Ex-Kanzler bei Wirtschaftstreffen Schröder wirbt für Vertrauen zu Russland

Kann man der russischen Führung noch vertrauen? Für Ex-Kanzler Gerhard Schröder ist das keine Frage. Bei einer Veranstaltung in Rostock bekannte sich der SPD-Politiker dazu, ein "Russland-Versteher" zu sein: Er sei sogar stolz darauf.


Berlin/Rostock - Aus Sicht von Gerhard Schröder entwickeln sich die Beziehungen des Westens mit Moskau in die falsche Richtung. Beim Russlandtag in Rostock warb der ehemalige Bundeskanzler dafür, den Dialog mit Russland trotz des fortwährenden Ukraine-Konflikts zu suchen. "Nur so kann Vertrauen entstehen, das derzeit fehlt", sagte Schröder.

Der SPD-Politiker sprach auf einer Veranstaltung der Landesregierung Mecklenburg-Vorpommerns, einem von Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) ausgerichteten Wirtschaftstreffen mit mehr als 400 Teilnehmern vornehmlich aus dem Bundesland im deutschen Nordosten und dem Gebiet rund um St. Petersburg. Schröder lobte ausdrücklich das Veranstaltungsformat, an dem es in den vergangenen Wochen scharfe Kritik gegeben hatte. Solche Treffen könnten zu einem neuen Brückenschlag zwischen Deutschland und Russland führen, sagte Schröder.

Allerdings schließe ein Dialog Kritik nicht aus. "Kritik gehört zu einem sachlichen Austausch von Meinungen dazu", betonte Schröder. Er mahnte die Politik, weiter um ein friedliches Europa zu ringen. "Es ist uns - und da schließe ich meine Amtszeit ausdrücklich mit ein - nicht gelungen, eine stabile Friedens- und Sicherheitsstruktur in Europa zu schaffen", sagte er.

Schröder: Stolz auf den Titel "Russland-Versteher"

Schröder ist Aufsichtsratsvorsitzender der Nord Stream AG und gilt als Vertrauter von Russlands Präsident Wladimir Putin. In der Vergangenheit hat er immer wieder um Verständnis für russische Positionen geworben. Russland fühle sich schon seit den Zeiten Napoleons vom Westen bedroht, sagte der SPD-Politiker. Dies müsse man bei seinem Handeln im Hinterkopf haben.

Der Begriff "Russland-Versteher" sei zu einem Kampfbegriff geworden, mit dem jene diskreditiert werden sollten, die eine differenzierte Debatte führen wollten, sagte Schröder. "Ich stehe dazu, dass ich Russland, seine Menschen und seine politische Führung verstehen will. Ich schäme mich dafür nicht, im Gegenteil: ich bin stolz darauf."

Gleichzeitig warnte der Ex-Kanzler die USA und die EU vor neuen Russland-Sanktionen in der Ukraine-Krise. "Die gegenseitigen Sanktionen schaden beiden Seiten immer", sagte Schröder laut Redemanuskript. "Deswegen mahne ich an, dass sowohl die russische als auch die europäische Politik aus der Spirale von immer schärferen Wirtschaftssanktionen herausfinden müssen." Vergangene Woche hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel die Aufhebung von Sanktionen gegen Russland in der Ukraine-Krise abgelehnt. Zugleich hatte aber auch sie betont, dass es "gute Gründe gibt, die Energiepartnerschaft mit Russland fortzusetzen".

Schröder betonte zudem die Bedeutung einer wirtschaftlichen Verflechtung mit Russland, mit dem Europa gemeinsame Interessen habe. "Wir sind gut beraten, diese Energie- und Rohstoffpartnerschaft weiter auszubauen - nicht nur, weil Russland ein verlässlicher Lieferant war, ist und bleibt, sondern auch, weil unsere deutsche Industrie auf diese Rohstoffe, dabei geht es nicht nur um Öl und Gas, existenziell angewiesen ist", sagte der SPD-Politiker.

Russlands Botschafter Wladimir Grinin beklagte eine rückläufige Entwicklung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Russland. Der Warenumsatz im ersten Halbjahr 2014 habe sich um 6,5 Prozent verringert, sagte Grinin. Insbesondere der deutsche Export nach Russland ist demnach betroffen. Im Juli sei der Export um 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat gefallen. Über das ganze Jahr gesehen könnte der Export um bis zu 25 Prozent sinken. Nach den Sanktionen des Westens wegen der Rolle Russlands im Ukraine-Konflikt hat Moskau seinerseits einen Importstopp für eine Reihe von Produkten aus der EU angeordnet.

Als problematisch bezeichnete Grinin das Schwinden des gegenseitigen Vertrauens. In den vergangenen Jahren sei eine privilegierte Zusammenarbeit aufgebaut worden. Dieses Vertrauen wieder herzustellen, sei wesentlicher schwerer als nur die ökonomischen Wunden zu behandeln.

flo/dpa/Reuters

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playintime 01.10.2014
1. Kanzler Schröder
war eine innenpolitische Katastrophe. Aussenpolitisch war er ein Glücksfall. Stellen sie sich mal vor, Merkel wäre damals schon Kanzlerin gewesen und mit Bush gemeinsam in den Krieg gezogen.
arakiel 01.10.2014
2. ...
Natürlich kritisiert er die Sanktionsspirale, sie wirkt sich doch direkt auf seinen Geldbeutel aus...alles andere ist für ihn doch nachrangig
analyse 01.10.2014
3. Diesmal liegt Herr Schröder völlig richtig !
Immerhin gehören auch Merkel und Steinmeier zu den gemäßigten in dxer Ukraine-Krise,sie sollten sich unabhängiger machen von den USA in diesem Fall! Mir fehlt ein Wort Schröders zu der Politik Kiews !
Hornblower, 01.10.2014
4. Liebe Hardliner
der Ukraine, Poroshenko, Jajen.. Timo.. etc. Jedes Gran, dass ihr unseren Wirtschaftsbeziehungen mit Russland entzieht, fehlt auch der EU. Und damit schwindet die Bereitschaft auch nur einen Cent für Eure Assoziierung auszugeben. Und daran wird auch nicht der polnische Ukraine-Versteher Tusk etwas ändern. Bewacht Juncker. Ich fürchte um seine Sicherheit, denn mit ihm wird sich die EU und Europa stabilisieren. Dorothee Sehrt-Irrek
zzipfel 01.10.2014
5. Nachbarländer zu annektieren ...
... deren Integrität man wenige Jahre zuvor als Gegenleistung für einseitige Abrüstung im Rahmen des Budapester Abkommens völkerrechtlich garantiert hat, gehört halt nicht zu den besonders vertrauensbildenden Maßnahmen. Der KGB-Mann Ras-Putin hat von seiner verlogenen KPdSU in deren Dunstkreis und als deren Mitglied er erzogen worden ist, eine Menge gelernt: wie man agressiv und erfolglos seine Nation in den Abgrund führt. Der geldgierige deutsche Pudel kommt ihm dabei als Schoßhündchen gerade recht. Geld stinkt nicht, Herr Schröder?
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