Britischer Europa-Wahlkampf Das verängstigte Königreich

In England sehen sie neuerdings überall Gefahren: am Bahnsteig wie auf der Rolltreppe, auf dem Arbeitsmarkt und natürlich in Brüssel. Die britischen Rechtspopulisten von der Ukip wissen die neue Ängstlichkeit im Europa-Wahlkampf für sich zu nutzen.

AP

Von , London


Es ist mir sehr lange nicht aufgefallen, aber England ist der heimliche Weltmeister im Warnen vor Gefahren, die keine sind. Jeder Tourist aus Neu-Ulm oder Tokio kennt den nervösen Hinweis in der Londoner U-Bahn, auf den Spalt zwischen Bahnsteigkante und Zugtür achtzugeben: "Mind the gap!" Seit kurzem aber erreicht der Zwang der Briten, noch auf kleinste Risiken hinzuweisen, ungekannte Höhen.

Zuletzt wurde mir das am Osterwochenende bewusst, am Flughafen von Gatwick. Im Shuttle vom Terminal zum Bahnhof warnte ein Lautsprecher die Passagiere, sie sollten sich festhalten, da der Wagen gleich losfahre. Wenig später rief mir eine Rolltreppe zu, dass sie gleich zu Ende sei - also Vorsicht! Der Zug wiederum bat mich mehrfach eindringlich, die Plakate mit den Sicherheitshinweisen zu beachten.

Man kann keinen Schritt mehr über die Insel tun, ohne von Schildern, Durchsagen oder übereifrigem Personal daran erinnert zu werden, wie riskant das Leben ist. Es sieht aus, als sei Großbritannien ein verdruckstes Land geworden, das immer besessener versucht, auch noch die winzigste, lächerlichste Wahrscheinlichkeit eines Missgeschicks zu eliminieren.

Ich lebe hier seit anderthalb Jahren, mittlerweile habe ich das Gefühl, dass die Ämter und Behörden ihre Bürger am liebsten in Luftpolsterfolie einwickeln würden, sobald sie hinaus ins Freie treten.

Die Angstmacher von der Ukip

Es ist deshalb bitter, aber nicht überraschend, dass wenige Wochen vor der Europawahl eine Partei Zuwachs bekommt, die mit der neuen Ängstlichkeit der Briten so gut spielt wie keine andere politische Gruppierung. Die Partei heißt Ukip oder UK Independence Party, ihr Vorsitzender Nigel Farage hat gerade die Plakate für den Wahlkampf vorgestellt. Auf einem der Plakate sitzt ein britischer Arbeiter im Schneidersitz auf dem Gehweg, vor sich einen Plastikbecher mit etwas Kleingeld. Die Botschaft lautet: Wenn wir nicht aufpassen, nehmen uns Billiglöhner aus den Armenhäusern im Süden und Osten Europas die Arbeitsplätze weg. Andere Plakate warnen vor dem wachsenden Einfluss der EU und vor Brüsseler Bürokraten, deren "Promi-Lifestyle" vom britischen Steuerzahler mitfinanziert werde.

Wenn die Umfragen recht behalten, kommt Ukip am 22. Mai hinter Labour auf den zweiten Platz, möglicherweise gewinnt Farages Truppe die Wahl sogar. Es wäre ein Sieg der Angst über die Vernunft, der endgültige Triumph der Panik. Farage kämpft seit Jahren dafür, dass sich England aus Europa zurückzieht, er argumentiert gegen militärische oder humanitäre Interventionen und für die Kürzung der Entwicklungshilfe.

Natürlich ist Ukip nicht so radikal wie der Front National in Frankreich, Nigel Farage ist nicht Marine Le Pen. Die Partei ist ein Sammelbecken weniger der Wütenden als vielmehr der Verzagten auf der Insel, die aus Furcht vor der komplexen Wirklichkeit ihre Haustür verrammeln. Ukip ist die Partei von Little England, im Grunde eine traurige Bewegung.

Phantomschmerz der verlorenen Macht

Neulich traf ich Linda Colley in London auf eine Tasse Tee, eine britische Historikerin, die inzwischen in Princeton lehrt. Colley war gerade in der Stadt, um ihre Familie zu besuchen und ihr neues Buch "Acts of Union" zu bewerben, eine historische Bestandsaufnahme der britischen Identität. Das Erfrischende an ihr ist, dass sie mit der Schärfe einer Emigrantin auf ihre alte Heimat blickt.

Colley sagt, man müsse vor allem zwischen Engländern, Schotten, Walisern und Nordiren unterscheiden. Die Angst vor dem Fremden sei vor allem bei den Engländern groß, und zwar auch deshalb, weil sich in den vergangenen Jahren die Machtverhältnisse weg vom Zentrum, hin zu den Teilstaaten des Königreichs verschoben hätten.

Seit Ende der neunziger Jahre gewinnen die Parlamente in Schottland, Nordirland und Wales immer mehr an Einfluss. "England wurde dabei vergessen", sagt Colley. Sie schlägt deshalb ein Parlament für Engländer vor, für den Rumpf des Königreichs, zusätzlich zu dem Unter- und Oberhaus in Westminster. Vielleicht könnte dadurch der Schmerz über den Machtverlust gemindert werden, sagt sie. "Und wer weiß, womöglich verschwindet dann auch die feindliche Rhetorik gegen Einwanderer."

Großbritannien ist eine Nation, die sich vor sich selbst fürchtet. Die Bindungskräfte zwischen der Insel und Europa werden schwächer, vielleicht spielt Gleichgültigkeit eine Rolle. Colley sagt, im 20. Jahrhundert hätten britische Politiker neben Englisch oft mehrere europäische Fremdsprachen beherrscht. "Das ist heute seltener der Fall." Es war ein kleines, aber peinliches Versehen, als Premier David Cameron vor einiger Zeit Schwierigkeiten hatte, den Begriff "Magna Charta" aus dem Lateinischen zu übersetzen, immerhin die Gründungsurkunde der modernen Demokratie.

Wenn ich derzeit an England denke, habe ich zwei Bilder im Kopf: Nigel Farage und Prinz William. Während Farage seinen Landsleuten erklärt, warum Einwanderung schlecht ist, reist William mit Herzogin Kate und dem gemeinsamen Baby gutgelaunt durch das frühere Kolonialgebiet auf der Südhalbkugel. Vielleicht ist es gar nicht so schwer, wie man denken würde, diese beiden Bilder zusammenzubringen.

insgesamt 40 Beiträge
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TheBear 25.04.2014
1. Ideallösung
Zitat von sysopAPIn England sehen sie neuerdings überall Gefahren: am Bahnsteig wie auf der Rolltreppe, auf dem Arbeitsmarkt und natürlich in Brüssel. Die britischen Rechtspopulisten von der Ukip wissen die neue Ängstlichkeit im Europa-Wahlkampf für sich zu nutzen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/europawahl-wie-die-rechtspopulisten-von-der-ukip-um-waehler-buhlen-a-965767.html
Vielleicht, hoffentlich können die was in Richtung Ideallösung bewegen: Nordirland an Irland zurückgegebn (schon wegen Geographie) und für den Rest nun auch die offizielle Aufnahme in den USA beantragen. Gäbe endlich mal auch formal die wirklichen Verhältnisse wieder.
Sabi 25.04.2014
2. ich auch
Auch ich will keine Regierung von Kommissaren u. EU-Präsidenten à la Schnulz u. Juncker. Daher AfD !
MartinDominik 25.04.2014
3. Sprachkentnisse
Vizepremier Nick Clegg, Sohn einer Niederländerin und mit einer Spanierin verheiratet, spricht Niederländisch, Spanish, Französisch und Deutsch.
Oliver Schönrock 25.04.2014
4. Halb richtig
Wohne schon seit 13 Jahren hier (UK). Habe in meinem Leben schon in 6 Ländern der Welt gelebt, dh Perspektive kein Problem. Mit der Angst vor dem Lächerlichen hat Herr Scheuermann Recht. Sicher hat auch UKIP viele kleinliche Unterstützer (Little Englanders). Allerdings werde ich auch UKIP wählen, als Ausländer und deutscher Staatsbürger! Der Grund? Von ungewählten Bürokraten in Brüssel regiert zu werden ist das Ende der Demokratie. Martin Schulz? Ich bitte Sie. Und der jetzt Ausscheidene van Rompoy will nicht einmal dass das Parliament überhaupt auch nur ein bisschen Einfluss hat auf diesen Posten hat, obwohl es ihm laut Lissabon jetzt zusteht. Die noch daheim wohnenden Deutschen sollten sich einmal überlegen, was sie dort für einen Verein unterstützen. Vom Euro ganz zu schweigen.
helle_birne 25.04.2014
5. Meines Wissens sehen
die EU-Verträge einen Austritt einzelner Länder aus der EU gar nicht vor. Die Briten können daher ohne Zustimmung aller anderen EU-Mitglieder gar nicht rechtmäßig aus der EU austreten. Von daher können die Briten wählen, wen sie wollen, jede dieser Regierungen hat sich gefälligst an die EU-Verträge zu halten und darf nicht einfach austreten, oder will man britischerseits einen völkerrechtlichen Konflikt mit der EU und den andern Mitgliedsstaaten provozieren???
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