Medienecho zum Rücktritt: Revolution des Retro-Papstes

Von Carolin Lohrenz

Papst Benedikt XVI.: "Innovativer Meilenstein in der Geschichte des Vatikan" Zur Großansicht
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Papst Benedikt XVI.: "Innovativer Meilenstein in der Geschichte des Vatikan"

Hat Benedikt XVI. das Amt entzaubert? So kommentiert Europas Presse den Rücktritt: Er stehe für eine "kopernikanische Wende", schreibt "El País". Sein "revolutionärster Schritt", meint "La Stampa". Ein Angriff "auf seine Magie und seinen Spiritualismus", urteilt der polnische Radiosender TOK FM.

Mehr Bürde als Würde. Benedikt XVI. ist sein Amt zu schwer geworden. Er gab es ab und machte Europas Medien damit die größte Überraschung der letzten acht Jahre.

Für "El País" in Madrid ist der Abgang ein "innovativer Meilenstein in der Geschichte des Vatikans".

Es war eine kopernikanische Wende, die wahrscheinlich auf seine intellektuelle Disziplin und Doktrin zurückzuführen ist, gegen die in dieser versteiften Institution immer wieder auch Kritik laut wurde. Das ist ein Beweis für die Innovationskraft, die manchmal von der strengsten Orthodoxie ausgehen kann. Sein vorzeitiger Rücktritt ist ein eindeutiges Signal der Verantwortungsübernahme an eine überalterte katholische Kurie.
"El País", Madrid, 12. Februar

Auch "SME" sieht den Rücktritt positiv. Verantwortungsbewusstsein habe sowohl Amt als auch Ausscheiden des Papstes geprägt. Pragmatisch deutsch, findet die Zeitung aus Bratislava.

Obwohl Papst Benedikt XVI. schon eine ganze Weile in Rom lebt, sind seine Denkweisen und sein Feingefühl doch noch immer deutscher Prägung. Was ihn auszeichnet? Sein Verantwortungsgefühl, sein Pflichtgefühl und sein Bedürfnis, funktionierende Institutionen zu schaffen. Seine Entscheidung ist die letzte Konsequenz, die er aus allen rationellen und praktischen Argumenten ziehen musste. Er, der so oft als Traditionalist betrachtet wurde, fällt damit eine Entscheidung, die problemlos als moderne Managemententscheidung gewertet werden kann.
"SME", Bratislava, 12. Februar

"La Stampa" in Turin schiebt dagegen der Moderne die Schuld zu und beklagt "die Schwierigkeit, in einer Technologie- und Informationsgesellschaft alt zu werden".

Ratzinger wird im Moment seines Rückzugs heute von allen mit Karol Wojtyla verglichen, der seinen Leidensweg tapfer ging und sein Kreuz bis zum Schluss trug. Doch Ratzinger ist sich auch der Schäden bewusst, die aus mangelnder Energie heraus entstehen können. Benedikt XVI. weiß, dass der Leidensweg seines Vorgängers auch das Fehlen einer Führung in der Kirche mit sich brachte - er weiß es aufgrund aller ungelösten Probleme und innerkirchlichen Zwistigkeiten, die ihm dieser hinterlassen hatte. Er trat ihnen mit Mut entgegen, doch vielleicht bewog ihn auch das Bewusstsein, dass Führung eine gewisse Stärke benötigt, dazu, sich nun zurückzuziehen, um seinem Nachfolger nicht wieder Schwierigkeiten zu hinterlassen. Vielleicht der revolutionärste Schritt, den er je getan hat.
"La Stampa", Turin,13. Februar

Auch in Polen wurden die wenigen Schritte vom Traditionalisten bis zum Reformer reich kommentiert. Der Professor und ehemalige Dominikanerpater Tadeusz Barto erklärte gegenüber dem Radiosender "TOK FM":

