Außenspiegel zum EU-Beitritt Kroatiens "Es wird nicht einfach"

Ab dem 1. Juli wird Kroatien Mitglied der Union - die europäische Presse reagiert unterschiedlich. "Stolz" sollte man darauf sein, meint der "Falter" aus Wien. "Le Monde" hingegen verspürt derzeit wenig "Europhorie".

Von Katja Petrovic

Kroatische Flagge mit Europafahne: Keine "Europhorie" auf dem Balkan
REUTERS

Kroatische Flagge mit Europafahne: Keine "Europhorie" auf dem Balkan


Die kroatische Tageszeitung "Novi List" aus Rijeka sieht dem historischen Ereignis mit Spannung entgegen und fragt sich, "was der EU-Beitritt dem einfachen Bürger wohl bringen wird":

Niemand weiß es wirklich. Es sind nur noch ein paar Tage, und wir fragen uns, was sich wirklich ändern wird. Wie wird er sich auf unseren Alltag, auf die Lebenshaltungskosten, den Arbeitsmarkt, das Reisen usw. auswirken? Keiner hat eine genaue Vorstellung [...] Es wird weder alles gut noch alles schlecht sein. Nur eins ist sicher: Es wird nicht einfach sein.
"Novi List", Rijeka, 15. Juni

"Vecernji List" aus Zagreb beleuchtet die Frage nach der Bedeutung des kroatischen EU-Beitritts lieber von der anderen Seite:

Was bedeutet Europa für Kroatien, ist die ewig rhetorische Frage, ... aber mit dem EU-Beitritt stellt sich noch eine viel wichtigere Frage: Was bringen wir in die EU ein? Worauf begründen wir unsere Identität und Einzigartigkeit, was sind unsere kurzfristigen und vor allem unsere langfristigen nationalen Ziele? [Es] entsteht der Eindruck, dass man mit dem Abschluss der Beitrittsverhandlungen Europa nur feiert, anstatt über Europa nachzudenken.
"Vecernji List", Zagreb, 26. Juni

Nachdenken, aber trotzdem feiern will "Der Falter". Die österreichische Wochenzeitung heißt die Kroaten willkommen und erinnert an den schweren Weg, den das Land seit seiner Unabhängigkeit vom ehemaligen Jugoslawien, über die Kriegsjahre unter Staatspräsident Franjo Tudjman bis zum jetzigen Beitritt gehen musste:

Im Kroatien der neunziger Jahre wurden europäische Werte mit Füßen getreten. Nach etwas mehr als einer Dekade bleibt von Tudjmans Erbe nichts mehr übrig. Die kroatische Gesellschaft hat sich dramatisch verändert. Eine wesentliche Rolle spielten dabei die Forderungen der EU. Kroatien durchlief den bislang strengsten Beitrittsprozess. Es ging dabei nicht nur um Bereiche wie Wirtschaft, Umwelt und Konsumentenschutz, sondern auch um wichtige demokratische Werte, unter anderem die Aufarbeitung der Kriegsvergangenheit, die Wahrung von Minderheitenrechten und ernsthafte Korruptionsbekämpfung. Auf das Ergebnis darf nicht nur Kroatien, sondern auch die EU stolz sein. Willkommen! Dobrodošli!
"Der Falter", Wien, 26. Juni

"Le Monde" hingegen betont, wie wenig Euphorie derzeit in Kroatien über den Beitritt herrscht. Vorbei die Begeisterung, als man anfing, sich um die Mitgliedschaft zu bewerben:

Als die Ostländer nach dem Sturz der Berliner Mauer eine Integration anstrebten, waren sie von einer Art Romantik beflügelt. 1989 handelte der Slogan Polens von der "Rückkehr nach Europa". Heute gibt es auf dem Balkan keine "Europhorie". Die von den Konflikten der 90er Jahre zerrissene Region will nicht an den Rand des Handels gedrückt werden. Es geht darum, nicht im regionalen Netz gefangen zu bleiben, ohne sich jedoch Illusionen über die Strenge der von Brüssel geforderten Reformen zu machen.
"Le Monde", Paris, 27. Juni

Und so bemerkt auch die schwedische Tageszeitung "Dagens Nyheter", wie das Land "mehr und mehr von einem Gefühl der Beunruhigung und der Ernüchterung ergriffen wird, je näher der 1. Juli rückt":

Das betrifft insbesondere den wirtschaftlichen Sektor - denn die Exportindustrien des Landes, die versuchen, ihren Wein, ihre Pharmaprodukte oder ihre Schiffswerften zu retten, haben verstanden, dass sie mit dem EU-Beitritt auch einer zweifellos überlegenen Konkurrenz die Stirn bieten müssen. Gleichzeitig werden allerdings auch die Zölle mit den Balkanstaaten wegfallen, die wiederum ein bedeutender Exportmarkt sind: Ironischerweise sind die meisten von ihnen die Nachkommen des einstigen Jugoslawiens.
"Dagens Nyheter", Stockholm, 8. Juni

Als "Europa-Erklärer" vom Dienst versucht denn auch ein rumänischer Kommentator in der Bukarester Tageszeitung "Dilema Veche" seine Freunde in Zagreb auf den entscheidenden 1. Juli vorzubereiten, indem er ihnen erklärt, welche Machenschaften in der EU herrschen und "warum das Leben in Europa so teuer ist":

Einer der Gründe ist die überzogene Umweltpolitik (die politische Linie Deutschlands). Im Interesse der Eisbären, denen die Eisschollen wegschmelzen, hat die Europäische Union beschlossen, die Rolle der Pioniere zu übernehmen [...] "Lasst uns den Planeten retten, lasst uns als Beispiel der ökologischen Tugend vorangehen. Der Rest der Welt wird uns schon folgen, der wirtschaftlichen Vernunft zum Trotz!" Weshalb die Deutschen auch - begünstigt von vorteilhaften Lieferverträgen für russisches Erdgas - massiv in "grüne" Energien investieren, deren Technologien und Anlagen staatlich subventioniert wurden (und Brüssel ein Auge zudrückte).
"Dilema Veche", Bukarest, 20. Juni

Die durch den Beitritt verursachte Preisexplosion ist eine der größten Ängste der Kroaten. "Man soll uns keine Märchen auftischen [...] die Preissteigerungen hat sich bereits jetzt, noch vor dem Beitritt, bemerkbar gemacht", erklärt eine Ladenbesitzerin aus Rijeka gegenüber "Novi List".

Die kroatische Tageszeitung ist sich jedoch auch über die Ängste der anderen EU-Länder angesichts des kroatischen Neuzugangs bewusst. Eine davon sei der Ansturm auf den europäischen Arbeitsmarkt:

Wie wir wissen, wollen Deutschland und Österreich von ihrem Recht auf temporäre Einschränkung der Freizügigkeit Gebrauch machen, um den Zustrom von kroatischen Arbeitnehmern zu begrenzen - und den heimischen Arbeitsmarkt zu entlasten. Im vergangenen Jahr musste Deutschland - die einzige Lokomotive Europas - eine Zuwanderung von einer Million Menschen verkraften. Die meisten von ihnen kamen aus den anderen EU-Ländern, von Portugal bis Polen. Kroatische Arbeitnehmer könnten die Last noch vergrößern, weshalb Deutschland und Österreich die Zuwanderung aus dem Land auch sorgfältig im Auge behalten und beschränken werden.
"Novi List", Rijeka 9. Juni

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insgesamt 3 Beiträge
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Redigel 28.06.2013
1. Dr.
Zitat von sysopREUTERSAb dem 1. Juli wird Kroatien Mitglied der Union - die europäische Presse reagiert unterschiedlich. "Stolz" sollte man darauf sein, meint der "Falter" aus Wien. "Le Monde" hingegen verspürt derzeit wenig "Europhorie". http://www.spiegel.de/politik/ausland/europas-presse-zum-kroatischen-eu-beitritt-a-908323.html
Ich persönlich freu mich auf Kroatien... Hatte auch schon lange vor, dort mal Urlaub zu machen. Irgendwann wird es auch dazu mal kommen...
nhorwath 29.06.2013
2. Es ist gut,
dass Frau Merkel uns ihre Reisekosten erspart.Dort sind am Sonntag genug Euro-Party-Politiker die es sich mit Sonntagsreden und unseren Steurgeldern gut gehen lassen. Kroatien ist ein Land mit vielen intelligenten Menschen die sich mehr auf Touristen freuen als auf schwadronierende Politiker.
derbergischelöwe 29.06.2013
3. Warum treten Norwegen und Schweiz EU und Euro nicht bei?
Weil sie es nicht nötig haben. Beide Länder sind reich, weil sie erfolgreich sind (Schweiz) oder weil sie enorme Bodenschätze haben (Norwegen). Sie wollen ihren Erfolg und Reichtum nicht mit dem Rest Europas teilen. Damit fahren sie bestens, auch ohne Euro läufts knorke bei den beiden. Sie müssen keine überschuldeten, reformunfähigen und nichtwettbewerbsfähigen ClubMed-Staaten mit ihren Steuergeldern durchfüttern. Keine spanischen Banken retten, keinen aufgeblähten griechischen Beamtenstaat, keine Russenmafia auf Zypern usw.. Kroatien und Lettland dagegen treten gerne der EU und dem Euro bei denn dort gibt es deutsches Geld und günstige Kredite... Kroatien etwa bringt nichts mit ausser Korruption, einem nicht funktionierenden Rechtsstaat, viel Arbeitslosigkeit und als einzigen nennenswerten Wirtschaftszweig Tourismus.
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