SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

24. September 2010, 16:11 Uhr

Ex-Geisel Betancourt

"Dann werde ich panisch, dann werde ich krank"

2322 Tage lang war Ingrid Betancourt in der Gewalt der kolumbianischen Terrorgruppe Farc. Gefangen im Dschungel, oft angekettet, ständig bedroht, manchmal gefoltert. Dann die Befreiung. Die SPIEGEL-Redakteure Britta Sandberg und Klaus Brinkbäumer trafen die 48-Jährige in New York.

Ist Glück für Sie heute etwas anderes als vor der Gefangenschaft?

1. "Ja, früher hatte es viel mit Erfolg zu tun. Heute ist es Ruhe, Frieden, Gelassenheit."

Sie waren eine sehr ehrgeizige, kämpferische Frau. Ist es nicht unmöglich, die eigene Ungeduld aufzugeben?

2. "Sechseinhalb Jahre sind lang, der Verlust von Ungeduld ist ein Prozess. Irgendwann ist sie weg, das war nicht schwierig."

Ingrid Betancourt, 48, ist eine zarte Frau, leise lächelnd, fast schüchtern betrat sie das Zimmer, West Village, New York. Betancourt, französische und kolumbianische Staatsbürgerin, kandidierte bei den Präsidentschaftswahlen in Kolumbien, als sie am 23. Februar 2002 auf dem Weg zu einer Veranstaltung im Süden entführt wurde. Sie trägt ein ärmelloses, gerüschtes Kleid, trinkt grünen Tee, sie spricht leise.

Machen Sie eine Therapie, um das Trauma zu verarbeiten?

3. "Ja, eine Therapie, die mir viele Erklärungen gab. Geiseln wollen überleben, sie sind sehr konzentriert auf ihren eigenen kleinen Blickwinkel."

Geiseln werden zu Egoisten?

4. "Ja, und in meinem Fall war es so, dass die Entführer gesagt hatten: 'Wenn es innerhalb eines Jahres keine erfolgreichen Verhandlungen gibt, werden die Geiseln erschossen.' Und später dann: 'Wenn das Militär kommt, sterben die Geiseln.' So etwas brennt sich ein - ich habe an jedem einzelnen Tag nur an mich selbst und meine Flucht gedacht. Emphatisch wird man in so einer Situation nicht. Wir waren alle manipuliert und verstanden es nicht. Oder zu spät. Die Entführer wollten, dass es keine Solidarität zwischen uns gab, sie wollten keine starke Gruppe, sondern verzweifelte Einzelne, die sich gegenseitig hassten - also intrigierten sie, erzählten den anderen Schlechtes über mich und mir Schlechtes über die anderen. Es war furchtbar: Ich hatte Angst, immer nur Angst, und die anderen kritisierten mich ständig, und ich konnte das nicht verstehen."

Und in Freiheit …

5. "… musste ich vor allem das Verhältnis zu meinen Kinder neu aufbauen, das war meine absolute Priorität. Ich wollte wieder Mutter sein."

Ihre Kinder waren 13 und 16 Jahre alt, als Sie entführt wurden …

6. "… und erwachsen, als ich zurückkam. Loszulassen ist bestimmt für alle Eltern heikel, aber ich hatte keine Ahnung, was ich nun tun sollte. Es war wie eine Zeitreise, als versuchte ich, eine verschlossene Tür zu öffnen. Ich tat, was ich immer getan hatte und dachte, ich würde ihnen so helfen - aber sie hatten das Gefühl, ich stürme ihre Privatsphäre. Das klingt bestimmt kitschig, aber Liebe hilft. Ich hatte im Dschungel über einen Radiosender für Geiseln und deren Angehörige selbst die Stimme meiner Mutter gehört und verstanden, welche Kraft das ist: die Stimme einer Mutter, die Stimme eines Vaters. Meine Kinder wollten mich ja sehen und hören, nur ihre Reaktionen waren eben anders als ich es erwartet hatte. Wir haben erst lernen müssen auszusprechen, was wir fühlen, und so begann dann der Fluss der Kommunikation von Neuem. Und irgendwann, und das war sehr erfüllend, war ich wieder ihre Mutter."

