Aufholjagd vor der Griechen-Wahl: Der Bulle von Athen

Von Julia Amalia Heyer, Athen

Evangelos Venizelos verkörpert die Misere Griechenlands - für seine Landsleute und die anderen Europäer war er lange der Sündenbock. Und doch steht der Sozialist unangefochten an der Spitze seiner Partei. Bei der Wahl am Sonntag könnte er einen Erfolg erringen.

Evangelos Venizelos: Die Aufholjagd des griechischen Sozialistenchefs Fotos
AFP

Er hat breite Schultern, er ist für Lasten gewappnet. Stiernackig stellt er sich Widerständen entgegen. Dazu gehört auch der ewige Abgesang auf die eigenen Partei, seine Pasok: Evangelos Venizelos hätte schon ein paar Mal die Flinte ins Korn werfen können, und wer hätte es ihm verübeln wollen? Stattdessen ist er geblieben, als das Zoon politikon, das politische Tier, das er ist. Am Sonntag zieht er in die entscheidende Schlacht: dann ist Wahltag in Griechenland.

Schon als er im Juni 2011 vom Verteidigungsministerium ins Finanzministerium wechselte, lag ihm die Kriegsmetapher auf der Zunge: Jetzt ziehe er "in den richtigen Krieg", sagte er damals. Ein Kampf war es tatsächlich, und aufgegeben hat Venizelos bis jetzt nicht. Dabei hätte es genug Gelegenheiten dafür gegeben.

Im Januar zum Beispiel, als sich die Verhandlungen über die Umschuldung Griechenlands, den sogenannten Schuldenschnitt, Woche für Woche hinzogen. Der Finanzminister Venizelos war so etwas wie der Prellbock zwischen allen Kräften. Er musste zu Treffen der Kollegen der Euro-Gruppe reisen, mit nichts als der Nachricht: wieder keine Einigung. Er musste zu Hause erklären, was ein Schuldenschnitt bedeutet. Was es heißt, eine tragfähige Verschuldung bis 2020 zu erreichen. Er war es, der die Konfrontationen mit der Troika durchzustehen hatte und - was nicht weniger aufreibend war: die mit den eigenen Genossen.

Dabei zeigte Venizelos immer aufs Neue, dass er ein gelernter Politiker ist und kein Technokrat wie Übergangs-Premier Loukas Papademos. Ihm ging es, anders als Papademos, um die eigene Sache - weil es der eigenen Partei an den Kragen ging. Die verlor stetig in den Umfragen. "Manchmal bin ich sehr erschöpft", hat er damals in einem Interview gesagt. Und tatsächlich war er ziemlich grau im Gesicht.

Ein Mensch am Limit

Wer Evangelos Venizelos zu dieser Zeit gesehen hat, im Fernsehen, auf einer Pressekonferenz, sah einen Menschen am Limit. Jemanden, der, noch die misslichste Lage als Erfolg, als Fortschritt, mindestens aber als Patt, verkaufen musste.

Es war die Zeit, als seine Pasok, die Regierungspartei, bei 8 Prozent dümpelte. Mit stolzen 43,9 Prozent und dem leersten aller Versprechen, es sei "Geld für alle da", hatte Georgios Papandreou im Oktober 2009 die Wahl gewonnen. Dieses falsche Versprechen wird Venizelos jetzt bei der Wahl noch auf die Füße fallen. Es ist auch ein Grund dafür, dass die Pasok im Moment so abgehalftert erscheint.

Venizelos ist mittlerweile zu einer Art Wappentier der griechischen Misere geworden. Die Krise hat ihn bekannt gemacht. Das Kuriose daran: Sie hat ihn, zumindest bis jetzt, nicht ruiniert. Nicht gesundheitlich, und was noch erstaunlicher ist: auch nicht politisch. Egal, wie die Wahl am Sonntag ausgehen wird, Evangelos Venizelos hat bereits mehr als einen Achtungserfolg erzielt. Er hat die Flinte nicht ins Korn geworfen. Stattdessen hat er sich während des historischen Tiefs seiner Partei im März zum Vorsitzenden wählen lassen, mit der putinhaften Zustimmung von mehr als 90 Prozent; als einziger Kandidat. Er hat für diese Wahl 250.000 Mitstreiter mobilisiert, eine Zahl, die man der darniederliegenden Pasok gar nicht mehr zugetraut hatte.

Auch deshalb ist Venizelos ein Beispiel dafür, dass die beiden großen Machtpole, die Pasok und ihr konservatives Pendant Nea Dimokratia, aller Voraussicht nach eben nicht so einfach abgeschrieben werden können. Die beiden haben das Land so lange unter sich aufgeteilt, es geprägt und geformt, dass der Reflex in der Bevölkerung, das Rettende trotz allem Unmut bei diesen beiden zu suchen, tief sitzt.

Rhetorisch begabt, aber arrogant

Obwohl Venizelos alles andere als ein neuer Stern am politischen Horizont Griechenlands ist, lebt die Pasok seit seiner Wahl zum Vorsitzenden auf. Dieser Aufwind beweist auch, dass die Griechen sich nicht alle trotzig in die Schmollecke zurückziehen -- obwohl man es ihnen bei dem politischen Personal kaum verdenken könnte.

So war es Venizelos, der letzten Sommer mit kräftiger Stimme verlauten ließ, dass Sondersteuern nicht über die Stromrechnung eingetrieben werden sollen. Nur um kurz darauf eine Immobilien-Sondersteuer, Charatzi genannt, über die Stromrechnung einzutreiben.

Ginge es den Griechen jetzt allein um persönliche Popularität, dann hätte Venizelos, der als arroganter Bildungshuber mit außergewöhnlichen rhetorischen Fähigkeiten gilt, wohl keine Chance. Wenn er eine hat, dann wohl eher aufgrund seiner Beharrlichkeit , die ihm, wenn nicht Bewunderung so doch einigen Respekt einzubringen scheint.

"Es ist ein schwieriger Weg, aber ein sicherer"

Ganz im Gegenteil zu seinem konservativen Kontrahenten Antonis Samaras, dem Harvard-Absolventen, der immer etwas elitär daherkommt, wenn er, wie so oft in diesem Wahlkampf, wieder einmal sämtlichen Realitäten abschwört. Da wirkt Venizelos geerdeter: Er schließt eine Koalition nicht aus.

Er betont, vor welchen schwierigen Entscheidungen das Land steht und verteidigt seine Linie - die eben auch zu einem Gutteil die des IWF und der EU und bei den Griechen damit größtenteils äußerst verhasst ist. "Es ist ein schwieriger Weg, aber es ist ein sicherer", ruft er von Tribünen und Podien im ganzen Land. Er, Venizelos, brauche keinen Triumph, er wolle vielmehr eine "verantwortungsvolle Kooperation". So weit, so schwammig, aber im Vergleich zu den martialischen Alleinregierungsreden seines Rivalen Samaras, klingt das schlicht ein bisschen reeller.

Er zählt auch in seinen Reden nicht sämtliche Grausamkeiten der verhassten Sparpolitik auf. Er macht aber immerhin klar, dass es, zumindest bisher, keine Alternative dafür gibt. Außer einer: der Rückkehr zur Drachme. Und das ist dann als Drohung zu begreifen. Venizelos ist ein Gegenstück zu den smarten Ivy-League-Sprösslingen wie Samaras oder seinem Vorgänger Papandreou. Er kommt aus normalen Verhältnissen, hat in Thessaloniki Jura studiert und wurde mit 29 bereits Professor. 1990 entschied er sich, in die Politik zu gehen und wurde zum Spindoctor für Andreas Papandreou, den Vater von Georgios.

Venizelos war achtmal Minister, ob er jetzt Premier wird (was nicht sehr wahrscheinlich ist), oder nicht, eins steht fest: Der "Krieg" wird für ihn, den alten Kämpfer, wohl noch lange nicht vorbei sein. Egal auf welchem Posten.

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1. Schöne Wahl
Klaschfr 06.05.2012
Zitat von sysopAFPEvangelos Venizelos verkörpert die Misere Griechenlands - für seine Landsleute und die anderen Europäer war er lange der Sündenbock. Und doch steht der Sozialist unangefochten an der Spitze seiner Partei. Bei der Wahl am Sonntag könnte er einen Erfolg erringen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,831455,00.html
Wiederum den Bock zum Gärtner zu machen, führt Griechenland nicht aus der Krise.
2. Einfach nur ein rechter K........brocken.
herr_kowalski 06.05.2012
Zitat von sysopAFPEvangelos Venizelos verkörpert die Misere Griechenlands - für seine Landsleute und die anderen Europäer war er lange der Sündenbock. Und doch steht der Sozialist unangefochten an der Spitze seiner Partei. Bei der Wahl am Sonntag könnte er einen Erfolg erringen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,831455,00.html
So sehen ihn wohl die meisten seiner Landsleute. Ein Profiteur vom Betrafen der Masse nach den Fehlern seinesgleichen.
3. Optimal
viersener 06.05.2012
wäre, wenn Griechenland unregierbar würde und aus der Euro Zone - nicht aus der EU - ausscheidet. Optimal wäre, wenn Griechenland seine Politkriminellen endlich zum Teufel jagen würde und zu einer wirklichen Demokratie, mit einigermaßen ehrlichen Politikern finden würde. Die hat Griechenland noch nie gehabt. ( Die Demokratie )
4. Man wird sehen
konnt_ja_keiner_ahnen 06.05.2012
Die Griechen werden schon eine Regierung hinkriegen. Die sind noch nicht so deppert wie wir und wissen, was ihnen gut tut. Und in dem Fall sinds die Rettungsmilliarden aus der EU. Wenigstens für die Mehrheit - NOCH!
5.
Panslawist 06.05.2012
Zitat von viersenerwäre, wenn Griechenland unregierbar würde und aus der Euro Zone - nicht aus der EU - ausscheidet. Optimal wäre, wenn Griechenland seine Politkriminellen endlich zum Teufel jagen würde und zu einer wirklichen Demokratie, mit einigermaßen ehrlichen Politikern finden würde. Die hat Griechenland noch nie gehabt. ( Die Demokratie )
Samaras wird die Regierung stellen und einen Austritt aus dem Euro ohne aus der EU auszutreten, wird es ncht geben. Griechenland wird aus der EU austreten und mit Serbien, Rumänien und Bulgarien einen Balkanbund gründen, der sich an Rußland orientieren wird. Darüber können nur europäische Nationalisten und Imperialisten traurig sein, aber das interessiert uns nicht.
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Fotostrecke
Wahl in Griechenland: Die Hauptdarsteller beim Athener Wahldrama

Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 11,305 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Karolos Papoulias

Regierungschef: Antonis Samaras

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Die wichtigsten Parteien in Griechenland
Pasok - sozialdemokratisch
Die Panhellenische Sozialistische Bewegung (Pasok) schaffte bei der vergangenen Parlamentswahl 2009 mit 43,9 Prozent einen Erdrutschsieg - und wurde bei der Wahl am 6. Mai dieses Jahres brutal abgestraft (13,2). Die Partei um den Vorsitzenden Evangelos Venizelos hat vor allem wegen der harten Sparmaßnahmen der Regierung deutlich an Unterstützung verloren. Pasok ist für den Verbleib Griechenlands in der Euro-Zone. Dafür müsse das Sparprogramm konsequent befolgt werden, fordern sie. Auch bei der Neuauflage der Wahl wird der Partei ein schwaches Ergebnis vorhergesagt.
ND - liberal-konservativ
Die konservative Nea Dimokratia (ND) fordert vehement den Verbleib Griechenlands in der Euro-Zone. Vorsitzender ist der Ökonom Antonis Samaras, 60. Die Partei hatte Griechenland 1981 in die damalige Europäische Gemeinschaft geführt. Samaras hat den Gläubigern des Landes zugesichert, dass auch nach den Wahlen das Stabilisierungs- und Sparprogramm für Griechenland weiter umgesetzt werden. Dafür bekam seine Partei bei der Wahl am 6. Mai die Quittung: Auf 18,9 Prozent kam ND, 2009 waren es noch 33,5 Prozent gewesen. Wie Pasok dürfte auch Nea Dimokratia bei der Neuwahl schlecht abschneiden.
KKE - kommunistisch
Die Kommunistische Partei Griechenlands (KKE) fordert vehement den sofortigen "Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone und der EU". Kein Cent solle an die Gläubiger gezahlt werden. Die 1918 gegründete Partei vertritt marxistische und leninistische Thesen. Die Vorsitzende Aleka Papariga führt die Partei seit 1991. Sie konnte im Vergleich zu den großen Volksparteien bei der ersten Wahl 2012 um einen Prozentpunkt zulegen und kam auf 8,5. Die Chancen der Kommunisten stehen auch am 17. Juni gut.
Laos - rechtspopulistisch
Die Orthodoxe Volkszusammenkunft (Laos) ist eine rechtsorientierte Partei. Sie ist für den Verbleib Griechenlands in der Euro-Zone. Das Sparprogramm müsse aber neu ausgehandelt werden, fordern sie. Migranten sollten sofort das Land verlassen. Laos liegt in Umfragen bei etwa 4,5 Prozent. Vorsitzender ist Giorgos Karatzaferis, der aus der ND ausgeschlossen wurde. Mit 2,9 Prozent verfehlte die Partei bei der letzten Wahl den Einzug ins Parlament hauchdünn. Auch bei der Neuauflage muss die Partei zittern.
Syriza - linkes Wahlbündnis
Das Bündnis der Radikalen Linken (Syriza) könnte der große Gewinner der Krise werden. Die Partei lehnt das Sparprogramm der EU vehement ab. Zwar plädieren die Linken für den Verbleib Griechenlands in der EU und dem Euro-Land. Athen sollte aber einseitig erklären, es zahle seine Schulden nicht. Mit diesem radikalen Kurs holte die Partei am 6. Mai 16,8 Prozent der Stimmen (2009: 4,6 Prozent). Nun wird ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der Nea Dimokratia prophezeit.
Chrysi Avgi - rechtsradikal
In der Krise feiern die radikalen Parteien Erfolge. So auch Chrysi Avi (Goldene Morgenröte, Abkürzung XA), eine rassistische, ausländerfeindliche und faschistische Partei. Sie spricht sich für die "Vertreibung" aller Migranten aus Griechenland aus. Viele ihrer Mitglieder sind gewaltbereit. Auf sieben Prozent brachten es die Neonazis bei der letzten Wahl (2009: 0,3 Prozent). Nun droht eine Wiederholung dieses spektakulären Resultats.
Unabhängige Griechen (Anel) - rechtslastig
Die Partei Unabhängige Griechen mit ihrem Vorsitzenden Panos Kammenos könnte ein weiterer Gewinner der Wahl werden. Aus dem Stand kamen die Rechten am 6. Mai auf 10,6 Prozent. Sie profitieren vom Hass auf die deutsche Regierung. "Die deutsche Führung versucht, das Gesicht Europas zu verändern", heizt Kammenos die Stimmung an. Das Land sei "besetzt" von den Geldgebern und müsse "befreit" werden. Athen sollte nichts an die Banken zurückzahlen. Die Partei ist ausländerfeindlich und fordert zudem deutsche Reparationszahlungen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs.
Demokratische Linke (Dimar) - links
Die Dimar ist eine gemäßigte Abspaltung aus dem Bündnis der Linken. Die Partei setzt sich für den Verbleib im Euro-Land aus. Chef ist der Rechtsanwalt Fotis Kouvelis. 2009 war die Partei noch nicht angetreten, am 6. Mai 2012 brachte die es dann sofort auf 6,1 Prozent. Auch bei der Neuauflage der Wahl dürfte es für den Einzug in das Parlament locker reichen.