Europas Presse über Deutschlands Sparkurs: "Aldi-Wirtschaft mit Flatrate-Bordellen"

Von Carolin Lohrenz

Mit dem deutschen Modell aus der Krise? Europas Presse warnt angesichts des Reformeifers ihrer Regierungen vor Schwachstellen der Agenda 2010. "Beispielloser Wettbewerbsdruck auf Angestellte", moniert "Le Monde" in Paris. "Büßerhemd-Philosophie", schreibt der Londoner "Economist".

Proteste in Spanien: "Deutschlands Nachbarn sollten das Modell nicht ganz übernehmen." Zur Großansicht
REUTERS

Proteste in Spanien: "Deutschlands Nachbarn sollten das Modell nicht ganz übernehmen."

Agenda 2010 für alle! Eine mögliche Übernahme des deutschen Sparkurses von Schuldenstaaten beschäftigt die Kommentatoren in der europäischen Presse. In Spanien bekam Regierungschef Rajoy unter dem Strich des "La Vanguardia"-Karikaturisten rote Ohren ob des Sparkanons. Und vor allem in Frankreich, wo der noch amtierende Präsident Sarkozy seine sämSprecher mit dem Waschzettel vom deutschen Wirtschaftswunder in die TV- und Zeitungsredaktionen schickte, regte sich Widerstand in den Kommentarspalten.

"Slate" in Paris bemühte wohl noch das Bild vom einst kranken Mann Europas, der sich in seiner zehnjährigen Aufholjagd zum Musterknaben mauserte. Aber den Preis dafür schob die Online-Zeitung gleich hinterher.

"Sicher hat Deutschland gelitten. Seine Sparkur war happig. Vergleicht man die Entwicklung der Gehälter, wird einem das Ausmaß klar: nach Berechnungen von CEO Rexecode kommt Deutschland bei einer Basis von 100 im Jahr 2000 heute auf gerade mal 101; gegen 126,2 in Spanien, 137,7 in Italien und 122,9 in Frankreich."
"Slate", Paris, 9. April

"Mehr schaffen für weniger Geld" in der "Aldi-Wirtschaft mit Flatrate-Bordellen". In den Niederlanden beschäftigt sich der "Groene Amsterdammer" auch mit der Wirkung der Schröderschen Reformjahre auf deutsche Frisöre, die für einen Hungerlohn von vier bis fünf Euro die Stunde schufteten. Dass gerade der Dienstleistungssektor von den Niedriglöhnen betroffen sei, entbehre jeglicher Logik. "Der internationale Wettbewerb spielt hier keine Rolle." Oder fahre der Leser zum Haareschneiden nach Niedersachsen?

"Deutschland scheint eher 'trotz' statt 'dank' der Berliner Politik zu wachsen. Die Exportwirtschaft stützt sich auf Spitzenqualifikationen und -technologien. Diese Stärken konnten sich dank politischer Entscheidungen in einer weit entfernten Vergangenheit entwickeln. Die aktuelle Politik des Lohndumpings trägt nicht dazu bei. Man kann sogar beobachten, dass die Reformen der letzten Jahre eine gegenteilige Wirkung hatten. Der Druck auf die Gehälter führt nicht nur zu Armut, sondern regt auch zu Dummheit an."
"De Groene Amsterdammer", Amsterdam, 14. April

In Frankreich schrieb "Le Monde" zu "unterbezahlt" noch "überfordert" dazu. Unter dem Stichwort "Burnout" rechnete die linksliberale Zeitung vor, wie sich "das soziale Klima in Deutschland verschlechtert". Die Entwicklung der Arbeitsbedingungen bedrohe die 'Haltbarkeit' des germanischen Wachstumsmodells. In 10 Prozent der Fälle sei ein Burnout für die Abwesenheit vom Arbeitsplatz verantwortlich; 2010 sei die Zahl der Todesfälle am Arbeitsplatz um 13 Prozent gestiegen, Berufskrankheiten um 2, Betriebsunfälle um 6 Prozent - Tendenz steigend.

"Die deutschen Arbeitnehmer sind einem beispiellosen Wettbewerbsdruck ausgesetzt. Seit der Krise ist die Kadenz ordentlich angestiegen. Die ehrgeizigen Arbeitgeber schreiben offene Stellen nicht aus. Mindestens eine Million Arbeitsplätze sind derzeit nicht besetzt. Die chronische Unterbesetzung steigert den Druck auf den einzelnen Angestellten. Die Hartz-Schröder-Reformen, die von französischen Arbeitgebern und Wirtschaftsexperten aus ihren Elfenbeintürmen heraus in den Himmel gelobt werden, haben innerhalb weniger Jahre Prekarität und Arbeitsarmut hervorgebracht. Sicher ist 'nur' eine (große) Minderheit von den Maßnahmen betroffen; aber trotz Rückgangs der Arbeitslosigkeit herrscht jetzt starke Angst."
"Le Monde", Paris, 10. April

"Die Lehren, die der Rest der Welt aus Deutschland ziehen sollte - und welche nicht", titelt der britische "Economist" und lieferte die liberale Analyse des Agenda-2010-Aufschwungs. Unter der Titelzeile "Modell Deutschland über alles" holten die betriebliche Mitbestimmung und das Ausbildungssystem viele Punkte. Die Top-Lehre aus Deutschland sei aber die Flexibilisierung des Arbeitsmarkts.

