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TV-Debatte zur Europawahl: Juncker und Schulz im Charaktertest

Von , Brüssel

Es war ein erstaunlich lebendiger Austausch zwischen Wählern und den Spitzenkandidaten der Europawahl bei der letzten TV-Debatte. Und es wurde klar, mit welch unterschiedlichen Mitteln Martin Schulz und Jean-Claude Juncker um den Topjob in Brüssel kämpfen.

Spitzenkandidaten Juncker und Schulz in der ARD-"Wahlarena" in Hamburg: Liebe zu Europa mal ganz stark, mal bei Bedarf vergessen Zur Großansicht
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Spitzenkandidaten Juncker und Schulz in der ARD-"Wahlarena" in Hamburg: Liebe zu Europa mal ganz stark, mal bei Bedarf vergessen

Die TV-Debatte ist nur ein paar Minuten alt, als klar wird, dass Jean-Claude Juncker die Zuschauer ziemlich Wurst sind. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn der Spitzenkandidat der Christdemokraten wird gleich zu Beginn dieser ARD-"Wahlarena" eingeladen, Conchita Wurst und deren Sieg beim Eurovision Song Contest zu kommentieren, ein Studiogast hatte vom verbindenden Charakter des europäischen Wettbewerbs geschwärmt. Eine Steilvorlage zur Anbiederung beim Zuschauer, eigentlich. Doch Juncker verzieht bloß das Gesicht, und stellt trocken fest, es habe schon schönere ESC-Siegerinnen gegeben.

Ein erstaunlicher Auftakt, doch bald wird klar: Diesem Mann ist auch Rücksichtnahme auf seine politische Verankerung in Deutschland ziemlich Wurst. Wenn es jemals Zweifel daran gab, dass der Luxemburger kein Konservativer ist, der etwa den EU-kritischen Flügel der CSU zufrieden stellt, dann hat Juncker sie an diesem Abend im Hamburger Hafen ausgeräumt: Er wird den Europaskeptikern in der Union nie gefallen, und er versucht es auch gar nicht.

Frage auf Frage stellt Juncker klar, dass er ein sehr überzeugter Europäer ist, auch wenn er sich Seitenhiebe auf den Regulierungswahn Brüsseler Beamter ("Duschköpfe") nicht verkneift - während sein Gegenüber Martin Schulz nicht in erster Linie als Kämpfer für Europa und seine SPD auffällt, sondern vor allem als sehr gewandter Kämpfer in eigener Sache.

Beispiel Euro-Bonds: Da sagt ein junger Studiogast, er wolle keine Solidarität mit Nachbarn zeigen, die sich verschuldet hätten. Schulz tut so, als ob Euro-Bonds - die so eine Solidaritätshaftung festschreiben könnten - eine kurzzeitige Schnapsidee gewesen sei, längst nicht mehr aktuell. Juncker hingegen betont: Es muss innerhalb der EU auch Solidarität geben und anders als in vielen deutschen Debatten ist zwischen Tätern und Opfern in der Euro-Krise keineswegs immer leicht zu unterscheiden.

Beispiel EU-Freizügigkeit: Die CSU fand dazu den knackigen Slogan "Wer betrügt, der fliegt" - die Bayern wetterten so gegen vermeintlichen Sozialmissbrauch von EU-Bürgern in anderen Mitgliedstaaten. Juncker aber, der auch für die Christsozialen als Europa-Spitzenkandidat fungiert, verdammt die "Scheindebatte" zu dem umstrittenen Thema und weist darauf hin, dass nur drei Prozent der EU-Bürger in anderen Mitgliedstaaten als ihrem Heimatland lebten. Die Möglichkeit, dies zu tun, sei ein europäischer Grundwert, den es zu schützen gelte, wirbt der Christdemokrat - und wirkt dabei weit leidenschaftlicher als sein sozialdemokratisches Gegenüber.

Beispiel Transatlantisches Freihandelsabkommen TTIP: Da wettert Schulz in bester Kenntnis der Volksängste vor diesem Abkommen, die Amerikaner müssten halt einfach europäische Standards akzeptieren, fertig. Das ist nicht nur ein seltsamer Verhandlungansatz, sondern lässt auch die Frage offen, ob die Europäer dann auch höhere amerikanische Standards, etwa bei der Medikamentenzulassung, akzeptieren würden. Vor allem aber ignoriert Schulz mit dieser Basta-Taktik völlig die Frage, ob die EU-Mitgliedstaaten - die immerhin den Auftrag zu diesen Verhandlungen erteilt haben - sich von dem Abkommen nicht wenigstens einige Vorteile erhoffen.

Juncker hingegen mahnt zwar ebenfalls, die Amerikaner müssten "hinhören, nicht nur abhören". Doch danach spricht er von möglichen Arbeitsplätzen in Europa, von den Chancen transatlantischer Kooperation für die EU - was durchaus mutig ist, da sich in Deutschland selbst Christdemokraten vom umstrittenen TTIP-Vorhaben zu distanzieren beginnen.

Und so taugt dieses TV-Duell nicht als Abbild der Lage in Europa, weil sehr wichtige Themen keine oder so gut wie keine Rolle spielen - etwa die Lage in der Ukraine, die komplizierten Beitrittsverhandlungen mit der Türkei oder die Frage, wie sich die Europäische Union eigentlich gegen die nächste mögliche politische und finanzielle Krise wappnen will.

Doch der Schlagabtausch taugt als ein Charaktertest, da er einen Eindruck zweier unterschiedlicher Kandidaten vermittelt. Juncker ist ein überzeugter Europäer, das belegen seine beinahe liebevollen Worte über Europa, das er eine sanfte Macht nennt.

Auch Martin Schulz ist ein überzeugter Europäer. Aber dieser Abend ließ klar werden, dass er im Machtkampf um den mächtigsten Posten in Brüssel - die Präsidentschaft der EU-Kommission - williger ist als Juncker, das bei Bedarf mal zu vergessen.

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insgesamt 78 Beiträge
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1. Unsinn!
kukushka 21.05.2014
Da hat der Kritiker wohl nur mit einem Auge zugeschaut und mit einem Ohr hingehört. Schulz war bei vielen Fragen sehr viel konkreter und klarer. Charaktertest? Was für ein Quatsch!
2. Schulz ist williger als Junker, seine europäische Position zu vergessen?
liam-n-aximi 21.05.2014
Diesen Eindruck hatte ich nicht. Was ist denn mit dem kleinen Seitenhieb Schulz' Richtung Credit Suisse? Ist das was der Herr Juncker da vertritt europäisch? Und wo vertritt Schulz ein "Basta" i.S. von der Unakzeptanz eigens anzuhebender Standards? Mir erschließt sich hier kaum ein einziger wirklicher Kausalzusammenhang. Spiegel Online ist nicht mehr rot sondern schwarz? Vielleicht solltet ihr mal die Farbe ändern respektive eurer Stellung zum TTIP. Denn ihr bezieht nunmal Stellung, wenn auch nicht offiziell.
3. Beide unwählbar..
schwaebischehausfrau 21.05.2014
weil aalglatt. Gut erkannt: Schulz würde im Wahlkamp dem Beelzebub seine Oma versprechen, nur um gewählt zu werden . Aber Juncker ist keinen Deut besser, dass haben seine damaligen Aussagen bei der jüngsten Eskalation der Euro-Krise gezeigt: Er hählt EU-Bürger ganz offensichtlich für dummes Stimmvolk, das man auch mal belügen muß, um störende Unruhe zu vermeiden. Sowas empfindet der dann eher als "hochprofessionell" für einen Berufspolitiker. Fazit: Beide verkörpern die den heutigen Zustand der EU wirklich perfekt: die Selbstbedienungsmentalität der EU-Beamten genauso wie den Drang, immer mehr Macht aus den nationalen Parlamenten nach Brüssel zu ziehen. Deswegen verstehen sich die beiden offenbar auch blendend. Politiker, die die Welt nicht braucht... Bitte krachend abwählen...!!!
4. nur Mittel zum Zweck?
rot 21.05.2014
Ich halte beide für ziemlich ungeeignet für dieses Amt. Sicher, beide sind zwei ältere honorige, joviale Herrn, beide eigentlich nicht unsympathisch. Aber geht den darum? Welcher von beiden wäre Willens rückhaltlos die Interessen der E-Bürger gegen eine überbordende Bürokratie und einen Industrie- und Bankenklüngel durchzusetzen, der doch eigentlich das Sagen hat. Beide sind viel zu sehr Teil des Systems der Vernetzung und Gewährung von "Gefälligkeiten" um das System selbst zu ändern. Vor allem die EG Kommission gebärdet sich in weiten Teilen doch als Fortsetzung der Industrieinteressen mit andern Mittel. Die beiden haben bisher durch nichts bewiesen dass damit Schluss sein könnte.
5. Die Beiden wollen nur den Posten aber ....
herbert 21.05.2014
Zitat von sysopREUTERSEs war ein erstaunlich lebendiger Austausch zwischen Wählern und den Spitzenkandidaten der Europawahl bei der letzten TV-Debatte. Und es wurde klar, mit welch unterschiedlichen Mitteln Martin Schulz und Jean-Claude Juncker um den Topjob in Brüssel kämpfen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/europawahl-martin-schulz-und-jean-claude-juncker-im-tv-duell-a-970605.html
wo sind in den politischen Auftritten Worte zu Griechenland, das die eigenen Schulden nicht tragen kann. Die Schulden steigen und Deutschland wird z.Z. mit ca. 34 Milliarden dabei sein, zu zahlen. Ohne Schuldenschnitt geht gar nichts in Griechenland. Von den über 300 Milliarden Schulden kommen die niemals runter! Ich höre nichts in den Diskussionen dieser Schönwetter Figuren !
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