Konnten Ihre Kinder verstehen, was Ihnen zugestoßen ist?

7. "Ja, aber noch wichtiger war, dass sie ebenfalls als Opfer wahrgenommen wurden, sogar von mir. Auch für sie war es nicht fair, auch ihnen sind im Februar 2002 viele Dinge geraubt worden."

Was war Ihre Überlebensstrategie während der sechs Jahre in Geiselhaft?

8. "Es geht darum, dass man sich einen Bereich schafft, in dem man autonom ist. Wenn ich nicht entscheiden darf, wohin ich gehe und wie ich leben will, entscheide ich eben über meinen Tagesablauf. Gymnastik und Yoga, baden, meditieren, darüber konnte ich entscheiden. Ich hatte zwei Bücher, "Harry Potter" und die Bibel, und mit der Bibel habe ich mir ein fotografisches Gedächtnis antrainiert: Welche Textstelle war noch mal wo? Und dann habe ich mich selbst erkundet: Wie will ich leben, wenn ich frei bin, wer war ich, und wer will ich künftig sein? Das Wichtigste ist, dass du dir diesen kleinen Raum für dich selbst erhältst, denn egal was sie dir antun - dann erreichen sie dich nicht."

Lässt sich eine Lebenslücke von sechs Jahren irgendwann schließen?

9. "Nein, als ich zurückkam, hatte ich so viel verpasst: den Irak-Krieg, Wahlen, Filme, Bücher, Musik. Und dann hatte ich auf einmal kurz nach meiner Befreiung dieses kleine merkwürdige Telefon in der Hand, das alles konnte, ich kam direkt aus dem Dschungel und hatte einen Blackberry. Aber dann dachte ich, wenn Kommunikation jetzt jederzeit und von überall möglich ist, wieso ruft dich keiner an? Warum rufen meine Kinder nicht an? Einmal pro Tag wenigstens, lieber zweimal! Ich habe dann mit meinem Sohn gesprochen und ihm gesagt: 'Lorenzo, ich versuche dich den ganzen Tag lang anzurufen, und du antwortest nicht mal.' Und er sagte: 'Mama, ich habe Freunde, ich habe bestimmte Dinge zu tun, ich kann nicht ständig mit dir reden.' Es war unfassbar hart, ich habe tagelang geweint. Und ich begriff, dass er Recht hatte."

Ingrid Betancourt hat noch keine eigene Wohnung gefunden, weil sie sich noch nicht entschieden hat, wo und wie sie künftig leben will. Sie hat sich von ihrem Ehemann getrennt und pendelt nun zwischen den Wohnsitzen ihrer Kinder, zwischen Paris und New York. Ein Buch hat sie geschrieben, um den sechs Jahren "wenigstens einen Sinn zu geben", wie sie sagt. Die anderen Gefangenen kritisierten sie nach der Befreiung öffentlich, als Diva und Zicke wurde sie beschrieben, aber Ingrid Betancourt sagt, sie verstünden sich gut, wüssten alles voneinander, seien zur Familie geworden.

Haben Sie noch Alpträume?

10. "Ja, ständig. William, einer meiner Mitgefangenen, sagte mir neulich, dass er noch immer diese Stressmomente habe, die wir alle hatten, wenn wir fliehen und hektisch das Lager wechseln mussten und die Wachen uns bedrohten. Aber ihn ereilt die Panik, wenn er am Flughafen ist oder durch eine Stadt geht. Ich kenne das gut, auch hier in New York drehe ich mich ständig um. Das Schlimmste sind Hubschrauber. Wenn ich einen Hubschrauber höre, werde ich panisch, dann schwitze ich, muss ein Badezimmer finden, dann werde ich wieder krank. In den sechs Jahren vor der Befreiung kreisten Dutzende von Hubschraubern über uns, und jedes Mal dachten wir, gleich würden wir sterben."

URL:

Mehr auf SPIEGEL ONLINE:


© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH