Feinde der EU (Teil 3) Schöne neue Wut

Stark, streng und unabhängig von Brüssel soll das neue Frankreich sein. So stellen es sich Marine Le Pen und ihr Front national vor. Erstmals könnten sie bei den Europawahlen stärkste Kraft werden.

Eine Multimediareportage von Sara Maria Manzo und Marco Kasang aus Meaux, Nanterre und Paris


AFP

Zugfahrt vom Flughafen Charles de Gaulle ins Zentrum von Paris: Im Abteil sitzen Tunesier, Franzosen, Senegalesen, sie sprechen Arabisch, Französisch und Wolof. Im zentralistisch organisierten Frankreich wirkt die Hauptstadt wie ein Magnet - auch auf Einwanderer. Ein beträchtlicher Teil aller Migranten lebt im Großraum Paris.

Auch wir waren hier mal Einwanderer, auf Zeit. Vor zehn Jahren haben wir beide als Studenten in dieser Stadt gelebt und gearbeitet. Die politische Kraft der fremdenfeindliche Front national (FN) schien damals schon wieder geschrumpft zu sein. Der Schock von 2002, als es Jean-Marie Le Pen bei den Präsidentschaftswahlen in die Stichwahl gegen Staatschef Jacques Chirac schaffte, galt bei unseren französischen Freunden als überwunden. Ein Fehler, aber Vergangenheit, sagten sie.

Ende März hat die Vergangenheit die Franzosen eingeholt: Der FN erzielte das beste Ergebnis seiner Geschichte bei einer Kommunalwahl. 4,7 Prozent holten die Rechtspopulisten landesweit im 1. Wahlgang unter ihrer neuen Führerin Marine Le Pen, Tochter des früheren Parteichefs. Das wirkt wenig und ist doch viel: Die Rechtspopulisten haben in nur 600 Städten und Gemeinden kandidiert, von mehr als 36.000. In fast einem Dutzend Städten stellt die Partei jetzt den Bürgermeister. Bei den Europawahlen wird Le Pen mit ihrer Partei vielleicht sogar die meisten Stimmen im Land holen.

Viele Franzosen fürchten sich vor der Vielfalt

Jedes dritte Mitglied des FN ist nach Angabe der Partei jünger als 30 Jahre. Auch in den Führungspositionen sitzen viele junge Politiker. Die zentralen Themen klingen dagegen altbekannt: Einwanderung radikal verringern, raus aus der Europäischen Union, weg mit dem Euro, Schluss mit der gleichgeschlechtlichen Ehe, her mit strammer Schuldisziplin - und mit der Todesstrafe.

Wie schafft Marine Le Pen es, mit solchen Thesen junge Franzosen in ihre Partei zu locken? Und wo ist die Europaeuphorie geblieben, die mit der Öffnung der Grenzen entstanden ist und die uns damals als Studenten erfasst hat? "In Vielfalt geeint" lautet der Leitspruch der EU. Aber die Vielfalt scheint vielen jungen Franzosen Angst zu machen.

Am Abend stehen wir im 13. Arrondissement vor einem unscheinbaren Haus. Kein Name an der Türklingel, nirgends ein Hinweis darauf, dass sich hinter der braunen Holztür ein zentraler Versammlungsort des FN befindet. Auf der Messingplatte an der Tür steht: "Le Forum". Hier trifft sich jeden Mittwochabend die Jugendbewegung der Partei. Ihr Vorsitzender, Julien Rochedy, 26, will an diesem Abend auf den Europawahlkampf einstimmen und von seiner Reise nach Wien berichten, wo er mit rechtspopulistischen Jugendorganisationen aus anderen Ländern eine Allianz gegründet hat. Sie trägt den englischen Namen "Yeah" (Young European Alliance for Hope), was Rochedy etwas schmerzt. Lieber wäre ihm ein französischer Titel gewesen, aber das sei den Österreichern und Schweden nicht zu vermitteln.

In einem schummrigen Hinterzimmer warten etwa 20 junge Franzosen. Die Männer sind schick gekleidet, auch die Frauen sehen adrett aus, keiner wirkt ärmlich oder von der Gesellschaft benachteiligt.

