Schulz und Juncker im TV-Duell Angriff ist die beste Werbung

SPD-Mann Schulz attackiert, auch sein konservativer Widerpart Juncker punktet. Aber die Kandidaten müssen sich beim ersten deutschsprachigen TV-Duell vor der Europawahl fast anstrengen, echte Streitpunkte zu finden - persönlich schätzt man sich sehr.

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Wahlkämpfer Schulz, Juncker: "Sie sollten sich daran gewöhnen, manche Fragen differenzierter zu beantworten"
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Wahlkämpfer Schulz, Juncker: "Sie sollten sich daran gewöhnen, manche Fragen differenzierter zu beantworten"


Berlin - Und plötzlich war es mit der fröhlichen Gesprächsatmosphäre vorbei. Gerade noch hatten die Kandidaten über ihr Alter gewitzelt, hier ein Scherz, da eine Frotzelei. Dann ging es um den EU-Beitritt der Türkei. Und Martin Schulz wechselte in die Rolle des Angreifers. Jetzt stellte er plötzlich die Fragen an Gegner Jean-Claude Juncker.

Und die Moderatoren? Wurden nicht mehr gebraucht.

"Sind Sie für oder gegen den EU-Beitritt der Türkei?".

"Ich bin dafür, mit der Türkei zu verhandeln", antwortete Juncker.

"Also sind Sie dafür, dass die Türkei beitritt?", hakte Schulz nach.

"Sie sollten sich daran gewöhnen, manche Fragen differenzierter zu beantworten, als mit Ja oder Nein."

Martin Schulz gegen Jean-Claude Juncker - es ist ein Duell, das es so noch nicht in Europa gegeben hat. Erstmals treten zu einer Wahl des Europäischen Parlaments Spitzenkandidaten für Parteifamilien an, Schulz ist der gemeinsame Kandidat der europäischen Sozialisten, der Luxemburger Juncker geht für die Konservativen ins Rennen.

Zweieinhalb Wochen haben die beiden noch, durch die restlichen der 28 EU-Länder zu reisen und Werbung für sich zu machen. TV-Duelle in verschiedenen Ländern wurden zu Beginn der Kampagnen geplant, der Auftritt am Donnerstagabend war der zweite. Zudem das erste TV-Duell in deutscher Sprache.

Dass Deutschland damit eine Sonderbehandlung in Europa bekommt, geschieht nicht ohne Grund: Schließlich ist für die beiden Kandidaten das Land mit den meisten EU-Bürgern auch das Land, in dem es die meisten Sitze im Parlament zu holen gibt.

Und darauf dürfte es am Ende ankommen. Denn Juncker und Schulz liefern sich mit ihren Fraktionen ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Und nur der Kandidat mit der stärksten Fraktion hinter sich, hat echte Chance, am Ende auch EU-Kommissionspräsident zu werden - so etwas wie der Bundeskanzler Europas also.

Dass beide die Chance ergreifen wollen, wurde beim Schlagabtausch beim ZDF in Berlin schnell klar. Immer wieder zeigten die beiden sich angriffslustig. Beispiel Steuerpolitik: Der konservative Juncker plädierte dafür, "auch steuerlichen Wettbewerb" zuzulassen. Schulz punktet mit seinem Bekenntnis zur Frauenquote:

"Ich will eine Kommission, die zur Hälfte aus Frauen besteht."

Wendepunkt auf dem Weg zur Europawahl

"Da bin ich entschieden anderer Meinung", ging Schulz dazwischen. Gerade das sei die Ursache für einen Unterbietungswettbewerb im Steuersystem.

Lange deutete es in dem Wahlkampf nicht darauf hin, dass es zu diesen Gefechten kommen würde. Zu ähnlich sind sich die beiden Kandidaten in vielen inhaltlichen Punkten, zu sehr schätzen sie sich auch persönlich.

Gelegentlich werden auch die Gemeinsamkeiten deutlich. Beispiel Ukraine: Juncker fordert, den Gesprächsfaden mit Russland nicht abreißen zu lassen. Schulz will die Ukraine um jeden Preis zusammenhalten. Im Kern sind sich beide in den Punkten nah.

Auf die Ähnlichkeiten angesprochen antwortet Juncker spöttisch: "Ich verstehe Wahlkampf nicht als das Organisieren von Massenschlägereien."

Trotzdem: Das TV Duell scheint eine Art Wendepunkt auf dem Weg zur Europawahl zu markieren. Spätestens ab jetzt sind beide im Wahlkampf-Modus. Jetzt kämpft jeder für sich selbst.

Auch beim Abschlussstatement wird klar, dass hier ein Konservativer gegen einen Linken kämpft. Schulz, der Sozialdemokrat, stellt die "Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit in Europa" als sein wichtigstes Ziel voran. Jean-Claude Juncker dagegen will "dauerhaftes Wachstum, ergo: stabile Staatsfinanzen".

Immer versuchen sich beide abzugrenzen, das erste Mal auch in der breiten Öffentlichkeit. Schulz ist der bessere Angreifer, Juncker punktet mit seiner langjährigen Erfahrung als Regierungschef: Als Schulz behauptet, Merkel habe den Türkei-Beitritt beschlossen, belehrt ihn Juncker eines Besseren. Das habe Schulz' Parteifreund Gerhard Schröder 1999 als Kanzler mitentschieden, auf dem Gipfel von Helsinki. Er wisse das genau, er sei nämlich dabei gewesen.

Es lässt interessante letzte Wahlkampfwochen erwarten. Endlich.

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insgesamt 83 Beiträge
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mister-m 09.05.2014
1. Ein Witz...
...mehr nicht. Man brauchte nur kurz reinschauen, und schon starrte die leere Langeweile zurück: der Ex-Bürgermeister von Würselen und der erklärte Lügner und Wortverdreher. Zu denen gesellen sich dann später die abgehalfterten Bundespolitiker - ein Trauerspiel.
eonyx81 09.05.2014
2. Klaro...
schätzen sich diese beiden Herren sehr. Sind ja beide Kollegen im Geiste - beides Verbrecher und absolut korrupt bis ins Mark. Tolle "Wahl" die wir da haben.
Peter Werner 09.05.2014
3.
Lieber Herr Schulz, ich bin ein großer Freund von Europa. Die europäische Einigung ist, so unvollständig und verbesserungswüdig sie noch sein mag, eine der ganz großen Errungenschaften des vergangenen Jahrhunderts. Umso wichtiger ist es, die Führungspositionen mit kompetenten Menschen zu besetzen. Im Idealfall wird eine Position durch den hierfür geeignetesten Menschen besetzt. Ich weiß, dies ist auch heute eher selten der Fall. Wieso jedoch möchten Sie die Wahrscheinlichkeit, die jeweils kompetenteste Person für die zu vergebenen Posten zu finden, noch weiter verringern? Durch jede zusätzliche Quote wird die Auswahl der zu Verfügung stehenden Personen weiter eingeschränkt. Sind unter den Kandidaten 30% weiblich und 70% männlich (ein durchaus übliches Verhältnis), so liegt bei einer Quote die Wahrscheinlichkeit, die geeignetste Person zu finden, bei 30%. Dies ist reine Mathematik. Mir ist es vollkommen gleichgültig, welches Geschlecht die entsprechende Person besitzt. Ist die geeignetste Person eine Frau, soll diese den Posten erhalten. Ist es ein Mann, so gehört dieser auf die Position Eine Partei, welche diesen Irrsinn nun auch auf diesen eminent wichtigen Positionen einführen möchte, werde ich nicht wählen. Einfach weil die Eigenschaft "Geschlecht" in keinerlei Zusammenhang mit der Kompetenz einer Person steht. Diskriminierung und auch Bevorzugung auf Grund einer biologischen Eigenschaft lehne ich ab. Für solch ideologischen Irrsinn ist mir Europa zu wichtig. Zumindest einmal mich haben Sie durch Ihre Aussage als Wähler verloren.
DerAraber 09.05.2014
4. Claude Junker ist so konservativ wie die CDU
oder Angela Merkel und ihre Bande - nämlich überhaupt nicht. Der kluge Europäer wählt keiner dieser beiden Politdarsteller.
smi117 09.05.2014
5. Austauschbar
Es ist komplett egal, wer von beiden gewinnt. Bei mir wird es daher auf eine "Protestpartei" herauslaufen. Wenn hier schon die Frauenquote in der Kommission angesprochen werden muss, kriegt man doch echt die Krise. Mir ist schleierhaft, wie der Autor darauf kommt, dass die letzten Wahlkampfwochen interessant werden sollen.
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