Ex-Kindersoldaten im Kongo Kibomangos Kampf gegen das Grauen

Kibomango war Kindersoldat im Dschungel des Kongo. Bis ihm ein Bombensplitter das Auge zerfetzte. Heute kämpft er im Boxring dafür, dass andere traumatisierte Ex-Kämpfer das Grauen vergessen. Die Fotografin Francesca Tosarelli hat seine Arbeit dokumentiert.

Francesca Tosarelli

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Wenn Kibomango trainiert, knirscht der rote Sand unter seinen Füßen, Fäuste zischen durch die Luft, der graue Sandsack leidet. Einen Boxring gibt es nicht in Goma, im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo. Eigentlich gibt es nicht einmal einen richtigen Boxclub. Stattdessen schwitzen Kibomango und seine Jungs in einem winzigen Raum in den Katakomben des Fußballstadions. Die jungen Männer folgen dem Weg seiner Fäuste mit den Augen. Viele von ihnen haben in ihrem früheren Leben als Kindersoldaten getötet. Kibomango will verhindern, dass sie es wieder tun.

Unter seiner Haut spannen die Muskeln, er hat ein breites Kreuz. Kibomango braucht es, denn die Aufgabe ist gewaltig: Wenn der 35-Jährige zum Training kommt, sieht er an der Straße vor seinem Boxclub die Rekrutierer der Rebellen. Sie flüstern den Jungen ein: Komm zu uns. Wir zahlen dir Sold. Wir haben Frauen. Mancher wird schwach und verschwindet mit ihnen im Dschungel. Obwohl er weiß, was ihn dort erwartet.

Goma ist so etwas wie die Rebellenhauptstadt des Kongo. In den Wäldern rund um den Ort marodieren die Milizen, im Dezember 2012 hatte die M23-Gruppe die Stadt für zwölf Tage besetzt. Auch wenn es derzeit ruhig bleibt: Weit sind die Rebellen in Goma nie. Die Armut der Slums treibt nicht nur frische Rekruten, sondern auch Veteranen zurück in die Arme der Rebellen.

Francesca Tosarelli hat Kibomango besucht, sogar mit ihm trainiert. Die italienische Fotografin ist Anfang 2013 in das Krisengebiet im Ostkongo gereist. Dort fotografierte sie weibliche Kämpfer der Rebellengruppen (siehe Bildergalerie unten) - und verbrachte Zeit mit Kibomango und seinen Jüngern. "Für die jungen Männer ist er eine Vaterfigur, sie blicken zu ihm auf", sagt Tosarelli. "Alle sind wütend und verzweifelt. Beim Boxen können sie alles rauslassen."

Fotostrecke

16  Bilder
Frauen in Afrikas Milizen: Kalaschnikow und Nagellack
Bombensplitter nahm Kibomango ein Auge

"Friendship Club" nennt Kibomango seine Gruppe, die sich jeden Morgen um sechs Uhr zum Training trifft. Dem US-Radiosender NPR sagte er: "Wenn ich junge Leute so an sich arbeiten sehe, macht mich das sehr froh. Nach allem, was wir durchgemacht haben."

Denn Kibomango weiß genau, welches Grauen viele seiner Kämpfer erlebt und verbreitet haben. Sein linkes Auge fehlt, Narbengewebe bedeckt die Augenhöhle. Beim Boxen hat er sich diese schreckliche Verletzung nicht zugezogen. Kibomango - geboren als Balezi Bagunda, aber jeder in Goma nennt ihn bei seinem Ringnamen - streifte mit den Milizen durch den Kongo, kämpfte und mordete. Irgendwann erwischte ihn ein Bombensplitter im Gesicht. Für den Dienst an der Waffe taugte er danach nicht mehr.

Trotz der Behinderung steigt er weiter in den Ring. Heute nennt er sich kongolesischer Box-Meister, auch wenn die genauen Umstände des Titelgewinns undurchsichtig sind. Finanziell nützt ihm der Titel ohnehin nichts, mit dem Boxen verdient er kein Geld. Stattdessen bringt Kibomango seine Großfamilie als Automechaniker durch.

Boxer und Mechaniker in den Straßen von Goma

Jeden Tag schuftet er auf den Straßen von Goma in oder unter irgendwelchen Fahrzeugen. Er bringt jedes Auto zum Laufen, sagt er. Auch diese Fähigkeiten gibt Kibomango an seine jungen Boxer weiter. Ein bezahlter Job ist ein gutes Mittel gegen die Offerten der Rebellen, das weiß er.

