Medienecho zur Zypern-Rettung: "Europas großer Irrtum"

Von Carolin Lohrenz

Proteste in Nikosia: "Ich spüre einen gewaltigen Zorn in mir aufsteigen" Zur Großansicht
AFP

Proteste in Nikosia: "Ich spüre einen gewaltigen Zorn in mir aufsteigen"

Der Druck auf Zypern wächst. Wie die Lösung der Krise auch aussehen mag: Für Europa wird sie weitreichende Folgen haben, schreibt die internationale Presse. In Zypern klagt "O Phileleftheros", die Bürger seien "Opfer einer Abzocke". Ganz klar, "die Merkel ist es wieder gewesen", spottet "El Mundo".

Das kleine Zypern stellt Europa auf die große Probe. Wie weit darf ein Staat gehen, und seine Bürger in die Verantwortung für überdimensionierte Banken nehmen? Und darf Europa ihn dazu zwingen?

Während in Nikosia am Dienstag die Geldhäuser immer noch dicht waren und der "International Herald Tribune" über orientierungslose Russen auf Zypern spottete, schrieb ein Journalist von "Phileleftheros", der größten griechischsprachigen Zeitung der Insel:

"Seit Samstagmorgen spüre ich einen gewaltigen Zorn in mir aufsteigen. Nicht nur wegen der Steuer auf die Bankguthaben - ich habe kein Geld, das ich verlieren könnte. Sondern vor allem, weil ich den Eindruck habe, dass man mich wieder einmal für dumm verkaufen wollte. Wie jeder andere Bürger dieses Landes, bin ich Opfer einer Abzocke. Einerseits muss ich die Suppe auslöffeln, die uns die zyprische Regierung eingebrockt hat, und andererseits muss ich das 'politische Spiel' unserer europäischen Partner hinnehmen."
"O Phileleftheros", Nikosia, 19. März

Deutschlands starres Ausharren und Wolfgang Schäubles Kritik am zyprischen Steuerparadies blieben in der angespannten Lage nicht unbeantwortet. Tags darauf polterte Aristos Mihailides in derselben Zeitung: Historisch gesehen habe die Insel keine andere Wahl gehabt als Steuerdumping:

"Um die beispiellose Entscheidung für eine Zwangsabgabe auf Bankguthaben zu rechtfertigen, sagte der deutsche Finanzminister, dass das Geschäftsmodell Zyperns 'nicht mehr tragfähig' sei. Wir sind überzeugt, dass die steuerliche Initiative mit den griechischen und zyprischen Ministern abgesprochen wurde. Haben sie daran erinnert, dass das zyprische Modell nicht von einer Meute Schlitzohren eingeführt wurde, sondern von einem europäischen Staat, der nach einer militärischen Invasion und einer Besatzung einen Weg finden musste, um zu überleben?"
"O Phileleftheros", Nikosia, 20. März

Jetzt braucht das Land aber zehn Milliarden Euro Hilfe. Laut dem Trouw-Cartoonisten Berend Vonk liegt es damit auf Platz fünf des Eurovision Crisis Contests und schiebt Europa auf eine neue Eskalationsstufe in der Euro-Krise. Mit dem Finger nun auf andere - und vornehmlich Richtung Berlin - zu zeigen, fand "El Mundo" aus Madrid zu einfach.

"An der neuen Euro-Krise sind nicht die Zyprer schuld, sondern Angela Merkel und ihre Regierung. Erklärungen gibt es zuhauf. Schuld ist nicht ein aufgeblähter Bankensektor mit Einlagen in Höhe von 128 Milliarden Euro in einem Land, das ein Bruttoinlandsprodukt von 17 Milliarden Euro erwirtschaftet, sondern die Bundeskanzlerin. Schuld sind nicht die Banken, die ohne mit der Wimper zu zucken 21 Milliarden Euro von russischen Oligarchen und noch einmal so viel von arabischen Millionären akzeptieren und sich nicht einmal nach der Herkunft der Gelder erkundigen, wie der deutsche Geheimdienst im November entdeckte. Die zyprischen Finanzinstitute bieten einfach internationale private Bankendienstleistungen zur Steueroptimierung an, wohingegen Merkel evangelisch ist."
"El Mundo", Madrid, 19. März

Die Insel sei ein "europäischer Irrtum", schimpft Arnaud Leparmentier in "Le Monde". Im Leitartikel sehnt sich der Autor "fast schon in die gute alte Zeit zurück, als man Kriege gewann und sich von den Besiegten, den zwangsläufig schuldigen Besiegten Reparationen auszahlen ließ".

"Heute funktioniert gar nichts mehr. Die zyprischen Parlamentarier haben sich geweigert, das Diktat von 2013 zu ratifizieren. Dabei hatte man ihnen doch gedroht. Nicht mit einem erneuten Einmarsch der Türken oder der Engländer, aber mit einem ruinösen Bankrott. Die ausländische Armee von heute ist der Euro. Leider ist der Waffenlärm für die Völker besser zu vernehmen als die finanziellen Crashs, die bis zum Eintritt der Katastrophe abstrakt bleiben."
"Le Monde", Paris, 20. März

Zypern, das Leichtgewicht der Euro-Zone, werde von der Euro-Gruppe aber zu hart angefasst, klagte in Brüssel die Wochenzeitung "European Voice".