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Abendessen beim Inder in der Rue Oberkampf. Wir sprechen über Fernbeziehungen, Fremdsprachen, Praktika und was die Europäische Union gebracht hat. Unsere Generation war die erste, die die Reisefreiheit richtig genoss. Wer ein Praktikum in Paris, Rom oder Barcelona machen wollte, musste nur seinen Koffer packen. Zehn Jahre später scheint das vereinte Europa vor allem für eines zu stehen: die Krise.

Die Wut darüber ist die Quelle, aus der der FN schöpft. Wie sieht die Welt aus der Sicht eines jungen Rechtspopulisten aus? Und wie die ideale Welt? Das wollen wir wissen und verabreden uns mit dem Leiter der Jugendbewegung zu einem zweiten Gespräch in der Parteizentrale.

Das Hauptquartier des FN befindet sich im Städtchen Nanterre, direkt bei Paris. Im Zentrum reihen sich Couscous-Läden an französische Patisserien und arabische Modegeschäfte. Frauen mit Kopftuch huschen über die Straßen. 2008 bezogen die Rechtspopulisten hier ihre Parteizentrale - unter massivem Protest der Bewohner; in Nanterre regieren die Kommunisten, seit 1935. Die Zentrale des FN liegt mitten in einem Wohnviertel. Zwischen den Einfamilienhäuschen mit blühenden Vorgärten wirkt der metallgraue Bau wie die Botschaft eines kleinen, fernen Landes.

Frankreich sei nun mal "von Natur aus" christlich

Rochedy, der Vorsitzende der Jugendorganisation, ein gut aussehender Mann, oft fährt er mit den Fingern durchs dichte Haar. Er twittert zu Napoleon und dessen Generälen ("Was für Männer, was für eine Epoche!"), unser Gespräch beginnt er mit einem harmlosen Thema: "Bayern München ist die beste Mannschaft der Welt, oder?" Höflich erklärt er uns seine Sicht der Welt. Er habe nichts gegen den Islam, aber Frankreich sei nun mal "von Natur aus" christlich. Rochedy führt Statistiken an, beendet seine Sätze oft mit "das können Sie in den Geschichtsbüchern nachlesen". Doch vieles, was er sagt, steht in keinem seriösen Geschichtsbuch. Er spricht nicht von politischen Gegnern, sondern von "ennemis", Feinden. Wenn er über Politik redet, klingt es nicht nach Demokratie. Es klingt nach Krieg.

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Beim Abschied gibt sich Rochedy weltmännisch, bittet um Tipps für eine Deutschlandreise: Er will wissen, wo in der Bundesrepublik man die "ursprüngliche" Nation sieht.

Rochedy und der FN können mit viel Zustimmung im Land rechnen: Laut einer Umfrage im Auftrag der Wochenzeitung "Le Nouvel Observateur" hält ein Viertel der Franzosen den FN für eine konservative Partei, nicht für eine Extremistenvereinigung. Auch Vincent Morelle aus Meaux wollte das glauben. Wie viele andere hatte er sich den Rechtspopulisten angeschlossen, nachdem Marine Le Pen Parteichefin geworden war. Er wurde bei der Kommunalwahl sofort zum Kampagnenchef in Meaux ernannt.

Eine "Tour der Enttäuschten" durch Frankreich

Meaux, eine halbe Zugstunde östlich von Paris, ist ein verschlafenes Städtchen. Nicht ganz in der Provinz, aber doch weit von der Hauptstadt. Bei den Kommunalwahlen im März holte der FN dort 12,1 Prozent. Doch zu diesem Zeitpunkt war Morelle schon wieder ausgetreten, nach nur sechs Monaten. Der 24-Jährige hatte früher für die konservative UMP gearbeitet. Doch die Partei kämpfte ihm nicht genug für ein souveränes Frankreich.

Vincent Morelle hat viel Zeit für uns. Er holt uns sogar vom Bahnhof ab. Seit seiner Kündigung beim FN hat er keinen neuen Job gefunden, dafür eine neue Mission: Die "Tour des déçus", die "Tour der Enttäuschten", führt ihn quer durch Frankreich. Allein im Süden des Landes hat er angeblich mehr als 280 ehemalige FN-Mitglieder getroffen, alle, so sagt er, seien genauso enttäuscht wie er selbst.