Vor dem Tagwerk steht jedoch die Trainingsstunde unter dem Fußballstadion. Der Sport hilft den Jungen, ihre Wut auszuleben. Zugleich bläut ihnen Kibomango ein, dass es beim Boxen nicht nur um rohe Gewalt geht. Technik, Geduld und Selbstkontrolle machen einen guten Kämpfer aus, so seine Botschaft. Diese Werte sollen seine Schüler weitertragen. Er will sie zu Multiplikatoren machen. Sie selbst sollen verhindern, dass andere junge Leute in die Falle der Rebellen gehen.

Natürlich weiß er, dass er in eine aussichtslose Schlacht zieht. Zu viele junge Menschen lungern auf den Straßen des Kongo. Zu verführerisch klingen die Lockangebote der Menschenfänger. Doch im Ring hat sich Kibomango noch nie gedrückt, auch nicht vor vermeintlich übermächtigen Gegnern. Deshalb steht er jeden Morgen um sechs Uhr in dem kleinen Boxstall vor seinen Schülern und vertrimmt den Sandsack. Er kämpft für seine Vision des Kongo. Für ein Land, in dem nur noch Fäuste fliegen - und keine Granaten mehr.



insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
spon-facebook-10000490293 14.10.2013
1. das grauen vergessen?
ihnen ist aber schon klar, dass die männer sich während der boxkämpfe wieder in den "Killer-modus" begeben, den sie während ihrer zeit als kämpfer kennen gelernt haben, und nach dem sie süchtig sind (und ein leben lang sein werden - alkohol und so)? ...
spon-facebook-10000490293 14.10.2013
2. ....
"Der Sport hilft den Jungen, ihre Wut auszuleben. Zugleich bläut ihnen Kibomango ein, dass es beim Boxen nicht nur um rohe Gewalt geht. Technik, Geduld und Selbstkontrolle machen einen guten Kämpfer aus, so seine Botschaft. Diese Werte sollen seine Schüler weitertragen." diese werte machen übrigens auch einen guten soldaten aus...
spiekr 14.10.2013
3. Das Grauen
kommt von den Eltern der Monster, welche Kinder und andere zum Töten bringen. Diese Eltern haben Gründe, ihr erzieherisches Versagen der vorigen Generation (oder noch besser: den "Umständen") anzulasten bis zurück zu Adam und Eva. Alternativ: Die "Anderen" haben schuld, vorzugsweise der "weisse Mann". Der Rassismus des neuen "guten weissem Mannes" besteht darin, den gewalttätigen Afrikanern ihre Verantwortung vorzuenthalten.
spon-facebook-10000490293 14.10.2013
4. die eltern sind schuld?
Zitat von spiekrkommt von den Eltern der Monster, welche Kinder und andere zum Töten bringen. Diese Eltern haben Gründe, ihr erzieherisches Versagen der vorigen Generation (oder noch besser: den "Umständen") anzulasten bis zurück zu Adam und Eva. Alternativ: Die "Anderen" haben schuld, vorzugsweise der "weisse Mann". Der Rassismus des neuen "guten weissem Mannes" besteht darin, den gewalttätigen Afrikanern ihre Verantwortung vorzuenthalten.
wos? du weisst schon das es da in goma/kongo seit 200 jahren ein grauenhaftes leben ist, bei dem der genetisch veranlagten jagdtrieb / blutrausch / killermodus (bei uns auch als psyhopathien oder antisoziale ps umdeklariert) bei nahezu der gesamten männlichen bevölkerung zum vorschein kommt? es gibt doch mittlerweile sogar studien, von wissenschaftlern/ärzten, die sogar explizit nach goma fahren und dort ehemalige kämpfer in diesem riesigen konfliktgebiet untersuchen. zum beispiel handelt ein teil dieser doku genau davon: Startseite - ZDF Mediathek (http://www.zdf.de/ZDFmediathek#/beitrag/video/1758614/T%C3%A4ter-ohne-Reue)
medicus22 14.10.2013
5.
Zitat von spon-facebook-10000490293ihnen ist aber schon klar, dass die männer sich während der boxkämpfe wieder in den "Killer-modus" begeben, den sie während ihrer zeit als kämpfer kennen gelernt haben, und nach dem sie süchtig sind (und ein leben lang sein werden - alkohol und so)? ...
Wir bringen jugendlichen Gewalttätern doch auch das Boxen bei, damit sie das nächste mal kraftvoller zuschlagen können. Haben sich irgendwelche Schöngeister ausgedacht. Jeder der selber trainiert, wird wohl bestätigen können, dass man sich stärker fühlt und diese Stärke auch einsetzen würde....(auch wenns nur im Notfall ist)
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