Beppe Grillo bei Europawahl Der entzauberte Clown

Europa darf aufatmen: Italien stürzt nach der Europawahl nicht ins politische Chaos. Regierungschef Renzi hat sich gegen den ehemaligen TV-Satiriker Beppe Grillo klar durchgesetzt - der Politclown errang aber immerhin Platz zwei.

Von , Rom

Beppe Grillo im Wahlkampf: Doch kein Kopf-an-Kopf-Rennen
AFP

Beppe Grillo im Wahlkampf: Doch kein Kopf-an-Kopf-Rennen


Glück gehabt. Italien, das drittgrößte Land in der Euro-Zone, ist Beppe Grillo nicht auf den Leim gegangen, dem Anti-Politiker mit seinen absurden Forderungen. Staatsschulden? Einfach nicht mehr bezahlen. Verträge mit Europa? Ignorieren. Reformen? Quatsch. Wir stellen alle namhaften Politiker, Manager, Journalisten vor ein Internet-Gericht. Da werden sie dann von der Community abgeurteilt. Und weg sind sie.

Alles, was Beppe Grillo, Anführer der Fundamental-Opposition Fünf-Sterne-Bewegung, im Wahlkampf über die großen Plätze gebrüllt hat, klingt so einfach - und ist so töricht. Ein Sieg des "Narren", wie sein Gegenspieler, Ministerpräsident Matteo Renzi, Grillo nennt, hätte die ohnehin schon unübersichtlichen politischen Verhältnisse Italiens endgültig ins Chaos kippen lassen.

Die Wahlforscher hatten ein Kopf-an-Kopf-Rennen vorhergesagt. Doch hat sich Renzis Demokratische Partei mit fast 41 Prozent durchgesetzt. Die Forza Italia des Expremiers Silvio Berlusconi kam auf fast 17 Prozent. Grillos Truppe aber erreichte mit rund 21 Prozent einen zweiten Platz - man stelle sich vor, Martin Sonneborn hätte seine Spaßpartei Die Partei in Deutschland auf Platz zwei geführt.

Ab Montag, das hatte Grillo bereits angedroht, hätten seine Gefolgsleute im Falle eines Wahlsiegs den Amtssitz des Staatspräsidenten belagert. So lange, bis der das Parlament aufgelöst, dem Land Neuwahlen verordnet hätte. Oder aber einer aus Grillos Fünf-Sterne-Bewegung mit der Regierungsbildung beauftragt worden wäre. Selbst der Name eines möglichen Fünf-Sterne-Premiers war schon im Umlauf: von einem Luigi Di Maio schrieben italienische Medien. Unbekannt, unwichtig, er hätte ohnehin nur tun und sagen dürfen, was sein Chef Grillo befohlen hätte.

"Ragazzi, habt ihr es immer noch nicht kapiert?"

Dass Grillos Bewegung gut, aber nicht herausragend abschneiden würde, war abzusehen. Gewaltig war der Zulauf zu seiner letzter Wahlkampf-Veranstaltung auf der einstigen Hochburg der Linken in Rom, der Piazza San Giovanni. Dort riefen selbst Fünf-Sterne-Aktivisten dem Vordenker der Bewegung, dem wortkargen, presseabstinenten Gianroberto Casaleggio, zu: "Gianroberto, diese Masse ist verrückt!" Der gab zurück: "Ragazzi, habt ihr es immer noch nicht kapiert? Dies ist nur der Anfang, wir werden uns alles nehmen."

Diese Gefahr ist erst einmal gebannt. Jetzt hängt es von Renzi ab - dem "Dummchen", wie Grillo ihn im Wahlkampf schmähte -, ob die Mehrheit der Italiener wirklich noch einmal von einer parlamentarischen Demokratie zu überzeugen ist.

Denn das Liebäugeln mit einem, der die totale Säuberung des verrotteten Systems verspricht, ist verständlich. Jeden Tag lesen die Italiener in der Zeitung von neuen Skandalen, davon, dass sich Politiker, Bankiers, Unternehmer, Staatsbeamte - und oft auch Mafiosi - zum Schaden der Allgemeinheit bereichert haben. Egal, wen man wählt, so denken viele Italiener, sie greifen sowieso in die Kasse.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 18 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
munsterm 26.05.2014
1. Hoffnung für ganz Europa
Renzis Wahlsieg ist im Prinzip fast schon die einzige gute Nachricht von den Wahlen. In Italien bekommt ein Erneuerer ala Schröder ganz klar die Rückendeckung vom Volk, ich hoffe, dass er diesen Rückenwind nutzen kann, um die so wichtigen Reformen durchzusetzen. In Frankreich und GB haben dagegen die destruktiven Kräfte gewonnen. Ich denke, diese beiden Nationen werden 2017 aus der EU austreten. Allerdings werden sie daraus mitnichten Vorteile ziehen.
sfk15021958 26.05.2014
2. Das läßt schon tief blicken, dass dieser...
Chaot 21 % der abgegebenen Stimmen erhielt!!! Das reformmüde Italien muss nun lansam in die Puschen kommen!!!!
fatherted98 26.05.2014
3. Die Italiner...
...wählen also einen Polit Clown der im Prinzip gegen alles ist und nichts will außer dem Establishment eins auszuwischen. Eine Reportage der ÖR stellte Grillo allerdings vor den Wahlen als intriganten und kontrollsüchtigen Machtpolitiker dar (was da wohl dran ist?)....hmmm....was wirklich von dem Mann uns seinen Getreuen zu halten ist, wird wohl erst die Zeit zeigen...aber trauen würde ich ihm nicht.
eiffe 26.05.2014
4.
Zitat von sysopAFPEuropa darf aufatmen: Italien stürzt nach der Europawahl nicht ins politische Chaos. Regierungschef Renzi hat sich gegen den ehemaligen TV-Satiriker Beppe Grillo klar durchgesetzt - der Politclown errang aber immerhin Platz zwei. http://www.spiegel.de/politik/ausland/europawahl-analyse-der-wahlergebnisse-in-italien-a-971642.html
Und der Unterschied zu Deutschland besteht worin? Besser sind die Deutschen nur in der Verschleierung und Legalisierung von Korruption.
markmach 26.05.2014
5. Diesen
Artikel verstehe ich nicht. Grillo war die einzigste Chance für Italien denn Renzi macht nichts anderes als seine Vorgänger und lässt das Volk ausbluten. Arme Italiener, erst wählen die unermüdlich einen Mafioso Berlusconi und jetzt seinen Ziehsohn Renzi der den Steuerbetrüger vor eine Haft beschützt hat.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.