wahlkampf verwickelt zu sein, schrieb Luigu la Spina in "La Stampa" und bemühte sich um Aufklärung der Vorurteile auf beiden Seiten.
Die Deutschen - Presse, Politiker und Bundeskanzlerin - haben die subtile Enttäuschung der Italiener nicht wahrgenommen. Sie haben sie missverstanden. Die Italiener hatten sich keine geheimen "Rabatte" erhofft, nur eine großzügigere Haltung [in der Euro-Krise]. Im Namen dieses solidarischen Europas, das die Deutschen gern preisen. Die Enttäuschung in Italien ist so groß, das sie sich leicht in einen deutschfeindlichen Populismus verwandeln kann. [...] Mario Monti hatte in Deutschland einen so durchschlagenden Erfolg, das er nicht nur mit einem "Deutschen" verglichen wurde (ein schöneres Kompliment kann ein Deutscher einem Italiener wohl nicht zollen), sondern sich auch die persönliche Wertschätzung der Bundeskanzlerin erwerben konnte. Paradoxerweise könnte das heute zu einem Hindernis werden."
"La Stampa", Turin, 12. Dezember
"Il Sole 24 Ore" sieht Berlusconi dagegen chancenlos. Im Inland müsse er so weit nach rechts rücken, dass er unwählbar werden könnte. Und im europäischen Ausland stehe er auf der schwarzen Liste.
Die Abfuhr, die Berlin Berlusconi infolge seiner Vorwürfe erteilte, zeigt klar, dass es kein Comeback für den einst so charismatischen Politiker geben kann. Europa hat ihn abgeschrieben und sieht ihn nur noch als störendes Element. Früher hätte Berlusconi mit den heftigen Angriffen ausländischer Regierungen neue Stimmen gewonnen. Heute ist dem nicht mehr so. Auf der Bühne steht nur mehr ein einsamer, verzweifelter Mann. Logik und gesunder Menschenverstand sollten ihn dazu veranlassen, sich zurückzuziehen. Es ist noch nicht zu spät für eine realistische Entscheidung.
"Il Sole 24 Ore", Mailand, 12. Dezember
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Außenspiegel | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH