Ziel Großbritannien Warum Flüchtlinge am Eurotunnel ihr Leben riskieren

Die Flucht durch den Eurotunnel nach Großbritannien ist sehr gefährlich: Allein seit Anfang Juni starben dabei mindestens zehn Menschen. Was zieht dennoch Tausende Menschen hierher? Der Überblick.

AFP

  • Was zieht die Flüchtlinge von Frankreich nach Großbritannien?

Viele Flüchtlinge erhoffen sich in Großbritannien ein besseres Leben und die Aussicht auf einen Job. Die wirtschaftliche Lage ist dort deutlich besser (Arbeitslosenquote: 5,4 Prozent/Februar) als in Frankreich (Arbeitslosenquote: 10,5 Prozent/Februar). Hinzu kommt das abschreckende Asylsystem in Frankreich: Für viele Flüchtlinge gibt es dort wegen chronischer Überfüllung der Unterkünfte kein Dach über dem Kopf, etliche leben auf der Straße, die Bearbeitungszeiten für Asylanträge sind vergleichsweise lang. In Großbritannien fällt zudem die Anerkennungsquote für Asylbewerber höher aus als in Frankreich, allerdings ist dort auch die Zahl der Anträge geringer. Auch die Sprache dürfte eine Rolle spielen: Englisch ist unter den Migranten deutlich stärker verbreitet als Französisch - viele von ihnen sind deshalb überzeugt, dass für sie ein Leben im Vereinigten Königreich leichter wäre als in Frankreich.

  • Wie viele Menschen warten in Calais auf einen geeigneten Zeitpunkt für die Flucht?

Dazu gibt es keine offiziellen Zahlen, lediglich Schätzungen: Demnach warten zwischen 3000 und 5000 Migranten auf eine solche Gelegenheit. Der Betreiber Eurotunnel hat in diesem Jahr auf der französischen Seite bereits mehr als 37.000 Versuche gezählt, die Grenze illegal zu überqueren. Bislang soll 150 Migranten die Flucht durch den Eurotunnel gelungen sein. Wer scheitert, nimmt danach oft einen erneuten Anlauf. Geschätzt 3000 Migranten, viele von ihnen aus Eritrea, Sudan oder Afghanistan, harren im Flüchtlingslager von Calais aus, das dort von allen "Neuer Dschungel" genannt wird: In dem slumähnlichen Camp auf dem Gelände einer ehemaligen Mülldeponie stehen Zelte, viele Flüchtlinge haben sich notdürftigen Schutz aus Plastikplanen und Ästen gebaut. Die hygienischen Bedingungen gelten als katastrophal: Es gebe dort lediglich 20 Toiletten und 30 Wasserstellen, hatten die Hilfsorganisationen "Médecins du Monde", "Solidarités International", "Secours Catholique" und "Secours Islamique" im Juni erklärt. Die dortigen Lebensbedingungen seien nicht mit den Normen der Vereinten Nationen in Einklang zu bringen: "Sind wir noch in Frankreich?", fragten die Hilfsorganisationen.

Wie laufen die Fluchtversuche ab?

Nacht für Nacht versuchen Migranten, zum Eurotunnel vorzudringen. Sie klettern über Absperrungen und versuchen auf Lastwagen und Züge zu springen, die unter dem Ärmelkanal nach Großbritannien fahren. Das Gelände vor dem Tunneleingang ist mit 650 Hektar sehr groß und dadurch nur schwer zu sichern. Die Polizei ist mit Suchscheinwerfern und Wärmebildkameras im Einsatz. Sicherheitsteams reparieren rund um die Uhr die Zäune, die sich über eine Länge von 28 Kilometern erstrecken - undichte Stellen gibt es aber immer wieder. Manche Flüchtlinge brechen die Hecktüren der Lastwagen auf, um sich hinter der Fracht zu verstecken, andere springen von Brücken auf die Dächer der Fahrzeuge. Viele Migranten verletzen sich bei den halsbrecherischen Aktionen, immer wieder enden die riskanten Fluchtversuche tödlich: Allein seit Anfang Juni kamen mindestens zehn Migranten bei ihrem Versuch ums Leben, durch den Eurotunnel nach Großbritannien zu gelangen.

  • Was tun Frankreich und Großbritannien gegen das Flüchtlingsdrama?

Beide Länder setzen auf eine Verschärfung der Sicherheitsmaßnahmen. Die Regierung in London will mit mehr Zäunen und Spürhunden auf den Andrang von Flüchtlingen auf der französischen Seite des Tunnels reagieren. "Die Situation ist inakzeptabel", sagte Premier David Cameron am Freitag nach einer Dringlichkeitssitzung von Ministern und Sicherheitsvertretern. "Menschen versuchen illegal in unser Land zu kommen, und hier gibt es Behinderungen für Fernfahrer und Urlauber. Wir werden mehr Zäune, mehr Mittel, mehr Spürhunde-Staffeln schicken." Die Flüchtlingskrise werde "den gesamten Sommer über ein schwieriges Thema" bleiben. Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve kündigte kürzlich an, zusätzlich 120 Polizisten nach Calais zu schicken.

  • Was unternimmt der Betreiber des Eurotunnels?

Eurotunnel hat inzwischen die Zahl der privaten Sicherheitsleute erhöht, jüngsten Berichten zufolge liegt sie jetzt bei 200. Sie unterstützen die Polizisten. Nach eigenen Angaben hat der Betreiber seit Jahresbeginn rund 13 Millionen Euro für Sicherheitsmaßnahmen ausgegeben, so viel wie im gesamten Vorjahr. Frankreichs Innenminister Cazeneuve hatte der Unternehmensleitung zuletzt vorgeworfen, angesichts der "sich verschlimmernden Situation" nicht die notwendigen Maßnahmen ergriffen zu haben.

  • Welche Folgen hat das Fluchtdrama für die Lkw-Fahrer und Transportunternehmen?

Der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung ist seit Wochen alarmiert: Flüchtlinge würden in Gruppen versuchen, "einzelne Lkw regelrecht zu entern", Schlösser und Plomben der Fahrzeuge würden aufgebrochen, die Ladung teilweise aus dem Lkw herausgeworfen, hieß es bereits Mitte Mai. Kunden in Großbritannien würden immer häufiger die Annahme von Waren verweigern, wenn sie "unvollständig, beschädigt oder durch Exkremente beschmutzt" ihr Ziel erreiche. Zudem seien Fahrer mit Gewaltanwendung bedroht worden, wenn sie sich gegen das Eindringen von Migranten auf die Ladefläche wehrten. Als besonders problematisch gilt dem Verband zufolge auch, dass Fahrer und Unternehmen "rechtlich wegen Menschenschmuggels wie gemeine Schlepperbanden belangt" werden, wenn britische Beamte Flüchtlinge auf den Fahrzeugen finden. Die britische Gesetzgebung sehe eine Unschuldsvermutung nicht vor.

hen/dpa/AFP/Reuters

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