Ex-Diktator gefasst Saddam Hussein versteckte sich im Erdloch

Nach acht Monaten der Flucht ist Saddam Hussein der US-Armee in die Hände gefallen. Der Ex-Diktator kauerte in einem Schmutzloch auf einem Bauernhof südlich von Tikrit. Bei seiner Verhaftung war er bewaffnet - doch er ergab sich ohne Widerstand.


Aufnahmen nach der Festnahme: DNS bereits identifiziert
REUTERS

Aufnahmen nach der Festnahme: DNS bereits identifiziert

Bagdad/Washington - Bei aller Dramatik vergaß Paul Bremer die Höflichkeit nicht. "Meine Damen und Herren", begann der oberste US-Verwalter seine Pressekonferenz in Bagdad, "wir haben ihn." Unter den anwesenden irakischen Journalisten brach Jubel aus. "Tod für Saddam!", riefen sie auf Arabisch immer wieder.

Bremer sagte, Hussein sei am Samstag um 20.30 Uhr Ortszeit in Adwar aufgegriffen worden, 20 Kilometer südlich seiner Geburtsstadt Tikrit. Saddam habe sich auf dem Gelände eines Bauernhofes in einem Schmutzloch versteckt gehabt.

Wie US-Generalmajor Raymond Odierno am Sonntag mitteilte, sei der Hinweis auf den Aufenthaltsort des früheren Diktators aus einer ihm nahe stehenden Familie gekommen. Der Kommandeur der 4. Infanteriedivision sagte, in den vergangenen zehn Tagen seien fünf bis zehn Mitglieder dieser Familie vernommen worden: "Schließlich haben wir von einer dieser Personen die entscheidende Information bekommen."

"Redselig und kooperativ"

Der US-Oberbefehlshaber General Ricardo Sanchez sagte bei der Pressekonferenz in Bagdad, der Ex-Diktator habe keinen Widerstand geleistet. "Es fiel kein einziger Schuss", Verletzte habe es nicht gegeben. Saddam sei "redselig und kooperativ" und werde nun an einem geheimen Ort festgehalten.

Nach DNS-Proben sei er einwandfrei identifiziert. Auch der frühere irakische Vizepremier Tarik Asis, der seit Monaten in US-Haft sitzt, soll bei der Identifizierung geholfen haben. Ungeklärt ist laut Sanchez noch, ob Saddam den irakischen Widerstand gegen die US-Truppen persönlich dirigiert habe.

Enttarntes Versteck: Ein US-Soldat zeigt eine Karte des Areals, in dem Saddam Hussein gefunden wurde
AP

Enttarntes Versteck: Ein US-Soldat zeigt eine Karte des Areals, in dem Saddam Hussein gefunden wurde

Der US-Kommandeur führte aus, die US-Armee habe durch Festgenommene und Geheimdienstaufklärung Informationen über Saddams Verbleib erhalten. Demnach habe sich der Ex-Diktator angeblich an zwei bestimmten Orten in der Nähe von Tikrit aufgehalten. Als er dort nicht entdeckt worden sei, habe die Armee die gesamte Umgebung abgesperrt und durchsucht, bis man das Versteck fand.

Kurdenkämpfer halfen den Amerikanern

600 Soldaten seien an der "Operation Morgenröte" beteiligt gewesen. Kurdische Kämpfer, so genannte Peschmerga, hätten ebenfalls teilgenommen. Auf den Videobildern war auch das Erdloch zu sehen, in dem Saddam sich verbarg. US-Truppen hätten den Ex-Diktator mit Schaufeln ausgegraben, hieß es von US-Seite.

Saddam Hussein sei in einer Höhle gefunden worden, die mit Styrofoam und einem Teppich abgedeckt gewesen sei. Er habe zwar eine Pistole gehabt, bei der Festnahme aber keinen Widerstand geleistet. "Er wurde wie eine Ratte gefangen", sagte Generalmajor Odierno. Die Soldaten, die an dem Einsatz beteiligt waren, hätten bis zuletzt nicht gewusst, gegen wen sich die Razzia gerichtet habe.

Die Soldaten hätten auch kein Telefon, ein Funkgerät oder andere Kommunikationsmittel bei ihm gefunden. Dies bestärke den Verdacht, dass Hussein nicht in größerem Ausmaß an der Koordinierung der Angriffe auf die US-Truppen beteiligt war. "Er war dabei vor allem moralische Unterstützung", sagte Odierno. "Ich glaube auch nicht, dass es eine nationale Koordination gibt."

Suchaktion in Tikrit Anfang Dezember: Achtmonatige Fahndung erfolgreich abgeschlossen
AP

Suchaktion in Tikrit Anfang Dezember: Achtmonatige Fahndung erfolgreich abgeschlossen

Sanchez sagte, eine friedliche Zukunft des Irak sei nun bedeutend näher gerückt. Adnan Padschadschi, Mitglied des irakischen Regierungsrats, erklärte bei der Pressekonferenz: "Der Staat der Angst und des Geheimdienstes ist endgültig gestürzt." Einige US-Militärs warnten indes, der Guerilla-Krieg im Irak sei noch nicht gewonnen.

Der britische Premier Tony Blair feierte die Festnahme als historischen Erfolg für die Alliierten und einen demokratischen Irak. "Saddam hat die Macht verloren, er wird nicht zurückkommen", sagte Blair am frühen Nachmittag in einer TV-Ansprache. Mit der Festnahme sei auch die Behauptung, "dass wir Krieg gegen die Muslime führen" als Lüge entlarvt.

Um sich selbst zu überzeugen, ist eine Delegation des irakischen Verwaltungsrates zur Zelle Saddam Husseins gefahren. Ein Mitglied des Rates bestätigte am Nachmittag bei einer separaten Pressekonferenz des Rates, er habe den inhaftierten Saddam gesehen. Nach Angaben von Ahmad Chalabi, einem der wichtigsten Mitglieder des Rates, war Saddam Hussein bei seiner Festnahme bewaffnet. Er habe die Waffe aber nicht einzusetzen versucht.

Pluspunkt für Wahlkämpfer Bush

Saddam Hussein regierte den Irak 23 Jahre lang bis zum 9. April. Seither war er untergetaucht. Die USA hatten ein Kopfgeld von 25 Millionen Dollar auf seine Ergreifung ausgesetzt. Auf der 55-köpfigen Liste der von den USA meist gesuchten Personen stand er auf Platz eins.

Endstation: Videobild des Erdlochs
AP

Endstation: Videobild des Erdlochs

Den US-Truppen war der Ex-Dikator bisher immer entkommen. Wiederholt wurde berichtet, er wechsele alle paar Stunden seinen Aufenthaltsort, verkleide sich und werde von seinem Familienclan unterstützt. Die Verhaftung Saddams dürfte ein wichtiger Moralschub für die US-Truppen im Irak sein, die unter fast täglichen Terror-Angriffen leiden. Auch könnte der Erfolg die Chancen Bushs für eine Wiederwahl im November 2004 erhöhen.



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