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15. Februar 2013, 14:43 Uhr

Medienecho zum Rücktritt

Revolution des Retro-Papstes

Von Carolin Lohrenz

Hat Benedikt XVI. das Amt entzaubert? So kommentiert Europas Presse den Rücktritt: Er stehe für eine "kopernikanische Wende", schreibt "El País". Sein "revolutionärster Schritt", meint "La Stampa". Ein Angriff "auf seine Magie und seinen Spiritualismus", urteilt der polnische Radiosender TOK FM.

Mehr Bürde als Würde. Benedikt XVI. ist sein Amt zu schwer geworden. Er gab es ab und machte Europas Medien damit die größte Überraschung der letzten acht Jahre.

Für "El País" in Madrid ist der Abgang ein "innovativer Meilenstein in der Geschichte des Vatikans".

Es war eine kopernikanische Wende, die wahrscheinlich auf seine intellektuelle Disziplin und Doktrin zurückzuführen ist, gegen die in dieser versteiften Institution immer wieder auch Kritik laut wurde. Das ist ein Beweis für die Innovationskraft, die manchmal von der strengsten Orthodoxie ausgehen kann. Sein vorzeitiger Rücktritt ist ein eindeutiges Signal der Verantwortungsübernahme an eine überalterte katholische Kurie.
"El País", Madrid, 12. Februar

Auch "SME" sieht den Rücktritt positiv. Verantwortungsbewusstsein habe sowohl Amt als auch Ausscheiden des Papstes geprägt. Pragmatisch deutsch, findet die Zeitung aus Bratislava.

Obwohl Papst Benedikt XVI. schon eine ganze Weile in Rom lebt, sind seine Denkweisen und sein Feingefühl doch noch immer deutscher Prägung. Was ihn auszeichnet? Sein Verantwortungsgefühl, sein Pflichtgefühl und sein Bedürfnis, funktionierende Institutionen zu schaffen. Seine Entscheidung ist die letzte Konsequenz, die er aus allen rationellen und praktischen Argumenten ziehen musste. Er, der so oft als Traditionalist betrachtet wurde, fällt damit eine Entscheidung, die problemlos als moderne Managemententscheidung gewertet werden kann.
"SME", Bratislava, 12. Februar

"La Stampa" in Turin schiebt dagegen der Moderne die Schuld zu und beklagt "die Schwierigkeit, in einer Technologie- und Informationsgesellschaft alt zu werden".

Ratzinger wird im Moment seines Rückzugs heute von allen mit Karol Wojtyla verglichen, der seinen Leidensweg tapfer ging und sein Kreuz bis zum Schluss trug. Doch Ratzinger ist sich auch der Schäden bewusst, die aus mangelnder Energie heraus entstehen können. Benedikt XVI. weiß, dass der Leidensweg seines Vorgängers auch das Fehlen einer Führung in der Kirche mit sich brachte - er weiß es aufgrund aller ungelösten Probleme und innerkirchlichen Zwistigkeiten, die ihm dieser hinterlassen hatte. Er trat ihnen mit Mut entgegen, doch vielleicht bewog ihn auch das Bewusstsein, dass Führung eine gewisse Stärke benötigt, dazu, sich nun zurückzuziehen, um seinem Nachfolger nicht wieder Schwierigkeiten zu hinterlassen. Vielleicht der revolutionärste Schritt, den er je getan hat.
"La Stampa", Turin,13. Februar

Auch in Polen wurden die wenigen Schritte vom Traditionalisten bis zum Reformer reich kommentiert. Der Professor und ehemalige Dominikanerpater Tadeusz Barto erklärte gegenüber dem Radiosender "TOK FM":

Man stellt sich den Papst immer als eine Person vor, die dieses Amt bis zum Ende ihres Lebens bekleidet. Mit seiner Entscheidung greift Benedikt XVI. die Magie und den Spiritualismus [des Amtes] an. Johannes Paul II. verkörperte die Mission, den Messias, eine Ikone mit einer charismatischen Botschaft. Niemand konnte sich vorstellen, dass der polnische Papst aus gesundheitlichen Gründen zurücktritt, was man ihm zudem übel genommen hätte. Benedikt XVI. ist ein Mann eines anderen Schlages. Der rational denkende Papst hat eine rationale Entscheidung getroffen.
"Wiadomosci Gazeta", Warschau, 12. Februar

In "Il Fatto Quotidiano", säkulare Redaktion aus Rom, schien Benedikt unter der Feder des Hauskarikaturisten schlicht die Nase voll zu haben. Zum Thema "Was bleibt von Benedikt XVI." veröffentlicht das Blatt eine Liste mit den "B16-Fettnäpfchen", die sich in der Erinnerung an die päpstlichen Äußerungen zu Kondomen, Homosexuellen, Juden oder Muslimen erschöpfte.

Ähnlich liest sich der "Standard" in Wien: An Mut und Fortschrittlichkeit habe es ihm als Kirchenoberhaupt gefehlt.

Er wird nicht als Reformer und Vertreter der Aufklärung im Kant'schen Sinne, sondern als Retro-Papst in Erinnerung bleiben. Er hat zugelassen, dass Positionen des Zweiten Vatikanischen Konzils infrage gestellt wurden, und keine Schritte gesetzt, die die Ökumene vorangebracht hätten.
"Der Standard", Wien, 12. Februar

"Diário de Notícias" in Lissabon sieht in Benedikt XVI. dagegen eher den unbeirrbaren Streiter.

"Er kämpfte gegen Fälle von Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche an und gab sich nie damit zufrieden, sie lediglich 'offiziell' zu verurteilen [...]. Seine geistigen Arbeiten werden andere Wissenschaftler viele Jahrzehnte lang beeinflussen und als Bezugspunkt dienen. [...] Die Geschichte kann diesen bemerkenswerten Mann nicht einfach ignorieren."
"Diário de Notícias", Lissabon, 13. Februar

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