Auslandspresse zur Bundestagswahl "Merkel eliminiert ihre Rivalen"

Angela Merkels Wahltriumph beschäftigt die Kommentatoren in den ausländischen Zeitungen. "Will sie nun ein deutsches Europa oder ein europäisches Deutschland", fragt die spanische "El Pais". So "vage" wie bisher könne die Kanzlerin jedenfalls nicht bleiben, heißt es bei "Les Echos" aus Paris.

Angela Merkel: Europa liegt der Kanzlerin "zu Füßen"
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Angela Merkel: Europa liegt der Kanzlerin "zu Füßen"

Von Katja Petrovic


"Angela Merkel eliminiert ihre politischen Rivalen", berichtet die polnische Tageszeitung "Rzeczpospolita". Der Leitartikler ist gespannt, auf welche Weise die "einflussreichste Frau der Welt" in ihrer dritten Amtszeit Deutschlands außergewöhnliche Leistungsfähigkeit in der EU nutzen wird:

Wird [das Land] an die pro-europäischen Traditionen früherer Bundeskanzler anknüpfen, oder wird es sich immer gefährlicher dem Bild annähern, das sich während der Demonstrationen in Griechenland auf den Transparenten in seiner drastischsten Version zeigte: Eine Merkel mit dem Schnurrbart des Führers? [...] Die neue deutsche Regierung muss zeigen, dass es möglich ist, sowohl vernünftige wirtschaftspolitische Entscheidungen zu treffen, gleichzeitig aber auch das Wirtschaftswachstum zu stimulieren und - was noch viel wichtiger ist - das Vertrauen der jungen Leute wiederherzustellen: Sie müssen wieder daran glauben, dass sie nicht länger dazu verdammt sind, ein schlechteres Leben zu führen als ihre Eltern und Großeltern. [...] Es ist Angela Merkels Aufgabe, dem Traum von der Attraktivität der EU für die zukünftigen Generationen neues Leben einzuhauchen [...].
"Rzeczpospolita", Warschau, 22. September

Angela Merkel "triumphiert", habe aber einen Sieg davon getragen, der ihr viele Pflichten aufbürdet, meint "Les Echos" aus Paris. Nach einem "richtungslosen" Wahlkampf fragt sich das französische Wirtschaftsblatt, was die Bundeskanzlerin nun wohl unternehmen wird:

Die Antwort hängt davon ab, ob die Kanzlerin in der Lage sein wird, allein oder mit den Sozialdemokraten zu regieren. Diesbezüglich muss der Elysee-Palast einen Rückschlag hinnehmen, denn dort hatte man lange Zeit gehofft, dass die Gegner Angela Merkels gewinnen werden. [...] Vom außenpolitischen Standpunkt betrachtet kann Berlin sich in Zukunft nicht mehr damit begnügen, so vage, inhaltslose und großzügige Reden über die Organisation Europas zu halten wie bisher. Genau diese Kriterien werden darüber entscheiden, ob Angela Merkel es auf die Liste der Bundeskanzler schafft, welche die Geschichte geprägt haben.
"Les Echos", Paris, 23. September

"Merkel gewinnt spielend", titelt "La Stampa". Die Tageszeitung aus Turin berichtet vom "Plebiszit" für die Partei der Bundeskanzlerin und hebt hervor, dass sich auch die SPD wacker geschlagen hat. Die Tatsache, dass die AfD und die Liberalen es nicht ins Parlament geschafft haben, beweise, dass die Krise der traditionellen Parteien, wie sie in anderen Teilen Europas diagnostiziert wurde, hier keinen Einzug gehalten hat. In den Augen der Tageszeitung wird es:

