Ex-Gefangener des IS "Sie schauen die gleichen Filme"

Zehn Monate lang war Nicolas Henin Geisel des "Islamischen Staats", dann kaufte ihn Frankreich offenbar frei. Jetzt spricht er über seine Zeit in Syrien: "Um Gnade zu bitten, ist das Schlimmste, was man machen kann."

Fotoreporter Henin: "Sie sprechen unsere Sprache"
AP/ Benoit Schaeffer

Fotoreporter Henin: "Sie sprechen unsere Sprache"


London/Hamburg - Viele andere Gefangene mussten sterben, doch Nicolas Henin überlebte die Geiselhaft: Zehn Monate war der französische Journalist in der Gewalt des britischen IS-Terroristen Mohammed Emwazi - zehn Monate lang fürchtete er, wie andere von "Jihadi John" brutal ermordet zu werden.

Mit der BBC sprach er nun über seine Zeit als IS-Geisel: "Um Gnade zu bitten, ist das Schlimmste, was man machen kann", sagte er: "Das ist dumm, versuch es nie."

Die Dschihadisten hielten Henin von Sommer 2013 bis April 2014 in Syrien gefangen. Sieben Monate davon verbrachte der Journalist zusammen mit dem US-amerikanischen Reporter James Foley, den "Jihadi John" schließlich enthauptete. Henin entging diesem Schicksal nur, weil die französische Regierung den Geiselnehmern offenbar ein Lösegeld in Millionenhöhe zahlte - was Briten und Amerikaner grundsätzlich ablehnen.

In dem Interview hob Henin vor allem seine Abhängigkeit von den Terroristen hervor: "Als Geisel bist du nur eine Marionette", sagte er. Es sei daher wichtig gewesen, mit den Geiselnehmern in Kontakt zu stehen - nicht nur wegen der Versorgung mit Nahrung und Medizin: "Ich habe erfahren, dass diese Dschihadisten wenig mit den lokalen arabischen und muslimischen Kulturen zu tun haben", so Henin. "Sie sprechen unsere Sprache, sie schauen die gleichen Filme, die wir schauen. Sie spielen die gleichen Videospiele, die unsere Kinder spielen." Nach Beispielen gefragt, sagte er wörtlich: "Das reicht von den 'Teletubbies' bis 'Game of Thrones'". Henins Fazit: "Sie sind Produkte unserer Kultur, unserer Welt."

Henin schrieb heimlich ein Kinderbuch

Viele der Dschihadisten seien ursprünglich nach Syrien gekommen, um in dem seit vier Jahren wütenden Bürgerkrieg zu helfen, glaubt Henin. Aber die IS-Anhänger seien "zerbrechliche Menschen". Direkt nach ihrer Ankunft würden ihre Rekrutierer sie zu schweren Verbrechen anstiften, "und dann gibt es für sie keinen Weg mehr zurück".

Die menschliche Seite seiner Entführer ändere jedoch nichts an deren unermesslichen Brutalität, so Henin: Während er überlebte, ermordeten "Jihadi John" und seine Komplizen etwa Alan Henning, Foley, Steven Sotloff und Peter Kassig. Nach dem Tod des russischen Gefangenen Sergej Gorbunow, der während seiner Zeit als Geisel ermordet wurde, hätten die überlebenden Gefangenen für ihn eine kleine Zeremonie abgehalten: "Alle bezeugten Achtung vor ihm", so Henin. Ein Gefangener habe eine Rede gehalten, "und dann legten wir eine Schweigeminute ein".

Auch über ein sehr persönliches Projekt während seiner Geiselhaft sprach Henin mit der BBC: Gemeinsam mit dem ebenfalls vom IS gefangen genommenen französischen Journalisten Pierre Torres schrieb er in Gefangenschaft heimlich ein Kinderbuch für seine fünfjährige Tochter, Titel: "Wird Papa Igel jemals heimkehren?". Er habe sich selbst oft während seiner Zeit in Syrien gewünscht, ein Igel zu sein: "Ich mochte die Idee, einen guten Schutz zu haben", so sagte Henin - "obwohl der Schutz eines Igels absolut nutzlos ist."

Korrektur: Eine erste Version dieses Textes trug als Überschrift "Die Dschihadisten schauten 'Teletubbies'." Quelle dafür war eine BBC-Meldung, in der Henin offenbar verkürzt wiedergegeben wurde. Wörtlich sagte Henin in dem Interview: "Sie schauen die gleichen Filme, die wir schauen. Sie spielen die gleichen Videospiele, die unsere Kinder spielen." Auf Nachfrage der BBC-Moderatorin, um welche Videos und Spiele es gehe, antwortete Henin dann: "Das reicht von den 'Teletubbies' bis 'Game of Thrones'."

mxw/ron

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