"Aber viele der Dinge, die in Deutschland funktionieren - sein Korporatismus, sein Mittelstand, seine Fertigungstalente - sind Teil einer alten Kultur, die nur schwer, wenn nicht gar nicht in ein anderes Land verpflanzt werden können. Auch sollten Deutschlands Nachbarn nicht versuchen, das Modell in seiner Gesamtheit zu übernehmen. Seine korporatistischen Beziehungen in der Industrie, zum Beispiel, helfen den Unternehmen dabei, die Löhne niedrig zu halten, aber ebenso können sie den Anteilseignern schaden. [...] Wichtiger als alles andere aber ist, dass die Büßerhemd-Philosophie des Landes, die Sparpolitik über Wachstum stellt, Sparen über Ausgeben, und die ausländische über die inländische Nachfrage, sich oft als schädlich erwiesen hat. Sie hielt den Lebensstandard der Deutschen trotz allen Wachstums unten. Und sie war eine Katastrophe für den Rest der Euro-Zone."
"The Economist", London, 14. April

Lust auf mehr Zusammenarbeit gab es dafür bei "Polityka" in Warschau. Sie feierte die Eintracht in der de facto "deutsch-polnischen Wirtschaftsregion", wo die Deutschen die Polen für Fleiß, Flair und Kreativität schätzten, die Polen die Deutschen für Professionalität und Ordnung.

"Vor zwanzig Jahren hätten Deutsche keinen Pfennig auf Polen gewettet. Nach dem Sturz des Kommunismus waren ihre Lieblinge in Mitteleuropa die Ungarn und Tschechen. [...] Die Ruhr-Arbeiter nennen Polen einen 'Billigstandort'. Aber Polen ist nicht mehr 'billig' genug, damit niedrige Lohnkosten die Verlagerung eines Standorts rechtfertigen würden. Heute zählt, dass die Arbeitskultur in Polen ähnlich ist."
"Polityka", Warschau, 18. April

Bevor nun also Europas Staaten sich ihre deutsche Agenda bastelten, sollten sie über "einige Webfehler im deutschen Modell" klar werden, formulierte der Wirtschaftsethikprofessor Philippe van Parijs im Brüsseler Standaard:

"Die starke Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands ist für das Ausland ein großes Problem. Um ihre Handelsbilanz ins Gleichgewicht zu bringen, betreiben die anderen Länder jetzt eine ähnliche Reformpolitik. So wird Deutschland jetzt wieder zum 'kranken Mann Europas' und braucht dringend neue Reformen."
"De Standaard", Brüssel, 18. April

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 42 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Wo denn Sparkurs?
derweise 20.04.2012
Zitat von sysopMit dem deutschen Modell aus der Krise? Europas Presse warnt angesichts des Reformeifers ihrer Regierungen vor Schwachstellen der Agenda 2010. "Beispielloser Wettbewerbsdruck auf Angestellte", moniert "Le Monde" in Paris. "Büßerhemd-Philosophie", schreibt der Londoner "Economist". Europas Presse über Deutschlands Sparkurs: "Aldi-Wirtschaft mit Flatrate-Bordellen" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,828687,00.html)
Wo denn Sparkurs? Hier scheint der Kompass verlorengegangen zu sein?! Gerade hat der Sachverständigenrat moniert, dass Deutschland viel zu viele Schulden macht!
2. Häme ausschütten
henkel-franklin 20.04.2012
Zitat von sysopMit dem deutschen Modell aus der Krise? Europas Presse warnt angesichts des Reformeifers ihrer Regierungen vor Schwachstellen der Agenda 2010. "Beispielloser Wettbewerbsdruck auf Angestellte", moniert "Le Monde" in Paris. "Büßerhemd-Philosophie", schreibt der Londoner "Economist". Europas Presse über Deutschlands Sparkurs: "Aldi-Wirtschaft mit Flatrate-Bordellen" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,828687,00.html)
Aber dann gleich die Früchte dieser Reform für sich selbst beanspruchen! Und nebenbei, die Löhne sind schon so tief gewesen vor 2010. Außerdem frage ich mich, wie denn die Schuldenmisere bitteschön gelöst werden soll? Wenn ein Topf leer ist, dann kann man nichts mehr aus seinem inneren verteilen! Nun ja, ich schätze mal, das gerade Journalisten, während ihrer Abiturzeit, das Fach Mathematik abgewählt haben!
3. ........
janne2109 20.04.2012
was haben Flatrate Bordelle mit dem Sparkurs zu tun?? Ja--- der Sparkurs ist in Deutschland am größten und richtig. Wer ihn nicht sieht hat eine Tomate auf den Augen
4.
Naclador 20.04.2012
Zitat von derweiseWo denn Sparkurs? Hier scheint der Kompass verlorengegangen zu sein?! Gerade hat der Sachverständigenrat moniert, dass Deutschland viel zu viele Schulden macht!
Das ist kein Widerspruch. Man kann bei Investitionen und Ausgaben im Bildungs- und Sozialbereich sparen und trotzdem hunderte Millarden für Bankenrettungen rauswerfen, so dass die Neuverschuldung oben bleibt.
5. Bloß nicht so werden wie die Deutschen
HerrPausB 20.04.2012
Abseits der so zutreffenden wie banalen Analyse der Lohnentwicklung in Deutschland, ist es schrecklich zu sehen, welche Stereotypen und Ängste immer noch in Europa geschürt werden.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Außenspiegel
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 42 Kommentare
Außenspiegel
Es liegt im Zentrum Europas, ist der "Wirtschaftsmotor" und wird von "Madame Non" regiert: Unsere Nachbarn haben ihre Meinung von Deutschland. Jede Woche liefert SPIEGEL ONLINE in Zusammenarbeit mit der zehnsprachigen Nachrichten-Website Presseurop das Beste aus der europäischen Presse und zeigt, wie Deutschland gerade in den Augen seiner Partnerländer dasteht.