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11. Januar 2013, 15:02 Uhr

Europas Presse über Steinbrück

Rammbock und perfekter Verlierer

Von Carolin Lohrenz

Gibt es ein Europa nach Angela Merkel? Europas Presse lotet Peer Steinbrücks Wahlchancen aus. Die "Polityka" porträtiert einen "Rammbock", der "Guardian" einen "ehrlichen, kompetenten Politiker", "La Vanguardia" sieht in ihm den "perfekten Verlierer".

Der Kanzler-Job schlecht bezahlt, der Frauen-Bonus dumm: Peer Steinbrücks Sprünge in den Fettnapf und ihr Nachhall in deutschen Medien lassen die europäische Presse an seinen Chancen bei der Bundestagswahl zweifeln. Die Sache mit dem "Problem-Peer", der als Herausforderer in Europas diesjährig wichtigster Wahl antritt, schafft quer über den Kontinent Bedenken.

Nashorn werde er in Berlin genannt, schreibt Wawrzyniec Smoczyski in der Warschauer "Polityka".

"Nicht nur wegen seiner dicken Haut, auch wegen seines ungestümen Wesens. Er galoppiert auf der politischen Szene Es gibt keinen anderen Politiker in der SPD, der die Regierung so heftig angreifen kann und Wirtschaftsfragen so überzeugend behandelt wie Steinbrück. [...] Er ist sich allerdings selbst der größte Feind. Er ist unglaublich eitel, ein ewiger Besserwisser, und sein Selbstbewusstsein grenzt an Arroganz. Er gehört zu den Menschen, die oft politische Gipfel erklimmen, aber selten Wahlen gewinnen. Steinbrück wird bewundert, erweckt jedoch kaum Sympathie. Er bleibt kalt, auch wenn er versucht, nett zu sein. Er versteckt seine Gefühle. Obwohl er seine Zähne nicht fletscht, so ist sein Mund doch verbissen und zu einem geheuchelten Lächeln verzogen, als ob er nie die Kontrolle über sich verlieren würde. Die SPD hat einen Rammbock gewählt, ihre einzige Chance, Merkel aus dem Sattel zu heben."
"Polityka", Warschau, 2. Januar

Aber während andere europäische Regierungschefs reihenweise aus dem Amt gefegt würden, profitiere die Kanzlerin von einer noch nie dagewesenen Situation, schreibt Thibaut Madelin in "Les Echos".

"Die sozialdemokratische Opposition ist über ihre eigene Kandidatenwahl bestürzt. Seit seiner Aufstellung tritt Peer Steinbrück in ein Fettnäpfchen nach dem anderen. Sein Freimut, den er gegenüber den Winkelzügen der Kanzlerin als Trumpfkarte ausspielen sollte, erweist sich als sein größtes Handicap. Nicht nur machte der SPD-Kandidat mit seinen Darbietungen als Luxusvortragender von sich reden, sondern er verstrickt sich auch im Image einer geldgierigen Kaviar-Linken. Das neue Jahr läutete er ein, indem er am Kanzlergehalt herumnörgelte, das seinem Geschmack nach nicht hoch genug ist."
"Les Echos", Paris, 9. Januar

Josef Kirchengast im Wiener "Standard" findet die Frage nach der Beschaffenheit des Kanzleramts durchaus diskussionswürdig. Zwischen der recht entlohnten Ehre und dem krass unterbezahlten Knochenjob schreibt er:

"Man kann [300.000 Euro brutto jährlich] mit gutem Grund für ausreichend halten, gerade in einer Zeit, da die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgeht. Steinbrück hingegen ist der Meinung, dass soziale Gesinnung und ausgeprägtes Leistungsdenken keine Widersprüche sind. Dass er dafür von Parteifreunden unter Hinweis auf den Wahlkampf geprügelt wird, hat etwas Heuchlerisches. Wann, wenn nicht vor Wahlen, soll ein Politiker sagen, was er denkt?"
"Der Standard", Wien, 3. Januar

Henning Meyer hält im "Guardian" die Kontroverse ebenfalls für etwas dünn. Deutsche Medien - mit Ausnahme von Wolfgang Münchau in "Financial Times" und SPIEGEL ONLINE - betrieben Steinbrück-Bashing und führen lieber persönliche Attacken gegen Steinbrück, statt seine Alternativvorschläge zu den Schlüsselthemen des Jahres zu beackern: Wirtschaftspolitik und Euro-Krise.

"Meiner Meinung nach ist dies auch der Grund dafür, dass die meisten Deutschen immer noch glauben, Angela Merkel leiste in der europäischen Politik gute Arbeit. Weder die Regierung noch die deutschen Medien haben die tatsächlich angefallenen Themen richtig erklärt. [...] Doch es ist auch ein Manko, das dieses Jahr ausgeglichen werden kann. Wahljahre sind Jahre der Debatten und der politischen Alternativen. Peer Steinbrück ist der Mann, der die Merkelsche Vision der Krise hinterfragen und die Diskussion in eine konstruktivere Richtung leiten kann. Und wenn sich die deutschen Medien anschließen und die wirklich vorliegenden Themen untersuchen, dann steht uns ein sehr interessantes Wahljahr bevor."
"The Guardian", London, 2. Januar

Tatsache sei aber auch, dass der Kandidat selbstverschuldet die gesamte SPD nach unten ziehe, schreibt in "Le Monde" Benoît Vitkine.

"Steinbrück hatte gehofft, während der Weihnachtspause wieder ein bisschen Oberwasser zu gewinnen, insbesondere durch seinen erneuten Vorschlag, ein Mindesteinkommen einzuführen. Doch seitdem Merkel selbst beschlossen hat, das Sozialrecht in den Mittelpunkt ihres Wahlkampfs zu stellen, lassen die Sozialdemokraten zu ihrem Lieblingsthema nicht mehr viel hören."
"Le Monde", Paris , 3. Januar

Und die Linkswende des Kandidaten, merkt die Mailänder Internetzeitung "Lettera43", koste ihn das Wohlwollen der Wirtschaft.

"Vorschläge wie die strengere Regulierung der Banken, die Erhöhung der Steuern auf die höchsten Einkommen und die Wiedereinführung der Vermögensteuer haben die Herzen höher schlagen lassen, aber die Unternehmer gezielt in Angela Merkels Arme getrieben. In Deutschland hat sich zwar noch kein Gérard Dépardieu zwecks Auswanderung gemeldet, aber für den Kandidaten der Sozialdemokraten hat die Alarmglocke schon geläutet: Ohne die Unterstützung der Unternehmer ist es in Deutschland schwierig, Wahlen zu gewinnen."
"Lettera43", Mailand, 19. Dezember

Das unerbittlichste Fazit der Woche zieht Rafael Poch in "La Vanguardia": Gegen eine Merkel, die "ganz oben auf der Beliebtheitswelle schwimmt", hat Steinbrück keine Chance.

"Der Schlüssel zur Merkelschen Welle ist einerseits ihre hohe Beliebtheitsquote: Merkel ist umgeben von Medien, die ihr gut gesinnt sind, und sie bewahrt ihre diskrete, ruhige Ausstrahlungskraft. Ihr zweiter Halt liegt in der Schwäche der anderen. Vor allem der SPD. [...] Peer Steinbrück ist ein Produkt, das perfekt zum Verlieren von Wahlen konstruiert ist. Im besten Fall kann er die zweite Geige in einer von Merkel angeführten großen Koalitionsregierung spielen."
"La Vanguardia", Barcelona, 10. Januar

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