In Deutschland keinen politischen, wirtschaftlichen und finanziellen Kurswechsel geben. Den Sozialdemokraten fehlt es an alternativen Ideen. Und das wird auch in Zukunft so bleiben. Das wichtigste Ergebnis der gestrigen Bundestagswahl ist, dass es in Deutschland keine alternative Politik zu derjenigen gibt, die in den vergangenen Jahren von Merkel durchgesetzt wurde. Wahre und tonangebende Gesprächspartner gibt es wohl nur in Europa.
"La Stampa", Turin, 23. September

Von nun an liegt Europa Angela Merkel "zu Füßen", titelt "El Periódico". In den Augen der Tageszeitung aus Barcelona ist die Bundeskanzlerin "die Überlebende der Krise, der Sarkozy, Zapatero, Sócrates, Monti und Berlusconi zum Opfer gefallen sind":

Für Europa steht eines fest: Von nun an wird die Kanzlerin, auf die in nächster Zeit keine andere Wahl mehr zukommt, wieder viel mehr Entscheidungen treffen. Unklar aber ist, wie diese aussehen und in welche Richtung sie gehen werden, auch wenn sie bereits 'nein' zu den Eurobonds und der Vergemeinschaftung der Schulden gesagt hat. Wird sie Europa leiten und ein deutsches Europa oder vielmehr ein europäisches Deutschland wollen?
"El Periódico", Barcelona, 23. September

Die "Financial Times" aus London ist beeindruckt von dem "großartigen Ergebnis" von Angela Merkel, warnt die Europäer jedoch davor, sich in Zukunft zu viel davon zu versprechen:

Sie wird an der Macht bleiben. Aber daran hat auch nie jemand gezweifelt. Allerdings hat Merkel auch ein anderes Ziel erreicht, das sie sich gesteckt hatte: Sie hat die drei Parteien aus dem linke Lager daran gehindert, für die kommende Legislaturperiode eine Koalition einzugehen. So bekommen die Deutschen, was sie sich gewünscht haben: Eine Koalitionsregierung auf breiter Basis mit einer Anführerin, die nicht wirklich weitblickend in die Zukunft schaut. Nur ein Dummkopf würde glauben, dass die Wahl die deutsche Kanzlerin davon überzeugt hat, einen großen Sprung nach vorn zu wagen und die Krise ein für alle Mal zu lösen. Nach der Wahl werden die Dinge nicht wirklich anders sein als vor der Wahl.
"Financial Times", London, 23. September

Aber immerhin, lenkt "De Volkskrant" aus Amsterdam ein, sei es Angela Merkel stets gelungen, die Spannungen in Europa in die richtigen Bahnen zu leiten:

Was die Spannungen und populistischen Kräfte in Europa angeht, ist Merkel der Korken in der Flasche. Während die Politik in den Niederlanden immer instabiler geworden ist, strahlt Merkel in Deutschland absolute Ruhe aus. Und genau auf diese Weise geht sie auch die Probleme an und macht einen Schritt nach dem anderen.
"De Volkskrant", Amsterdam, 23. September

Griechenland blickt unterdessen besorgt auf die Ergebnisse der deutschen Bundestagswahl. Auf ihrer Internetseite stellt das Wochenblatt "To Vima" fest, dass "die Deutschen die Vormachtstellung ihres Landes in Europa kräftig bestärkt haben", diese Vorherrschaft jedoch auf den Ruinen des südlichen Teils des einst "vereinten" Alten Kontinents aufbaue:

Es war klar und vorhersehbar: Mit ihrer Politik und ihrem Schuldenkrisen-Management hat Angela Merkel zwar einen Großteil Europas in den Abgrund gerissen, den Deutschen Europa aber gleichzeitig auf dem Tablett serviert. [...] Einmal mehr muss Athen seine falschen Hoffnungen begraben. Merkel hat bereits deutlich gemacht, dass dem Druck, der auf Griechenland lastet, nicht nachgegeben wird.
"To Vima", Athen, 23. September

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Seite 1
fox111 23.09.2013
1. Interessant
Zitat von sysopGetty ImagesAngela Merkels Wahltriumph beschäftigt die Kommentatoren in den ausländischen Zeitungen. "Will sie nun ein deutsches Europa oder ein europäisches Deutschland", fragt die spanische "El Pais". So "vage" wie bisher könne die Kanzlerin jedenfalls nicht bleiben, heißt es bei "Les Echos" aus Paris. http://www.spiegel.de/politik/ausland/europas-presse-zum-ausgang-der-bundestagswahl-a-923968.html
Interessant finde ich vor allem das die Länder die von Deutschland mehr Haftung wollen es überhaupt nicht toll finden. Die Niederländer als einziger Zahler aller genannten Zitate der Auslandspresse sehen die Wahl alles in allem wohl als nicht so verkehrt an. Eine Sache würde ich aber gerne mal wissen. Wieso sollen wir unsere Politik ändern wenn es uns doch im Vergleich zu allen links regierten Ländern gut geht? Zum Glück sieht das die Mehrheit der Deutschen ähnlich (52% für nicht Linke/linksausgerichtete Parteien).
brunoswelt 23.09.2013
2. Die Griechen wieder
Natürlich können die griechischen Kommentatoren schreiben was sie wollen, aber ich würde mir wünschen, daß unsere Meinungsführer mal viel energischer dagegen halten. Wie würde es denn heute in Griechenland aussehen, wenn wir Griechenland nicht GEHOLFEN hätten wie wir es getan haben? Was wäre gekommen, wenn wir den Rettungsschirmen (zu LASTEN des deutschen Steuerzahlers) nicht zugestimmt hätten? Griechenland wäre heute insolvent, wäre schon lange raus aus dem Euro, mit hoffnungslos abgewerteter eigener Währung. Lebensverhältnisse vermutlich auf dem Niveau des früheren Albaniens, wenn's hoch kommt. Dann wüssten die Griechen besser, wohin sie ihre EIGENE Politik geführt hat. Das in unseren Kindergärten die Gebühren erhöht werden mangels Finanzmittel in den Kommunen ist ein Ergebnis unserer Spendabilität gegenüber den Krisenländern. Das sollte viel klarer zum Ausdruck gebracht werden. Ich empfinde die Kostgänger als unverschämt.
tg923 23.09.2013
3. Jede Regierung....
ist an erster Stelle für das eigene Volk verantwortlich. Und jedes europäische Volk ( ausser Weissrussland ) hat die Möglichkeit selbige zu wählen/abzuwählen. Sofern in einem Land allerdings ausschliesslich Nieten zur Wahl stehen bzw. gewählt werden, ist die Schuld dafür sicher nicht Frau M. zuzuschieben. Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied.
lexbarker 23.09.2013
4. @fox111
die regierungen der staaten, auf die sich ihre äußerung bezieht, waren zu beginn der eurokrise und sind es teilweise auch heute noch (oder wieder): nicht nur linke regierungen, sondern auch konservative oder wenn wir in ihrer sprache bleiben rechte, oder gar große koalitionen!!! die dortigen probleme sind zum teil hausgemacht und das von allen parteien dieser länder, nicht nur den linken. insofern ist ihre bemerkung unnötig, falsch und vor allen dingen unpassend.
uwelmeyer 23.09.2013
5. christlich oder links
Es geht weniger um Weltanschauungen. CDU/CSU, Gott, absolute Mehrheit, und totale Kontrolle durch NSA, auch wenn sie von den USA kommt. Sozialdemokratisch, auch wenn der Osten, auch osteuropäische Länder, weniger Unterstützung, erhalten. Wiedervereinigung und Einführung der DM, Zerstörung des osteuropäischen Marktes. Jetzt kommen die Ärmsten Europas Bulgaren und Rumänen zum Euro. Ausstehende Wiedervereinigung, Hoffnung auf die Linken, andere auf Afd. Bündnis 90 ist kaum von Bedeutung. Frau Merkel hat ihre Wurzeln verloren, armes Osteuropa.
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