Krise am Eurotunnel Großbritannien warnt Migranten vor falschen Hoffnungen

"Unsere Straßen sind nicht mit Gold gepflastert": Die britische Innenministerin will Migranten von der illegalen Einreise durch den Eurotunnel abschrecken. Regierungschef Cameron gerät wegen der Krise in Calais zunehmend in die Kritik.

Warten auf England: Frauen aus Eritrea am Eurotunnel in Calais
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Warten auf England: Frauen aus Eritrea am Eurotunnel in Calais


Die britische Innenministerin Theresa May hat Flüchtlinge im französischen Calais davor gewarnt, mit falschen Erwartungen die Einreise ins Vereinigte Königreich zu versuchen. "Viele sehen Europa, und besonders Großbritannien, als einen Ort, der die Aussicht auf finanziellen Gewinn bietet", schrieb May in einem gemeinsamen Beitrag mit dem französischen Innenminister Bernard Cazeneuve. "Das trifft nicht zu - unsere Straßen sind nicht mit Gold gepflastert."

Das Schreiben wurde am Sonntag in den Zeitungen "Journal du Dimanche" und "Telegraph" veröffentlicht. May und Cazeneuve erklären darin die Beilegung der Flüchtlingskrise am Eurotunnel in Calais zur obersten Priorität ihrer Politik. Die Regierungen beider Länder seien "entschlossen", das Problem "gemeinsam zu lösen".

Cazeneuve und May hatten sich am Dienstag in London getroffen. Nach den Gesprächen kündigte die britische Ministerin an, umgerechnet zehn Millionen Euro zusätzlich für die Grenzsicherung bereitzustellen.

"Frankreich ist Hundeleben, England gutes Leben": Graffito in Flüchtlingscamp bei Calais
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"Frankreich ist Hundeleben, England gutes Leben": Graffito in Flüchtlingscamp bei Calais

Verstärktes Sicherheitsaufgebot

Seit Wochen bemühen sich nahe Calais immer wieder Hunderte Migranten, nachts zum Eurotunnel vorzudringen, um an Bord von Güterzügen oder Lkw nach Großbritannien zu gelangen. Mitunter zählten die Behörden pro Nacht 2000 abgewehrte Versuche.

Nach der Verstärkung des Sicherheitsaufgebots vor dem Eurotunnel nahm die Zahl deutlich ab. In der Nacht zum Samstag wurden der Polizei zufolge nur noch etwa 300 Versuche von Flüchtlingen registriert, die Absperrungen zu überwinden.

Cazeneuve und May sprachen mit Bezug auf die neuen Maßnahmen von einem "klaren Signal": "Unsere Grenzen sind sicher und es gibt keinen leichten Weg nach Großbritannien." Zugleich appellierten sie an andere EU-Länder, sich an der Lösung des Problems zu beteiligen. Die Welt leide unter einer "globalen Flüchtlingskrise" - diese könne aber nicht von Frankreich und Großbritannien allein geschultert werden.

Kritik an Cameron

In der britischen Öffentlichkeit wächst unterdessen Kritik an David Camerons Umgang mit der Lage. Der Premierminister hatte harte Abwehrmaßnahmen angekündigt und die Migranten unter anderem als "Schwarm" bezeichnet. Die englische Kirche warf Cameron laut einem Bericht des "Guardian" vor, seine Wortwahl sei nicht hilfreich. Der Bischoff von Dover, Trevor Willmott, sagte: "Wir müssen wieder entdecken, was es bedeutet, ein Mensch zu sein und dass jeder Mensch zählt."

Der Uno-Sondergesandte für Migration, Peter Sutherland, warf Großbritannien sogar vor, es habe nichts aus der NS-Zeit gelernt. "Viele in Calais sind Flüchtlinge, genauso wie die Juden 1939", sagte er. "Sie können beweisen, dass sie verfolgt wurden und werden."

Andere Töne schlägt die derzeitige Führerin der oppositionellen Labour-Partei, Harriet Harman, an. Sie warf Cameron vor, er habe die Krise mit seiner Wortwahl angeheizt, ohne wirkliche Lösungen zu suchen. Die Kosten trügen nun britische Unternehmen und Familien durch lange Wartezeiten vor der Durchquerung des Tunnels. Harman forderte Cameron auf, er solle von Frankreich Entschädigungen für diese Kosten fordern, "unterstützt durch jede Form diplomatischen Drucks, der nötig werden könnte."

dab/AFP

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