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Morelle kann wenig von dem belegen, was er uns erzählt. Doch seine Aussagen gleichen denen anderer Aussteiger. Er nutzt sie nun, um Wähler für eine patriotische Splitterpartei zu werben.

Der FN hat die Finanz- und Wirtschaftskrise in der EU geschickt thematisiert. So simpel scheint der Ausweg aus der Krise, der den Rechtspopulisten einfällt: raus aus der EU - Probleme gelöst.

Den jüngsten Umfragewerten zufolge stimmen diesem Weg 24 Prozent der Franzosen zu.

In Großbritannien und in den Niederlanden sind die Rechtspopulisten ähnlich stark. Sie eint der Hass auf die EU.



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insgesamt 161 Beiträge
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Seite 1
wug2012 21.05.2014
1. Und?
Das passiert, wenn Politiker Politik gegen das eigene Volk machen Die AFD lässt grüßen.
basimir 21.05.2014
2. Dämonisierung
Was soll diese Dämonisierung von allem was nicht links ist? Die Gutmenschen wohnen nicht in den Vierteln wo man auf offener Straße als sale blanc (dreckiger Weißer) beschimpft wird, wie es mir kürzlich in Forbach in Lothringen erging. Aber das sind sicher nur Einzelfälle und irgendwie ist das Vielfalt und kulturelle Bereicherung. Nicht alle Völker Europas sind bereit ihre Identität in den Mülleimer der Geschichte zu werfen so wie die hypermoralisierenden Deutschen; daher die ständigen Zuwächse von rechten Parteien.
klimaklima 21.05.2014
3. Junker hat recht
Zitat von sysopAFPStark, streng und unabhängig von Brüssel soll das neue Frankreich sein. So stellen es sich Marine Le Pen und ihr Front National vor. Erstmals könnten sie bei den Europawahlen stärkste Kraft werden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/europawahl-marine-le-pen-front-national-und-europa-a-970421.html
Die Leute kennen Euopa mit Grenzen nicht mehr. Wer kauft denn dann noch französiche Produkte, wenn dort Zölle drauf sind. Und womit wollen die Franzosen bezahlen. Mit wertlosen Franc?
gerd.66606 21.05.2014
4. optional
Wen wundert denn das? Die jetzigen Regierenden arbeiten nicht für den grössten Teil ihrer Bevölkerung. Ich denke die Menschen sind nicht so blauäugig wie manche meinen.Dieser Rechtsruck ist eine Warnung,an die Regierungen der EU. Wenn man zu einer Politik zurückkehrt,die auch den vernachlässigten so genannten Unterschichten etwas Aussicht auf ein erträgliches Leben gibt,wird dieser Mob von Rechts schnell wieder in die Bedeutungslosigkeit verschwinden.Wo er auch hin gehört. Hoffentlich wird dieser Warnschuss auch gehört!!
kjartan75 21.05.2014
5.
Zitat von sysopAFPStark, streng und unabhängig von Brüssel soll das neue Frankreich sein. So stellen es sich Marine Le Pen und ihr Front National vor. Erstmals könnten sie bei den Europawahlen stärkste Kraft werden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/europawahl-marine-le-pen-front-national-und-europa-a-970421.html
Die EU-Hasser sind echt zu lustig und inkonsequent in ihrer Logik. Hassen EU und finden das ach so schlimm, dass dort Geld rausgeworfen wird, aber lassen sich natürlich fürstlich alimentieren. Die AfD ist keinen Deut besser. Wenn sie es ernst meinen, sollten alle Abgeordneten auf die EU-Gehälter verzichten und die Partei sollte auch sämtliche Zahlungen an ihre Partei von der EU strikt ablehnen. Wetten, die heuchlerischen Leute werden es nicht machen? Und was sie im Parlament erreichen wollen, da bin ich ja mal gespannt. Viel kann es nicht sein, weil sie ja einfach alles ablehnen.
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