"Falls es noch irgendwelche Ahnungslosen gibt, die glauben, dass die EU-Mitgliedschaft einem Land dieselben Rechte und Privilegien verleiht, die auch alle anderen Mitgliedstaaten genießen, dann sollten sie diese Illusionen schleunigst aufgeben. Die Art, wie Zypern vom Rest der Euro-Zone behandelt wird, liefert weitere Beweise dafür, dass die Europäische Union heute eine Organisation mit mehreren Geschwindigkeiten und mehreren Ebenen ist. Praktisch gesehen gibt es verschiedene Mitgliedschaftsgrade: Platin, Gold, Silber und - im Fall Zypern - die Unterklasse. Zypern wird nicht so behandelt wie Portugal oder Irland, geschweige denn Italien oder Spanien, und noch nicht einmal wie Lettland und Ungarn."
"European Voice", Brüssel, 21. März

Wo die Schuldigen schwer zu fassen seien und viel von Zypern als einem negativen Präzedenzfall geredet werde, sollte man die guten Seiten an der Krise aber nicht vergessen, schrieb in Prag das Wirtschaftsblatt "Hospodarske Noviny": Es schlage die Stunde der Bankenregulierung.

"Den Griechen und Spaniern wird gezeigt, dass es das nächste Mal, wenn jemand auf die Idee kommt, sich über die Rigidität der angebotenen Unterstützung zu beschweren, auch das Zypernszenario gibt. So sieht ein Quasi-Scheitern aus, ohne Parfum und Make-up, ohne das Hilfspolster von außen. [...] Die größere Ungewissheit wird zu größerer Vorsicht führen - und vielleicht zu einer besseren Regulierung."
"Hospodarske Noviny", Prag, 21. März

Dem stimmte die italienische Wirtschaftspresse unumwunden zu. Es biete sich jetzt die ideale Gelegenheit, so "Il Sole 24 Ore", um eine europäische Bankenaufsicht aufzustocken.

"Statt weiterhin zu versuchen, die gefährliche Verbindung zwischen Staat und Banken zu retten, sollte man die angekündigte Reform der EU-Aufsicht nutzen, damit die maroden europäischen Banken sofort von unabhängigen europäischen Organismen kontrolliert, beaufsichtigt - gegebenenfalls liquidiert - und dem Staat entzogen werden. Es bleibt jedoch der Kern des Problems, derentwegen sie überhaupt erfunden wurde: die Beziehung zwischen den Staaten und den Banken. [...] Wie kann ein Plan überzeugen, demzufolge Europa eingreift, wenn es den Banken schlecht geht, die Finanzinstitute jedoch national bleiben, wenn sie florieren? Weil man nicht fähig ist, den Gordischen Knoten zu lösen, ist man bereit, die Kontoinhaber zur Kasse zu bitten."
"Il Sole 24 Ore", Mailand, 21. März

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insgesamt 54 Beiträge
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1. Man sieht sie allenthalben
Karaja 22.03.2013
von einem zum nächsten europäischen Fehler stolpern. So macht europäische Einigung Spaß!
2. Objektivitaet
Fakler 22.03.2013
Der Artikel in el Mundo scheint ziemlich objektiv : http://www.elmundo.es/elmundo/2013/03/22/economia/1363943442.html? a=c8b73098c3e973bb5e03f54088990903&t=1363964958&numero= Unter anderem stellt er heraus dass Zypern nicht allein mit Deutschland ueber die Schulden verhandeln muss. Aber das duerfte ja klar sein dass wer zahlt das sagen hat. Die EU ist ja zuerest eine Wirtschaftgemeinschaft und die wird durch wirtschaftliche Interessen bestimmt.
3. Realität
ron_ben_david 22.03.2013
"El Mundo" kommt er Realität am nächsten mit ihrer Einschätzung.
4. neeeee, SPASS macht es nicht
arnowa33 22.03.2013
wenn groessenwahnsinnige beamtete "Politiker" aufnehmen in die EU egal wer kommt; Je mehr solcher Mitglieder je groesser der Trouble und er wird sich noch steigern da wir von BRUESSEL aus drittklassig "regiert" werden. Denken SIE mal an den Europapraesident und dessen Aussenbeauftragte , schlimmer geht's wohl nicht. Ich habe persoenlich keine Lust mich von diesen Dilettanten in den Abgrund fuehren zu lassen. In BRUESSEL zaehlt nur Eines: Kameraden, wir muessen unseren 5stelligen Mindestlohn verteidigen egal was kommt ! Eins auf den Deckel bitte, fuer ZYPERN und fuer diese E.U.
5.
nathanderweise73 22.03.2013
Lasst diejenigen, die sich nicht an die Spielregeln halten endlich pleite gehen....das Leben ist kein Ponyhof....
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Fläche: 9251 km²

Bevölkerung: 840.407

Hauptstadt: Nikosia (Lefkosa)

Staats- und Regierungschef: Nicos Anastasiades

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