Feinde der EU (Teil 2) Spiel mit der Angst

Sein offener Islam-Hass und seine Kritik an Brüssel kommen an in den Niederlanden: Geert Wilders steht wie kein anderer Politiker für Rechtspopulismus und Ablehnung der EU.

Eine Multimediareportage von und aus Volendam und Almere 


AP

Der Mann mit der blondierten Fönfrisur bleibt den Leuten im Gedächtnis: Geert Wilders steht für Europa-Feindlichkeit und Fremdenhass. Bei der Europawahl 2009 katapultierten die Wähler seine Partei für die Freiheit (PVV) auf den zweiten Platz in den Niederlanden. Nur drei Jahre zuvor hatte der gebürtige Venloer mit indonesischen Wurzeln seine Ein-Mann-Partei gegründet. Zwar sitzen Abgeordnete für die PVV im niederländischen und im europäischen Parlament, allerdings hat keiner dieser Politiker ein Parteibuch.

In den Niederlanden gibt es kein Parteiengesetz. Eine Partei ist ein gewöhnlicher Verein. Und so konnte Wilders als Einzelperson eine Partei gründen. Er allein gibt die Richtlinien vor und bestimmt, wer in welches Parlament kommt. Niemand sonst.

Ende März fanden Kommunalwahlen statt. Die PVV ist in zwei Gemeinden angetreten und hat sehr gut abgeschnitten. Auf einer Wahlparty in Den Haag überschritt der Rechtspopulismus von Wilders dann eine Grenze:

Er fragt die Menge: "Wollt ihr mehr oder weniger Marokkaner in eurer Stadt?" Die Masse antwortet: "Weniger, weniger!"

Noch nie zuvor hatte Wilders so offen Menschen diskriminiert. Er rechtfertigt solch drastisch vorgetragene Angriffe mit einer angeblich durch den Islam ausgehenden Gefahr. Dass der Vorfall landesweit durch die Medien ging, schadete seiner Popularität nicht. Auch wenn sich einige seiner Parteikollegen daraufhin von ihm distanzierten - die Umfragewerte blieben weitestgehend stabil.

Spurensuche in den Hochburgen der PVV

Es sind Äußerungen wie diese, die Wilders zu einer bedrohten Person und zu dem am besten beschützten Politiker der Niederlande machen. Rund um die Uhr ist er umgeben von Sicherheitskräften. Auch seinen Wohnsitz wechselt er oft.

Woher kommt die breite Unterstützung für die PVV? In zwei niederländischen Städten, in denen Wilders bei der letzten Europawahl seine besten Ergebnisse holte, suchen wir nach Erklärungen.

Erste Station: Almere, eine Reißbrettstadt, die Mitte der Siebzigerjahre in der Nähe von Amsterdam entstanden ist und mittlerweile zu den größten Städten der Niederlande zählt. Almere ist neben Den Haag die einzige Stadt, in der die PVV bei den Kommunalwahlen angetreten ist. Wilders Partei ist die stärkste Kraft im Gemeinderat. Am künstlich angelegten See treffen wir Frits Huis. Der 64-Jährige ist Buchautor, Lokalpolitiker und bekennender Gegner der PVV.

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In Almere holte Geert Wilders bei der Europawahl 2009 das zweitbeste Ergebnis in den Niederlanden. Auch die Kommunalwahl im März hat den Erfolg der Partei bestätigt. Aber warum?

Eine besonders hohe Kriminalität oder Probleme mit Immigranten gibt es in Almere nicht. Die Stadt wirkt extrem modern, sauber und liberal. Moderne Architektur prägt das Stadtbild. Die PVV in Almere lehnte ein Gespräch ab. Also machen wir uns auf die Suche nach PVV-Wählern.

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Ohne die Gelder aus Brüssel wäre auch die nächste Station nicht zu der Stadt geworden, die sie heute ist: Volendam, eine kleine Fischerstadt am Ijsselmeer. Wie ein Freilichtmuseum wirkt die Hafenpromenade mit all ihren Souvenirshops und Fischbuden. Hier treffen sich Touristen aus aller Welt. Amerikaner, Chinesen und Japaner lassen sich den Kurztrip aus dem 20 Kilometer entfernten Amsterdam nicht nehmen. Und gerade hier hat die PVV bei der letzten Europawahl am besten abgeschnitten. Knapp 40 Prozent holte Geert Wilders in dem Städtchen. "Heile Welt"-Kulisse trifft Ausländerhass und EU-Feindlichkeit. Wie passt das zusammen?

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Wilders wurde in Volendam wohl weniger wegen seiner Ausländerpolitik gewählt. Es sind eher die Themen EU, Nationalstaat und der Stolz der Niederländer, die zu diesen überragenden Wahlergebnissen für die PVV führen. Und im Speziellen: die Fischerei, die hier nach und nach ausstirbt. In Volendam findet eine folgenreiche Transformation vom Fischer- zum Touristenort statt. Aus Sicht der Betroffenen kommt Brüssel als Monster daher, das Existenzen vernichtet.

Mit Wilders offenem Fremdenhass will in den Niederlanden keiner etwas zu tun haben - zumindest nicht vor der Kamera. Seine klaren Worte, sein Bekenntnis zum Nationalstaat und seine Vorstellungen von holländischer Sicherheit durch rigide Grenzkontrollen kommen gut an.

Sein Populismus trifft ein Gefühl in der Bevölkerung: die diffuse Sorge um den Verlust des Staus quo und den sozialen Abstieg. Und das, obwohl es den Niederlanden zurzeit gut geht - die Arbeitslosenquote ist mit sieben Prozent gering, das Land belegt einen der vordersten Plätze beim OECD Better Life Index. Doch die krisengeplagten Nachbarländer, die offenen Grenzen und ganz allgemein die mit der globalisierten Welt einhergehenden Veränderungen lassen die Niederländer offenbar das Schlimmste befürchten.

Es ist dieses Gefühl der Unsicherheit, das Wilders für seine Agenda auszunutzen weiß. Ein gewisses Geschick in der Instrumentalisierung dieser Themen kann man ihm dabei kaum absprechen. Seine Beethoven-Frisur und die aristokratische Erscheinung, die das Gegenteil von rechter Hetze zu verkörpern scheinen, tragen zu seiner Popularität noch zusätzlich bei.

Mitarbeit: Mario Withoud

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 70 Beiträge
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Seite 1
sound67 20.05.2014
1. Populismus verfängt immer ...
... bei Menschen mit geringer Bildung, d.h. in aller Regel bei der Mehrheit eines beliebigen Volkes. Wenn man sich in diversen Foren die Meinungen hiesiger "Bürger" anschaut, dann können wir nur von Glück sagen, dass es kein passendes Gegenstück zum Niederländer in Deutschland gibt. Sonst würde sich 1933-45 womöglich wiederholen. Denn die Masse der Bevölkerung hat *nichts* dazu gelernt.
förstervomsilberwald 20.05.2014
2. Frisur
Der Autor hat ja richtig gute Argumente gegen Wilders. Föhnfrisur, Beethovenfrisur....... und außer Popúlismusund nochmals Populismus keine Argumente.
TC Matic 20.05.2014
3.
Zitat von sound67... bei Menschen mit geringer Bildung, d.h. in aller Regel bei der Mehrheit eines beliebigen Volkes. Wenn man sich in diversen Foren die Meinungen hiesiger "Bürger" anschaut, dann können wir nur von Glück sagen, dass es kein passendes Gegenstück zum Niederländer in Deutschland gibt. Sonst würde sich 1933-45 womöglich wiederholen. Denn die Masse der Bevölkerung hat *nichts* dazu gelernt.
Und Sie haben die Masse der Bevölkerung daraufhin untersucht? Wo kann man Ihre Studie nachlesen (Zahl der Befragten, die gestellten Fragen, die Antworten darauf)?
Originalaufnahme 20.05.2014
4. ===
Zitat von förstervomsilberwaldDer Autor hat ja richtig gute Argumente gegen Wilders. Föhnfrisur, Beethovenfrisur....... und außer Popúlismusund nochmals Populismus keine Argumente.
Die bessere Frage ist doch, ob es Argumente FÜR Wilders gibt. Steht Wilders überhaupt FÜR oder nur GEGEN etwas? Immer nur zu sagen, was man nicht möchte, statt auch nur einmal mitzuteilen, wofür man eigentlich steht, das nennt man eben Populismus. Ob Ihnen das nun gefällt oder nicht...
xxbigj 20.05.2014
5.
Zitat von sound67... bei Menschen mit geringer Bildung, d.h. in aller Regel bei der Mehrheit eines beliebigen Volkes. Wenn man sich in diversen Foren die Meinungen hiesiger "Bürger" anschaut, dann können wir nur von Glück sagen, dass es kein passendes Gegenstück zum Niederländer in Deutschland gibt. Sonst würde sich 1933-45 womöglich wiederholen. Denn die Masse der Bevölkerung hat *nichts* dazu gelernt.
[QUOTE=sound67;15721457] Da gebe ich Ihnen nicht Recht! Die rechte Gesinnung ist mitnichten ein Pähnomen der ungebildeten! Das ist so einfach nicht richtig. Wir sehen zwar oft Bilder von Glatzen auf der Strasse, aber die wahren Drahtzieher sind meistens gebildete Menschen mit Einfluss! Die wiederrum wenden sich an, ich nenne sie mal auch ungebildete Menschen und überzeugen diese mit falschen Argumenten indem Sie Ängste schüren. Es wird immer Rechte geben, es ist nur wichtig das wir anderen da nicht wegschauen, wenn Minderheiten attackiert werden und uns immer mit Argumenten oder ggf. auch mit anderen Mittelen gegen diese Nationalisten wehren!
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