Man stellt sich den Papst immer als eine Person vor, die dieses Amt bis zum Ende ihres Lebens bekleidet. Mit seiner Entscheidung greift Benedikt XVI. die Magie und den Spiritualismus [des Amtes] an. Johannes Paul II. verkörperte die Mission, den Messias, eine Ikone mit einer charismatischen Botschaft. Niemand konnte sich vorstellen, dass der polnische Papst aus gesundheitlichen Gründen zurücktritt, was man ihm zudem übel genommen hätte. Benedikt XVI. ist ein Mann eines anderen Schlages. Der rational denkende Papst hat eine rationale Entscheidung getroffen.
"Wiadomosci Gazeta", Warschau, 12. Februar

In "Il Fatto Quotidiano", säkulare Redaktion aus Rom, schien Benedikt unter der Feder des Hauskarikaturisten schlicht die Nase voll zu haben. Zum Thema "Was bleibt von Benedikt XVI." veröffentlicht das Blatt eine Liste mit den "B16-Fettnäpfchen", die sich in der Erinnerung an die päpstlichen Äußerungen zu Kondomen, Homosexuellen, Juden oder Muslimen erschöpfte.

Ähnlich liest sich der "Standard" in Wien: An Mut und Fortschrittlichkeit habe es ihm als Kirchenoberhaupt gefehlt.

Er wird nicht als Reformer und Vertreter der Aufklärung im Kant'schen Sinne, sondern als Retro-Papst in Erinnerung bleiben. Er hat zugelassen, dass Positionen des Zweiten Vatikanischen Konzils infrage gestellt wurden, und keine Schritte gesetzt, die die Ökumene vorangebracht hätten.
"Der Standard", Wien, 12. Februar

"Diário de Notícias" in Lissabon sieht in Benedikt XVI. dagegen eher den unbeirrbaren Streiter.

"Er kämpfte gegen Fälle von Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche an und gab sich nie damit zufrieden, sie lediglich 'offiziell' zu verurteilen [...]. Seine geistigen Arbeiten werden andere Wissenschaftler viele Jahrzehnte lang beeinflussen und als Bezugspunkt dienen. [...] Die Geschichte kann diesen bemerkenswerten Mann nicht einfach ignorieren."
"Diário de Notícias", Lissabon, 13. Februar

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1. Die letzten Dinge.
Modest 15.02.2013
Wir Menschen leben im Nebel und Dunst in einer Gedankenwelt, deren Blickrichtungen für die Zukunft erschwert. Der Rücktritt von Papst Bendikt XVI. ist ein "formaler Akt" jedoch eine Entscheidung von gelebter Demut und Hingabe zu Gott. Diese Gottesliebe werden wir Menschen in allen Gedanken unterschiedlich interpretieren. Verstehen wird es erst die Nachwelt und die Erben. Ausgerechnet ein konservativer Theologe praktiziert, das was lange Zeit tabu gewesen zu schein war. Wenn nun manche Christen unter dieser Entscheidung leiden, bangen oder sogar spötteln, verraten diese, dass sie selbst im Dunst leben und ihre Unsicherheiten in Neugierde, Gerüchte und Spekulationen zum Inhalt ihrer Sorgen vortragen. Papst Bendikt XVI. hat die höchste Verantwortung und er hat diese getragen und Jesus hat auch geklagt und ist gefallen. Die "Auszeit" ist die Zeit um die letzten Dinge zu vollbringen wie Jesus in der Gründonnerstagnacht. Lassen wir den Papst auch so einsam zurück?
2. Mutiger Schritt
bertholdböckchen 15.02.2013
Man kann über Kardinal Ratzinger denken was man will, ob er als rückwärtsgewandter Dogmatiker oder als Papst, dem die Macht in seinen Händen weder willkommen war, noch dass er sie nutzen konnte, bzw. wollte, in Erinnerung bleiben. Dieser eine kleine Schritt macht den Kardinal zu dem, was er auch vorher schon war: zu einem kleinen zerbrechlichen Menschen, der weder Jesus und schon gar nicht Gottes Stellvertreter war oder ist. Ein Mensch mit einem durchaus symphatischen Zug.
3.
atech 15.02.2013
Auch die Medien können nur wenig Gutes über Benedikt XVI. sagen. Denn er hinterlässt einen Augiasstall: * mindestens drei der Kardinäle, die als Wahlmänner und potentielle Päpste ins Konklave ziehen werden, waren massiv in die Mißbrauchsfälle verwickelt. Der Papst hat sie nicht abgesetzt oder exkommuniziert. * die Vatikanbank steht weiterhin im Verdacht, ein Geldwäscheinstitut für die internationale Mafia, Diktatoren und korrupte Politiker zu sein. * die Probleme der Stellung der Frau in der Kirche, Empfängnisverhütung, Abtreibung, Homosexualität, Wiederverheiratung Geschiedener und vieles mehr bleiben ungelöst * Widerstand ist zwecklos: nach den Befreiungstheologen und liberalen Bibeltheologen traf es die amerikanischen Nonnen: Seelsorge für die Ärmsten wurde als "radikaler Feminismus" verdammt, die Frauenorden wurden vatikanischer Männeraufsicht unterstellt American Nuns Fight Back Against Vatican Crackdown (http://www.thedailybeast.com/articles/2012/06/01/american-nuns-fight-back-against-vatican-crackdown.html) Dagegen freuen sich die deutschen Muslime schon auf einen neuen Papst: "Von einem neuen Papst erhoffen wir uns, dass die katholische Kirche Anregungen gibt für ein gemeinsames Gespräch aller Gläubigen, wie wir den Herausforderungen des Säkularismus und Rationalismus begegnen können." Es sei, so Mazyek, "ein Problem für alle Gläubigen, ob Christen, Juden oder Muslime", dass "die spirituellen und religiösen Dimensionen des Menschen zurückgedrängt" würden.
4. Domine, quo vadis?
exvero 15.02.2013
Petrus floh während der Christenverfolgungen im Jahr 67 oder 68 n. Chr. aus Rom und begegnete vor der Stadt Christus. Petrus fragte ihn: „Domine, quo vadis?“. Als Christus antwortete, er gehe hin, um sich für ihn noch einmal kreuzigen zu lassen, sagte Petrus beschämt: „Herr, ich werde zurückkehren und dir folgen.“
5. Weichgespülter Hardliner
tispe 16.02.2013
Wie lässt sich dieser Rücktritt mit dem Glaubensverständnis, dass der Papst den Katholiken abverlangt in Einklang bringen?In keinster Weise.Sein Amt ist auf Lebenszeit, und sein Rücktritt ist kein sympathischer , menschlicher Zug, sondern ein Ausdruck seines, Versagens und zugleich Kritik an Gottes Entscheidung, ihn in dieses Amt zu erheben.(Schließlich wird im Konklave ja nach göttlicher Eingabe, und nicht nach politischen Gesichtspunkten gewählt- will man uns jedenfalls glauben machen!) Nein, nach seinem eigenen Glaubensverständnis hätte Benedikt Gott entweder um die Kraft für dieses Amt oder seinen baldigen Tod beten müssen. Kein Priester, der die Bürde des Zölibats nicht mehr ertragen kann darf laut Papst sein Amt niederlegen, um endlich die Frau die er liebt zu ehelichen, und seinen bereits vorhandenen Sprößlingen endlich ein guter Vater sein. Keine Frau, deren Ehe wegen körperlichen Übergriffen nur noch ein Jammertal ist, darf sich scheiden lassen.Keine Vergewaltigte, die nun Nachwuchs erwrtet,darf abtreiben:alle müssen Gott darum bitten, ihnen einen Ausweg zu zeigen oder ihnen die Kraft zu geben,weiter auszuhalten-so die katholische Lehre und Aussagen des Herrn Ratzinger.Aber der Clubchef erweist sich als Weichei und legt dieses Schwere Amt nieder-jetzt ist es endgültig Zeit, aus diesem Verein auszutreten.
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